Kabarettist über sein neues Buch "Vollhorst"

Bruno Jonas: "Das Volk ist manipulierbar"

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Bruno Jonas neues Buch "Vollhorst" ist auf dem Weg zum Bestseller.

München - Mit dem Buch Vollhorst schenkt Bruno Jonas seinen Fans einen Rundumschlag gegen die deutschen Politikerszene. Wir trafen den Kabarettisten zum Gespräch.

Wie würden Sie einen Vollhorst definieren?

Bruno Jonas: Der Vollhorst ist eine höhere Lebensform, die sich über verschiedene Mutationen ergeben hat, vom Viertelhorst über den Halbhorst, vielleicht sogar durch Kreuzung mit dem Dreiviertelsigmar. Ich glaube, dass der Vollhorst eine ganze Politikergeneration im postdemokratischen Zeitalter repräsentiert. Er ist sehr anpassungsbereit, weil das Motiv für sein politisches Handeln immer der Machterhalt ist, und dazu braucht er möglichst viele Wählerstimmen.

Nun heißt der bayerische Landesvater mit Vornamen Horst – gibt es einen Zusammenhang?

Jonas: Das könnte sein. (Lacht.) Aber der Herr Seehofer kann natürlich nichts dafür, dass er Horst heißt. Da müsste man jetzt seine Eltern fragen, warum sie ihren Sohn so genannt haben.

Ein erfolgreicher Politiker nimmt nach Ihrer Definition „die Mehrheitsmeinung in sich auf und stellt sie als Produkt des gesunden Menschenverstandes dar“.

Jonas: Richtig. Aber das ist keine neue Erkenntnis. Politisches Verhalten sucht immer die Legitimation über den sogenannten gesunden Menschenverstand. Aber was hat man darunter zu verstehen? Übrigens sucht auch Horst Seehofer die „Koalition mit dem Volk“, wie er sagt. Damit unterstellt er, dass das Volk vernünftig ist. Und da bin ich sehr skeptisch. Das Volk ist nämlich manipulierbar. Schauen wir doch ins Mutterland der Demokratie, nach Griechenland. Die Politiker, die das Chaos angerichtet haben, sind immer korrekt gewählt worden – Papandreou, Simitis, Karamanlis, Samaras und jetzt eben Tsipras. Deshalb sollte man von Zeit zu Zeit kritisch hinterfragen, ob die Mehrheit immer recht hat.

Dass die dekonstruktivistische Sexualpädagogik die einzig richtige ist, glaubt sicher nur eine Minderheit. Trotzdem widmen Sie ihr im Buch viel Platz ...

Jonas: Weil ich glaube, dass das Thema Gender künftig einen breiteren Raum einnehmen wird. In Baden-Württemberg ist es ja schon so weit, dass eine neue Form des Sexualkundeunterrichts in den Lehrplan aufgenommen werden soll. Er sieht vor, Kinder vor der Geschlechtsreife sozusagen abzufangen, damit sie sich nicht zu früh festlegen in ihrer sexuellen Orientierung. Das halte ich für bedenklich.

Die flächendeckende „Verkrippung“ von Kleinkindern – auch ein Thema, das Sie umtreibt.

Jonas: Darauf bin ich gekommen durch ein Interview mit dem Psychotherapeuten Hans-Joachim Maaz. Der hat daran erinnert, dass die Bindungsfähigkeit von Kindern vor allem in den ersten drei Jahren geprägt wird. Wenn man die Kinder in dieser Zeit in die Krippe gibt, wo sie sich die Bezugsperson teilen müssen, löst das Stress aus, es kann sogar zu regelrechten Burnouts kommen. Ich habe den Eindruck dass die Debatte über Kinderbetreuung nicht aus der Sicht des Kindes, sondern immer aus der Sicht der Wirtschaft geführt wird. Die Frauen sollen ihre Erwerbstätigkeit nicht unterbrechen, damit die Sozialsysteme nicht über Gebühr belastet werden. Man könnte provokant fragen: Haben Kinder in Deutschland noch ein Recht auf Eltern?

Auch die Alternativlosigkeit der Europäischen Union ist Ihnen ein Dorn im Auge ...

Jonas: Es stört mich, dass man das Thema immunisiert gegen Kritik. Wer gegen Europa ist, wird in die reaktionäre Ecke gestellt. Das mag ich nicht. Mir stellt sich die Situation so dar, dass man ein europäisches Haus bauen wollte und mit dem Dach angefangen hat. Und jetzt versucht man nachträglich Wände einzuziehen, damit das Dach nicht einstürzt. Das wirkt nicht vertrauenerweckend.

Nun sind die Linken traditionell eher für Europa, die Rechten eher europakritisch.

Jonas: Die Diskussion über Europa wird leider immer zu einer parteipolitischen Debatte umfunktioniert. Ich wehre mich aber dagegen, in dieser parteipolitischen Debatte auf irgendeiner Seite mitkämpfen zu müssen. Die europäische Idee finde ich großartig, aber so wie diese Idee jetzt zu Grabe getragen wird unter dem Vorwand, sie zu retten – das kommt mir komisch vor.

Früher hat man als Kabarettist eher bekannt, links zu sein.

Jonas: Aber die Zeiten haben sich geändert. Links zu sein, das war nach dem Krieg und vielleicht bis in Achtzigerjahre eine nachvollziehbare Position unter Künstlern, die vermutlich bis in die Geburtsstunde des Sozialismus Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts zurückreicht. Nach dem Motto: Wir sind links, wir sind die Guten. Aber das funktioniert heute nicht mehr, die Debatten sind komplexer geworden. Links und rechts, das sind Vokabeln, die nur noch den Parteien helfen, die sich gerne noch so unterscheiden und so tun, als gebe es keine unabhängige Position.

Manche sprechen von Parteiendiktatur ... .

Jonas: Dieser Begriff ist mir zu stark. Aber man muss fragen, was sich die Parteien einbilden. Überall haben sie sich breitgemacht, sogar in den Medien bestimmen sie über die Besetzung von Posten. Ich verstehe, dass die Parteien ihre Pfründe verteidigen wollen, aber wir Künstler sollten die Chance nutzen, uns von dieser bornierten Farbenlehre zu entfernen und uns eine eigene Meinung zu leisten.

Das ausführliche Interview mit Bruno Jonas finden sie beim Münchner Merkur.

R. Ogiermann

 

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