Regisseur Christoph Schlingensief ist tot

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Christoph Schlingensief

Berlin - Er war an Lungenkrebs erkrankt und hatte doch Pläne bis fast zuletzt. Jetzt starb der Film- und Theaterregisseur Schlingensief im Alter von 49 Jahren. Weggefährten, Künstler und Politiker trauern.

Christoph Schlingensief ist mit 49 Jahren an Krebs gestorben. Er gehörte zu den bedeutendsten Regisseuren der Gegenwart und hat wie nur wenige die deutschsprachige Film- und Theaterwelt gleichermaßen irritiert wie beflügelt. Vom Underground-Kino kommend, wurde das Enfant terrible der deutschen Kulturszene zum Aushängeschild für provokante Theater- und Operninszenierungen. Künstler und Politiker reagierten erschüttert auf den Tod.

Schlingensief starb am Samstag im Kreis seiner Familie in Berlin, wie seine Ehefrau Aino der Nachrichtenagentur dpa sagte. Er war Anfang 2008 an Lungenkrebs erkrankt und operiert worden. Darüber erstattete er ausführlich in dem bewegenden “Tagebuch einer Krebserkrankung“ Bericht.

Nach Rückschlägen ging es Schlingensief, der zuletzt im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg lebte, dann wieder besser. Die gesundheitliche Fortschritte animierten ihn auch wieder zu neuen künstlerischen Aktivitäten. Mit ihnen verarbeitete er gleichzeitig seine Krebserkrankung auf der Bühne. Diese Produktionen wie “Mea culpa“ oder “Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ am Wiener Burgtheater und bei der Ruhrtriennale hatten 2008 und 2009 große Beachtung gefunden.

Christoph Schlingensief: Bilder seines Lebens

Christoph Schlingensief ist tot. Er starb mit 49 Jahren an Krebs. Hier sehen Sie Bilder seines Lebens. © dpa
Christoph Schlingensief, aufgenommen beim Start seines Projektes eines Operndorfes in Burkina Faso © dpa
"Durch Kampf zum Sieg" steht auf dem T-Shirt, das der Regisseur Christoph Schlingensief am 17.9.1999 in der Berliner Volksbühne trägt. © dpa
Schlingensief  steht am 25.07.2004 beim Staatsempfang der bayerischen Staatsregierung anlässlich der Bayreuther Festspiele im Neuen Schloss in Bayreuth mit dem bayerischen Minsterpräsidenten Edmund Stoiber und seiner Frau Karin Stoiber zusammen auf der Bühne. © dpa
Schlingensief steht am 24.6.2002 vor der Firma des nordrhein-westfälischen FDP-Vorsitzenden Möllemann in Düsseldorf neben einem Huhn, das er später aussetzte. Im Rahmen der so genannten Aktion 18 verbrannte Schlingensief auch eine Strohpuppe, auf der das Bild des israelischen Ministerpräsidenten Scharon klebte, zerriss FDP-Plakate und kippte tote Fische auf eine israelische Fahne. Außerdem schüttete er eine Mixtur aus Patronenhülsen, Daunen, Waschpulver und Walsers umstrittenen Roman "Tod eines Kritikers" in ein mitgebrachtes Klavier. © dpa
Schlingensief am 30.10.1996 in Berlin bei Dreharbeiten zu seinem Film "Die 120 Tage von Bottrop - Der letzte Neue Deutsche Film" © dpa
Schlingensief sitzt am 06.05.2004 in Recklinghausen zusammen mit der Ziege "Parsival" in einem Wagen seiner "Wagnerrallye". Bei der viertägigen Aktion fuhren zehn Teams durch das Ruhrgebiet und beschallten dabei über Dachlautsprecher die Straßen mit Orchesterstimmen aus Wagner-Opern. © dpa
Schlingensief sitzt am 06.05.2004 in Recklinghausen zusammen mit der Ziege "Parsival" in einem Wagen seiner "Wagnerrallye". Bei der viertägigen Aktion fuhren zehn Teams durch das Ruhrgebiet und beschallten dabei über Dachlautsprecher die Straßen mit Orchesterstimmen aus Wagner-Opern. © dpa
Christoph Schlingensief und Irm Hermann proben am 22.1.2003 auf der Berliner Volksbühne ihren Auftritt als "Mutter" und "Sohn" in dem Stück "Atta Atta - Die Kunst ist ausgebrochen". "Atta Atta" ist zugleich Babysprache und Anspielung auf Mohammed Atta, einen der Attentäter des 11. September. © dpa
Schlingensief steht am 01.06.2006 vor der Eröffnung seiner Ausstellung "Animatograph" im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Für fünf Monate wurde im Museum die große Installation "Animatograph" gezeigt, die auf Schlingensiefs "Parsifal" - Inszenierung bei den Richard Wagner-Festspielen 2004 in Bayreuth zurückgeht. © dpa
Christoph Schlingensief (l) brachte mit seinem Projekt "Area 7. Matthäusexpedition" das Wiener Burgtheater an die Grenzen seiner technischen Möglichkeiten (Foto von der Kostümprobe am 16.01.2006). © dpa
Schlingensief steht am 28.07.2005 in Köln vor seiner "Church of Fear"("Kirche der Angst"). Die "Kirche der Angst" wurde zu Beginn des Irakkrieges im März 2003 von Schlingensief und weiteren acht Initiatoren als offenes Angstbündnis gegründet und soll die politische Auseinandersetzung fördern. © dpa
Christoph Schlingensief erklärt per Megaphon am 15.9.2003 an der Hauptwache in Frankfurt den Ablauf des Pfahlsitzwettbewerbs. © dpa
Christoph Schlingensief lächelt am 25.07.2004 beim Staatsempfang der bayerischen Staatsregierung anlässlich der Bayreuther Festspiele im Neuen Schloss in Bayreuth. © dpa
Christoph Schlingensief (l) und Alfons Eberz (Parsifal) proben am 02.08.2006 die Wiederaufnahme von Richard Wagners Oper "Parsifal" in Bayreuth. © dpa
Schlingensief führt am 13.03.2005 in der Manufaktur Schorndorf seine Kunstaktion "Schlingensief intim" auf. Dabei liest er aus seinem Bayreuth-Tagebuch vor und bereitet zugleich auf der Bühne eine Pute zu, die der 44-Jährige am Ende verteilt. © dpa
Der Regisseur Christoph Schlingensief (r) fotografiert neben Francis Kere, dem Architekten des "Operndorfes", in Burkina Faso © dpa
Nur noch ein einzelnes Buch "Tagebuch einer Krebserkrankung" von Christoph Schlingensief liegt am 21.04.2009 nach einer Pressekonferenz im Prater in Berlin auf einem Tisch. © dpa
Christoph Schlingensief und Tilda Swinton als Jury-Mitglieder beim Photocall der Berlinale-Jury am 05.02.2009 in Berlin. © dpa

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) sagte, mit Schlingensief verliere die Kulturszene einen ihrer vielseitigsten und innovativsten Künstler. Der Theatermacher und ehemalige Intendant der Münchner Kammerspiele, Frank Baumbauer (64), würdigte Schlingensief als “großartigen Wachrüttler“. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit sagte: “Ein großer Theatermann verlässt die Bühne.“ “Ich bin tief erschüttert, schockiert und traurig“, sagte die Bayreuther Festspielleiterin Katharina Wagner.

2009 gehörte der Regisseur auch zur Jury der Internationalen Filmfestspiele in Berlin. Im Mai 2010 inszenierte er das Opernprojekt “Via Intolleranza II“ nach Luigi Nono in Brüssel und anderen Orten. Zuletzt hatte Schlingensiefs überraschende Berufung zur künstlerischen Gestaltung des deutschen Pavillons bei der Biennale in Venedig 2011 Aufsehen erregt - für ihn selbst “eine Überraschung, eine Freude, aber auch eine schwere Last“. An der Pressekonferenz zur Vorstellung seiner Pläne hatte er Anfang Juli in Frankfurt am Main aber krankheitsbedingt nicht teilnehmen können.

Auch eine Produktion für die Ruhrtriennale (“S.M.A.S.H. - In Hilfe ersticken“) musste Schlingensief in diesem Sommer absagen. In einem Brief an sein Team nannte er als Begründung “neue Befunde“ in seinem Krankheitsfall - “ein paar harte Neuigkeiten“. Sein letzter Traum aber hieß Afrika mit einem eigenen “Festspielhaus“ in Burkina Faso, wozu er sogar unter dem Motto “Von Afrika lernen“ Schützenhilfe vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler sowie Unterstützung durch das Goethe-Institut und die Bundeskulturstiftung und Prominente wie den Schriftsteller Henning Mankell oder Sänger Herbert Grönemeyer erhielt.

Im Februar 2010 legte er den Grundstein dazu. Schlingensief sprach zuletzt lieber von einem “Operndorf“ mit Schule und Theatersaal, das kein “abgehobenes Bayreuth“ werden sollte, wie Schlingensief betonte, der von 2004 bis 2007 sein spektakuläres Debüt als Opernregisseur bei den Bayreuther Festspielen mit Richard Wagners Spätwerk “Parsifal“ gab, Wagners “Weltabschiedswerk“.

Der am 24. Oktober 1960 in Oberhausen geborene Christoph Maria Schlingensief galt als einer der bedeutendsten und oft auch provokantesten Regisseure und Aktionskünstler in der deutschsprachigen Kulturszene. Dabei hat der auch von Selbstzweifeln nie freie Regisseur sich in den letzten Jahren vehement dagegen gewehrt, stets als “Theaterprovokateur“ abgestempelt zu werden, wobei zu seinem Ruf Aktionen wie die auf “Big Brother“ anspielende Container-Installation “Ausländer raus - Bitte liebt Österreich!“ im Jahr 2000 in Wien beigetragen haben.

In den 90er Jahren gehörte er zu Frank Castorfs Hausregisseuren an der Berliner Volksbühne. Bekannt wurde Schlingensief vor allem mit seinen frühen Filmen “Das deutsche Kettensägenmassaker“ (1990), “Terror 2000 - Intensivstation Deutschland“ (1992) und der TV- “Talkshow 2000“ sowie mit seinen Theaterinszenierungen, Kunstperformances und Installationen wie “100 Jahre CDU“, “Rocky Dutschke, 68“, “Passion Impossible - 7 Tage Notruf für Deutschland“ (in Hamburg), und “Hamlet“ in Zürich.

Die Visionen und Kunstvorstellungen Schlingensiefs erinnerten manchmal an den Aktionskünstler Joseph Beuys (1921-1986) mit dessen “erweitertem Kunstbegriff“. Er war auch eines der großen Vorbilder des Regisseurs. Und ähnlich wie Beuys wurde auch Schlingensief, wie es ein Kritiker schrieb, von den einen als “nervtötender oder auch begnadeter Selbstdarsteller“ oder gar “Spinner“ und von den anderen als “Lichtgestalt unter all den Energiesparlampen“ in der Kulturszene angesehen.

Der Oberhausener Messdiener Schlingensief versuchte sich schon früh als Filmemacher und erregte mit Underground-Streifen wie “Menu total“ (1985/86) mit seinem Jugendfreund Helge Schneider (“Mein Führer“) und der folgenden Deutschlandtrilogie unter anderem mit “100 Jahre Adolf Hitler“ und “Terror 2000“ Aufmerksamkeit. Im Fernsehen tauchte er ab 1997 auch als unberechenbarer Talkmaster (“Talk 2000“) auf mit Gästen wie Hildegard Knef, Udo Kier oder Helmut Berger.

Seinen Durchbruch als Theaterregisseur hatte Schlingensief in den 90er Jahren an Frank Castorfs Berliner Volksbühne mit Inszenierungen wie “100 Jahre CDU“ oder “Rocky Dutschke, 68“, wobei er auch Laien und Behinderte einsetzte, die bis zuletzt zu seinem engeren Ensemble gehörten - “Du bist wie ich“, sagte Schlingensief einmal zu einer seiner behinderten Darstellerinnen, “wir sind alle krank“.

Im Sommer 2009 heiratete der krebskranke Schlingensief im brandenburgischen Hoppenrade seine langjährige künstlerische Mitarbeiterin Aino Laberenz. Im Mai 2010 sagte der an Lungenkrebs erkrankte Schlingensief in einem Interview, er wisse seit einigen Monaten, dass er neue Metastasen habe. Durch den Krebs sei “alles in den Boden gerissen worden“.

dpa

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