Durchs Glockenbach für sein Musical

Mit Thomas Hermanns ins München der 80er Jahre

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Thomas Hermanns.

München - Thomas Hermanns will seine Studentenzeit in München mit "Bussi - das Musical" wieder aufleben lassen. In der tz blickt er auf diese wilden Jahre zurück. 

"Ich laufe hier permanent durch die Geister meiner Jugend“, lächelt Thomas Hermanns (52), der schon lange in Berlin lebt. Theaterwissenschaften hat der Gründer des Quatsch Comedy Club (ProSieben) allerdings in den 80ern in München studiert. Hier war seine wilde Phase, und mit seinem „Munical“ Bussi will er diese Zeit wieder aufleben lassen. Zum Schwelgen oder Lernen, je nach Altersstufe. Mit der tz ging Hermanns gedanklich und räumlich noch mal seine wilden Jahre durch.

„Die große Herausforderung für mich als Regisseur ist es, meinen jungen Darstellern die 80er zu erklären. Für viele ist Nachtleben heute gleichbedeutend mit schick und teuer. Das Gärtnerplatzviertel sei nicht bezahlbar, unsere 80er-Klamotten seien stylish und edel. Dabei war alles anders“, erklärt der Regisseur: „Hier wollte niemand wohnen, die Mieten waren so billig, dass das Viertel fest in studentischer und kreativer Hand war. Die Klamotten waren aus Second-Hand-Läden oder aus dem Schrank der Eltern. Nicht die Marke zählte, sondern die persönliche Aussage. So kam man in die Clubs. Ob Punk, Ted, Popper oder Gothic-Szene.“

Gegen die Gesellschaft gestellt

Das Ganze hatte einen po­litisch-anarchischen Hintergrund, erzählt Hermanns, der betont, dass die 80er gar nicht so spießig waren. „Wir haben uns gegen die Gesellschaft gestellt – das Nachtleben war das eine, aber wie konnten wir uns mit unserem Style mit dem Münchner Tagesleben arrangieren?“ Wo Karikaturen in der S-Bahn hingen mit dem Text: „Aus dem Walkman tönt es grell, dem Nachbarn juckt’s im Trommelfell“? Und neben dem gesetzt-grantigen älteren, gezeichneten Herrn jault sein Wastl sicher zehnmal so laut, als es aus dem Walkman des sich (natürlich) in den Sitz lümmelnden Teenagers „tönte“ …

Der bekennende Schwule Hermanns erinnert sich an diesen „Underground gegen Overground“-Konflikt – und an Marianne Sägebrecht, die in Hermanns’ Munical eine tragende Rolle hat. „Sie war unsere Untergrund-Mutti, die uns eine Suppe gekocht und Jobs besorgt hat.“

In Hermanns’ Szene war es egal, ob man schwul oder hetero war: „Auch Heten, die anders waren, gruppten sich in unserer Szene zusammen. So nach dem Motto: Fürstin Gloria durfte mitmachen, wenn sie sich benahm. Ihr Mann eher weniger. Wir waren ein poly­sexueller, eng verschweißter Haufen in der Ära Kohl und Reagan, der allabendlichen Razzien, der Schwarzen Sheriffs.“

Wenn Hermanns heute durchs Viertel geht mit den Luxussanierungen und dem Chic: Hätte er sich das damals vorstellen können? „Nein, nicht in diesem Ausmaß. Wo gibt es denn heute ein Künstlerviertel?“ – Wir überlegen. Gar nirgends. Hermanns: „Und das ist gefährlich, dadurch verliert eine Stadt ihr Gesicht. Ein Viertel wird von der jungen Szene entdeckt und kultiviert. Dann wird sie etabliert, die Wohlhabenden, Gesetzteren übernehmen, und die Szene zieht ein Viertel weiter. Wenn das nicht geht, fehlt etwas.“

Dass die Stadt auch architektonisch alles andere als prickelt, sieht auch Hermanns so – in München, erzählen wir ihm, wird ohnehin jeder Schrott gekauft. „Und deshalb“, lächelt der Künstler, „bieten wir in der Reithalle einen zweistündigen Regentanz für ein besseres München.“

Matthias Bieber

„Bussi – Das Munical“: Ab 4. Juli in der Reithalle, Eintritt 25 Euro, Schüler und Studenten acht Euro, Karten unter Tel. 2185 - 1960. Bis 17. Juli.

Die Anlaufstellen meiner Studentenzeit

Baader Café: Hier ging ich vor der Statisterie noch essen. Es ist das einzige Lokal, das heute noch so aussieht wie in den 80ern – inklusive der Musikkassetten hinter dem Tresen.

Café Größenwahn: Hier war früher das Café Größenwahn – das später in Tanzlokal Größenwahn umbenannt wurde. Erst habe ich Tamara Lund im Gärtnerplatz auf der Bühne Sekt gereicht – meine blauen oder grünen Haare schon unter der Perücke versteckt –, danach ging’s ein paar Meter weiter hier hin. Die New-Wave-Zentrale der Stadt, der polysexuelle Treffpunkt mit der besten Musik und erstklassigen jungen DJs – DJ Hell etwa wurde hier groß.

Gärtnerplatz: Heute ein überlaufener Treffpunkt gerade abends und nachts, zu meiner Zeit hatte man hier seine Ruhe, da saßen nur ein paar Penner, und man konnte in Ruhe sein Bierchen trinken.

Deutsche Eiche: Da waren wir oft, allerdings hatten wir Angst vor der Fassbinder-Clique. Die hatten schlechte Laune und andere Drogen.

Meine Top-5-Munical-Hits

1) Ideal: Blaue Augen (1980): Ein super Text, ein gefühl­voller Knaller, auch wenn er kühl daherkommt. Bei uns als große Ballade arrangiert.

2) Spider Murphy Gang: Sommer in der Stadt (1984): Die heimliche München-Hymne. Bei uns mit Chor und hippiehafter Love&Peace-Anmutung zur Hymne gestemmt.

3) ABC: Look Of Love (1982): Englischer Popkracher mit großem Arrangement, großen Gefühlen und Soul. Die 80er waren auch soulful. Einer meiner Lieblingshits.

4) Markus & Nena: Kleine Taschenlampe brenn (1983): Ein Liebesduett mit kindlich-naivem Charme. Eine Insel der Unschuld inmitten der coolen Nachtclubs.

5) Spider Murphy Gang: Skandal im Sperrbezirk (1981): Eine Wucht, die 50er-Rock’n’Roll-Sound mit 80er-Zeitgeist kombiniert, also das Beste zweier Popdekaden. Bei uns wird’s zum Punkrock mit explodierendem Lokal und fahrenden Einkaufswägen.

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