Hey, genießt das Leben!

Schauspieler Erwin Aljukic hat Knochen wie Glas und weiß mit Krisen umzugehen

Erwin Aljukic (43) würde auch mal gerne in New York leben und arbeiten.
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Erwin Aljukic (43) würde auch mal gerne in New York leben und arbeiten.

Er wiegt 22 Kilo und er ist ein Mann von 43 Jahren. Schauspieler. Tänzer. Erwin Aljukic. Ein Gendefekt hat seinen Körper geformt – mit Knochen zerbrechlich wie Glas. Was für ihn Krisen bedeuten...

  • Erwin Aljukic ist ein erfolgreicher Schauspieler - und das obwohl er in seinem Leben schon 42 Brüche und elf OPs hatte
  • Er leidet an der Glasknochenkrankheit
  • In der Corona*-Krise gehört er zur Risikogruppe, ist auf die Schutzmaßnahmen angewiesen

München - 4000 Menschen in Deutschland teilen das Schicksal von Erwin Aljukic. Was ihn aber so einzigartig macht: Er hat einen Willen wie Stahl. Als Kind bosnischer Einwanderer in Ulm aufgewachsen, träumte der Muslim von der Bühne, vom Film und coolen Klamotten. Womit schon ein Durchschnitts­jugendlicher nur müdes Lächeln geerntet hätte. Aber Erwin? Kleinwüchsig und der Körper deformiert? Im Rollstuhl?

Ja, genau! Und zwar unbedingt! Genau so. Erwin Aljukic legt das Abitur ab, studiert an der Akademie für Mode und Design, tritt am Ulmer Studio-Theater Podium auf und wird schließlich der Liebling in der TV-Daily Marienhof – elf Jahre lang als EDV-Techniker Frederik Neuhaus, bis die Serie 2011 eingestellt wird. Für Erwin bricht eine Welt zusammen, aber sein Wille wie Stahl gibt nicht nach.

Interview auf Corona-Distanz: tz-Kolumnistin Ulrike Schmidt (1,87) und Schauspieler Erwin Aljukic (1,14), die sich trotz ihres Größenunterschieds auf Augenhöhe verstehen.

Er hängt sich wieder rein – in seinen Traum, mit Knochen wie Glas. Und er schafft, was selten genug einem unversehrten Schauspieler gelingt: Er wird Ensemble-Mitglied am Staatstheater Darmstadt, wo er seinem Körper Atemberaubendes abverlangt – tanzend, spielend, bis zur Ekstase – in ­Ödipus, Othello oder Moby Dick. Publikum und Kritik feiern ihn, und nun, im August, wechselt er an die Münchner Kammerspiele – unter der neuen Intendanz von ­Barbara Mundel. Erwin Aljukic darf bei der ersten Premiere mitspielen – mit Knochen wie Glas, und einem Willen wie Stahl. Doch wie geht es so einem Menschen in Zeiten von Corona, in denen Knochen wie Glas noch bedrohlicher sind, und ein Wille wie Stahl wenig hilft.

tz-Kolumnistin ­Ulrike Schmidt hat sich mit Erwin Aljukic zum Spaziergang in seinen Hauspark Denninger Anger verabredet. Im Camouflage-Military-Look kommt Erwin mit Verve angerollt – schon von Weitem strahlt sein Lächeln, und die blauen Augen stehlen dem Himmel die Schau. Erwin Aljukic hat ein Charisma, das alle Maße und Zahlen überstrahlt.

Vor 15 Jahren: TV-Liebling Erwin Aljukic mit seinen Kollegen von der Daily Soap „Marienhof“

42 Brüche, elf OPs haben seinen Körper gemartert. Krise, Ausnahmezustand, ein plötzlicher Einbruch in den Alltag – „ich kenne das Zeit meines Lebens“, erzählt Erwin angesichts der Bedrohnis durch Corona. „Ich brech mir was – dann ist Ausnahmezustand; sechs Wochen Gips. Oder ich muss operiert werden, damit es mir langfristig besser geht. Und genau das trifft jetzt auf alle zu: Etwas tun zu müssen, um langfristig zu profitieren. Jetzt musst du dich disziplinieren und über dich Dinge ergehen lassen, die nicht angenehm sind, aber langfristig wird es sich auszahlen.“

Corona-Maßnahmen sind für Erwin Aljukic lebenswichtig

Für Erwin Aljukic sind die Maßnahmen lebenswichtig. Gesichtsmaske, Ausgangsbeschränkungen – er denkt sogar, es hätte früher sein können, zumal zu Anfang der Krise viele Leute noch sehr lässig in Gruppen unterwegs waren. „Ich habe panische Angst vor einer Ansteckung. Ich gehe auch kaum raus, Einkäufe übernehmen Freunde oder Nachbarn.“ Wegen seiner Behinderung hat Erwin ein vermindertes Lungenvolumen, und erst 2008 ist er nach einer missglückten Darmspiegelung mit einer Lungenentzündung auf der Intensivstation gelandet. „Ich weiß, wie sich das anfühlt, davor hätte ich echt Schiss.“

Ansonsten aber fühlt sich Erwin topfit, macht regelmäßig Yoga, trainiert modernen Ausdruckstanz. „Durch die Arbeit hab ich gut Muskeln aufgebaut, gesünder könnt ich mich gar nicht fühlen.“ Mit Knochen wie Glas und einem Willen wie Stahl.

Eine Szene aus Moby Dick am Staatstheater Darmstadt, Erwin Aljukic in der Mitte.

Ob er auch glücklich ist? „Ja, voll!“, lacht er und schaut in den Himmel. „Mein Lieblingswort ist Selbstbewusstsein, sich selbst bewusst zu sein. Wie jetzt, in dieser Corona-Situation. Ich merke, wie die Leute panisch sind, gesundheitlich, beruflich, und wie ich anders mit der Situation umgehen kann, weil ich schon durch so viele existenzielle Krisen gegangen bin. Ich habe mich immer auf die verbleibenden Möglichkeiten konzentriert.“ In diesen Tagen heißt das für Erwin: „Endlich mal Zeit haben und alles nachholen, was ich schon so lange daheim machen wollte. Ich genieße diese Auszeit, um auch mal zu mir zu kommen.“ Wenn er da im Gras im Park liegt – ziehen Erinnerungen wie Wolken vorbei, Erfolge, Anstrengungen. „Aufatmen – das tut mir jetzt gut.“

Erwin Aljukic: „Hey, genießt das Leben!“

Erwin Aljukic hadert selten mit seinem Schicksal, ein paar Mal ist es passiert – vor allem auch während seiner Marienhof-Zeit. „Das passiert, wenn du merkst, du gibst 150 Prozent, du gibst immer alles, und dann bekommen die eine Chance, die es sich ganz leicht machen; bloß, weil man dir es nicht zutraut. Ich kann meinen Körper nicht verändern, aber ich kann mir vieles aneignen.“ Jetzt, auf der Bühne, trauen sie ihm so vieles zu. „Die Leute können gar nicht glauben, was sie da sehen. In Ödipus halte ich einen zehnminütigen Monolog auf einer drehenden Scheibe, robbe auf dem Boden vor 600 Leuten – ganz nackt.“ Es ist eine Rolle, in die Erwin da schlüpft – da gibt es für ihn nichts zu genieren; mit seinem Willen wie Stahl und Knochen wie Glas. „In Darmstadt ist meine Behinderung überhaupt kein Thema, sie ist einfach selbstverständlich.“

„Ich mag meinen Körper wirklich. Ich mag mich auch spüren“

Ob Erwin seinen Körper liebt, so verformt wie er ist – mit Knochen wie Glas? „Ja! Ja, tatsächlich!“, akklamiert Erwin. „Auch wenn ich mich nackt sehe: Ich mag meinen Körper wirklich. Ich mag mich auch spüren.“ Und es gibt da auch noch einen Wunsch: „Ich würd’ mein Glück gern teilen – dazu fehlt mir nur noch der Traummann.“

In Amerika ist ein junger Musik-Star an den Folgen seiner Corona-Erkrankung gestorben. Es schien bereits bergauf zu gehen. Viele Kollegen reagierten mit emotionalen Statements.

Am 2. April erschien die Biografie von Jan Fedder. Der tote ARD-Star gibt einen tiefen Einblick in sein Privatleben und macht eine traurige Beichte.

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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