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Fotograf und Kiez-Legende: Günter Zint wird 80

Günter Zint
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Günter Zint auf der Hamburger Reeperbahn: Über Jahrzehnte hat der Fotograf das pulsierende Leben der Hansestadt eingefangen.

Die Beatles, Jimi Hendrix und Günther Wallraff haben ihn berühmt gemacht. Die Bilder von Günter Zint gingen um die Welt. Dennoch sagt er, er sei einfach nur ein Dokumentar-Fotograf.

Hamburg - Er hatte sie alle vor der Fotokamera - die Beatles in Hamburg, den damals noch nicht weltberühmten Jimi Hendrix, Domenica, die Rolling Stones, und viele berühmte Menschen mehr.

Fotograf Günter Zint hat sie als Teil der Reeperbahn-Geschichte abgelichtet. Und ist damit selbst auch zu einer Legende geworden.

„Wenn ich das durchrechne, habe ich in den vergangenen sechs Jahrzehnten bestimmt mehr als drei Millionen Fotos gemacht“, sagt der gebürtige Hesse der Deutschen Presse-Agentur. Sehr viele davon entstanden auf St. Pauli. Er kennt das Viertel in- und auswendig, kann die Geschichte von fast jedem Haus erzählen. Dazu gehört auch die Musikgeschichte des Kiezes, denn Zint war lange der Haus-Fotograf im berühmt-berüchtigten Star-Club auf der Reeperbahn. Am 27. Juni wird Zint 80 Jahre alt.

Seinen Ehrentag wird er auch mit Historie verbringen. „Peter Heller, der Architekt vom Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven, hat mir das Museum für einen Tag geschenkt“, sagt Zint. Er will nun seinen Ehrentag mit Freuden und Familie dort verbringen. „So gut Corona das eben zulässt.“

Der Weg Zints zur Fotografie startet schon zu Schulzeiten. Auf dem Schulball fotografiert er die Jugendlichen. „Die Schülerzeitung hatte damals nur Text, also habe ich ein Geschäft draus gemacht und den Schülern die Fotos verkauft. Da war ich vielleicht 13 Jahre alt.“

Das Näschen für die guten Geschäfte und ein Gefühl für den richtigen Moment hatte Zint auch später immer wieder. Nach seinem Foto-Volontariat bei der Nachrichten-Agentur dpa arbeitet er als Fotograf für mehrere Zeitungen - bis in Hamburg der Star-Club aufmacht. Der Musikclub wird zum Wendepunkt in seinem Leben.

Als Fotograf für den Star-Club bannt er berühmte Musiker zum Teil lange vor ihrem Ruhm auf Papier. Die Fotos verkauft er schon damals direkt aus dem Schaukasten vor dem Star-Club an Fans, später an Sammler und immer wieder an Zeitungen. „Ich habe mit den Fotos der Beatles und noch mehr mit denen von Jimi Hendrix Millionen verdient.“ Hendrix habe sogar auf seinem Sofa im Fotostudio geschlafen, weil der im Hotel keine laute Musik mehr hören durfte.

Zint war immer mittendrin. Wo das Kiez-Leben pulsierte, war auch Zint. Und so steht er eben nicht nur für berühmte Musiker-Fotos, die fast schon ikonisch sind. Zint steht auch für das, was ist. Unverklemmte Zeiten in Hamburger Kommunen, langhaarige Jugendliche auf den Straßen und in den Clubs, Studentenproteste, Schülerdemos, der Alltag auf dem Kiez, Betrunkene nach der Partynacht auf der Reeperbahn, der Kampf um besetzte Häuser - Zint hat jahrzehntelang draufgehalten.

Die Direktorin des Museums für Hamburgische Geschichte, Bettina Probst, weiß Zints Arbeit zu schätzen. „Das Werk von Günter Zint ist prägend für das kulturelle Gedächtnis Hamburgs: Mit seiner Linse und seinem Gespür für den richtigen großen und kleinen Moment hat er das pulsierende Leben der Hansestadt über Jahrzehnte eingefangen.

In Zints Bildern bleiben die Musik, die Stars und die Geschichte des Stadtteils St. Pauli mit all seinen Mythen und Legenden ebenso lebendig wie die Anti-Atomkraft-Bewegung oder der Wandel am Hafen.“ Seine Fotografien hätten nicht selten zur Legendenbildung und zu einem Lebensgefühl beigetragen, sagte Probst weiter.

Auch heute noch drückt er täglich hunderte Mal mit seiner Leica ab. Als Meister-Fotograf will Zint sich nicht bezeichnen. „Ich bin ein Dokumentar-Fotograf, der ganz bewusst auf Dokumentation und nicht auf Ästhetik setzt.“

Dass er dabei oft Historisches abgelichtet hat, schiebt Zint auf seine „vielen Antennen“. Zudem habe er fast immer „auf jeden gut zugehen können und sie auf mich“. Doch er sagt auch, dass seine Karriere und sein Erfolg so heute wohl nicht mehr möglich wären. „Ich bin ein Wirtschaftswunder-Kind und hatte das Glück, in den goldenen Zeiten zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein.“

Zint hat nicht nur für die Jugendzeitschrift „Ok“, die später mit der „Bravo“ zusammengelegt wurde, und die „Hamburger Morgenpost“ gearbeitet. Er startete auch beim „Spiegel“ durch, veröffentlichte in der „taz“. Die Fotos zu mehreren Enthüllungsreportagen von Günther Wallraff („Ganz unten“, „Der Aufmacher“) kamen von Zint.

Obwohl Zint seit vielen Jahren nicht mehr in Hamburg, sondern auf dem Land wohnt, kann er auch heute noch kaum einen Schritt über die Reeperbahn gehen, ohne in neue Gespräche verwickelt zu werden oder selbst welche zu starten. „Heimat ist immer dort, wo ich mich wohl fühle“, sagt Zint dazu.

Der Kiez-Chronist und Gründer des - derzeit abgebauten und im Lager stehenden - St.-Pauli-Museums hat zudem 87 Bücher geschrieben und darin sowie in vielen anderen Buchprojekten seine Fotos veröffentlicht. Wenn er nicht die Fotografen-Laufbahn eingeschlagen hätte, wäre er vielleicht Sozialarbeiter geworden.

An eine Ruhepause will der umtriebige und gesellige Zint und Vater von fünf Kindern trotz des 80. Geburtstages noch lange nicht denken. „Mein 88. Buch erscheint demnächst.“ Schlafen könne er schließlich, wenn er tot sei.

Bis dahin hat er nämlich durchaus noch einiges zu erledigen. Denn er will nicht nur das Leben in seiner Mehrgenerationen-Wohngemeinschaft („Wir sind alt gewordene Hippies“) in Estorf (Landkreis Stade) und auf dem Kiez („Ich sitze hier oft und beobachte die Menschen auf der Reeperbahn. Es ist wie ein Bilderbuch.“) genießen.

Er will auch sein Erbe geordnet an die nächste Generation übergeben. Dafür soll schon bald sein riesiges Panfoto-Archiv mit rund sechs Millionen Fotos von ihm und mehr als einem Dutzend weiteren Fotografen zusammen mit dem St.-Pauli-Museum unter dem Dach der neu gegründeten Stiftung Günter Zint vereint werden. Und bis dahin will er weiter fast jeden zweiten Tag einen Apfelkuchen für seine WG auf dem Land backen. dpa

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