Interview mit DJ Ötzi

Die Tränen seines Lebens: Gerry Friedle über seine schwere Kindheit, Krankheiten und seine Autobiografie

DJ Ötzi in der TV Show Schlagerchampions - Das große Fest der Besten im Velodrom. Berlin, 11.01.2020 *** DJ Ötzi in the
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Gerri Friedle alias DJ Ötzi.

Heyeyey Baby! Wenn DJ Ötzi alias Gerry Friedle (50) loslegt, bewegt er die Massen. Wie er es vom gebrochenen Kind zum gefeierten DJ Ötzi schaffte, erzählt er im Interview.

Kitzbühel/München - Gerry Friedle ist im deutschen Sprachraum der Launemacher schlechthin, über 16 Millionen Alben hat er verkauft, viele seiner Songs sind Ohrwürmer und auf Volksfesten Dauerbrenner, wie der „Anton aus Tirol“ oder „Ein Stern, der deinen Namen trägt“. DJ Ötzi steht für Party ohne Ende – mit einer weißen Mütze auf dem Kopf. Sein Schutzhelm. Denn so intensiv wie er auf der Bühne die Lebenlust feiert, so schmerzvernarbt ist sein Herz.

Als Ergebnis einer kurzen Beziehung hat ihn seine Mutter mit gerade mal 17 Jahren nach der Geburt zu Pflegeeltern gegeben, zweieinhalb Jahre später wurde er vom leiblichen Vater aus der geliebten Ersatzfamilie brutal herausgerissen und zu dessen Eltern gebracht, also Oma und Opa, wo das Leben so hart und kalt wie das umgebende Ötztal war.

Lieblosigkeit, Demütigungen, Krankheiten wie ein Klumpfuß und Epilepsie – der Gerry musste als Kind viel aushalten, als Erwachsener nicht weniger: Ängste, Depressionen, Hodenkrebs, Obdachosigkeit – das Leben war eine einzige Plage.

Bis Gerry mit 25 Jahren in einer Karaoke-Bar seine Lust und sein Talent am Singen und unterhalten entdeckte – mit Janis Joplins Me and Bobby McGee. Der Abend wurde der Anfang einer atemberaubenden Karriere – vom gebrochenen Kind über den verehrten DJ bis zum gefeierten Schlagerstar – , die aber auch von vielen Selbstzweifeln und Ängsten begleitet war.

Jetzt hat Gerry Friedle aus seinem „Steinbruch der Erinnerungen“ eine Autobiografie geschrieben, um Mut zu machen, seinen eigenen Weg zu gehen. Dazu erscheint am Freitag ein neues Album – quasi als Ergänzung: Sei du selbst. Darin gibt er in eigenen Songtexten so viel von sich preis wie nie zuvor. Immer geht es um Vertrauen, Liebe, Verlässlichkeit. Für all das steht Gerrys Frau Sonja seit 20 Jahren. Ihr hat er das erste Lied auf dem Album gewidmet: Das kann uns keiner nehmen.

Wir haben Gerry Friedle vor wenigen Tagen im Stanglwirt in Going bei Kitzbühel zum Interview getroffen; dort ist der Wahl-Salzburger oft zu Gast, es ist eine Art zweites Zuhause. Und hier hat der Schlagerstar auch geheiratet. Ganz in der Nähe, in St. Johann, wurde er geboren und hat seine ersten Jahre bei seinen Zieheltern in Waidring verbracht. „Ich mag die Gegend sehr“, sagt Gerry. Vor ihm steht ein Frühstückstablett, er hat bis drei Uhr morgens gearbeitet – die Anstrengung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Es ist ein herzliches Wiedersehen mit tz-Kolumnistin ­Ulrike Schmidt – sie kennen sich seit seinen Anfängen als Schlagerstar, vor allem vom Tierparadies Gut Aiderbichl in Henndorf bei Salzburg, wo er seine Angst vor Hunden überwunden hat. Inzwischen sind zwei Hunde seine Lebensbegleiter: Luis und ­Sterni.

Gerry, Du hast ja heute gar keine Mütze auf...

Gerry Friedle: Bei Dir brauch i di ja net. Für mich ist die Mütze ja mein Helm.

Wie schmerzhaft war es für Dich, diese Biografie zu schreiben? Du hast Dinge erlebt, bei denen man sich nicht vorstellen kann, wie man das alles aushält...

Gerry: Ja, manche Geschichten braucht kein Mensch, und ich hab auch erst gestern gesagt, ich muss mit dem Reden darüber aufhören, weil ich immer wieder emotional in diese Situationen von früher hineinkomme. Aber wenn ich nicht da­rüber rede, dann erfährt ja auch keiner, wie einen so ein Schicksal auch stark machen kann. Es stehen ja nicht nur die Tiefschläge drin, die Krankheit und die Kränkungen, die mich so kaputtgemacht haben, sondern auch, wie ich es aus diesen Situationen herausgeschafft habe. Ich will die Leute inspirieren, sich selber Mut zu machen in schwierigen Lebenslagen.

Wie geht das, sich selber Mut machen? Wie hast Du das gemacht?

Gerry: Ich glaube, dass ich in mir einen großen Willen habe. Mittlerweile macht auch der Körper mit, der Geist, die Seele. Wie kann man mutig werden? Wenn man einen Berg erklimmen will, muss man sich anstrengen und nicht sagen: Jetzt nehm ich den Lift. Man muss es sich antun wollen, sich stellen und es durchziehen.

Und dann?

Gerry: ...werden die Bilder in dir bunt. Alles, was ich aufgearbeitet und abgeschlossen habe, ist farbig geworden. Ich mag auch heute über meinen Vater nichts Schlechtes mehr sagen, es ist alles erledigt und wir haben uns vor seinem Krebstod versöhnen können.

In Deiner Biografie schreibst Du sehr liebevoll über Deine Pflegeeltern, bis Dich der Vater mit zweieinhalb Jahren aus der Familie herausgerissen und zu seinen Eltern gebracht hat. Hast Du sie jemals wiedergesehen – sie leben ja in der Nähe?

Gerry: Ich hab mich bisher nicht getraut. Ich fahr immer zum Spar nach Waidring und hol mir dort die beste Wurstsemmel der Welt. Das ist keine 50 Meter von dem Haus meiner Pflegeeltern entfernt. Ich habe insgeheim immer gehofft, sie vielleicht zufällig dort zu treffen, dann ginge es leichter; denn alles, was mit meinen alten Emotionen zu tun hat, trau ich mich nicht recht. Sie könnten ja fragen: Wieso hast du dich nicht früher gemeldet? Wieso habe ich nicht früher verstanden, wie die Liebe dieser Pflegeeltern zu mir ausgesehen hat? Ich kann mich noch daran erinnern, wie die ­Annelies mich im Arm gehalten hat...

(Gerry stockt, Tränen stehen ihm in den Augen)

Das wären ja vielleicht letzte wichtige Schritte, dass Du Frieden in Dir finden kannst, wenn Du dort klingelst...

Gerry: Ja eh. Wenn ich dann so weit bin, um das Kapitel zu schließen, ist es dann endgültig vorbei oder fangt alles neu an? Die Angst trag ich in mir. Dass ich immer wieder hi­neingerate in diese Geschichte und ich mich eigentlich davon befreien will.

(Pause. Gerry geht auf den Balkon und schnauft durch.)

Hast Du es geschafft, mit allen Frieden zu schließen? Mit Deinen Großeltern, mit Deiner leiblichen Mutter?

Gerry: Mit der Mutter hab ich ja keinen Groll mehr, ich muss sie aber noch treffen, und davor habe ich Angst. Dass sich vieles verändern könnte – in Bezug auf meine Familie, meine Frau Sonja und meine Tochter Lisa-­Marie, wenn sie mehr Raum in unserem Leben einnimmt. Deshalb traue ich mich noch nicht, den Weg zu gehen. Ich habe meine Mutter vor acht, zehn Jahren ein einziges Mal getroffen, aber da hatte ich noch nicht diese Kraft, zu verstehen, was da wirklich passiert ist. Deshalb sehne ich mich nach einem Wiedersehen, habe aber Angst davor.

Wie war die Begegnung mit Deiner Mutter vor zehn Jahren – es war die erste und einzige, seit sie Dich weg­gegeben hatte?

Gerry: Sie hat gesagt: „Dick bist du geworden.“ Das war der erste Satz. Als sie mich das letzte Mal gesehen hat, war ich ein Baby. 

Was hast Du gefühlt?

Gerry: Ehrlich? Es war Mitleid im Raum. Sie hat es geschafft für sich, sie ist in ihrer Ruhe, vielleicht bewundere ich das, ich freu mich, aber es ist da schon noch ein Berg zu überwinden. Bei mir haben die mütterliche Rolle ja dann andere übernommen, später auch Sonja auf eine besondere Art und Weise – neben ihrer Rolle als Ehefrau und Kumpel.

Wie sieht Deine Mutter aus?

Gerry: Sie sieht mir ähnlich, hat aber schwarze Haare, und sie hat ein sehr sanftes Wesen.

Das hast Du ja auch, wenn man Dich privat kennt – abseits der Partybühne...

Gerry: Dann werd ich’s von ihr haben...

Wann hast Du vor, sie wiederzusehen?

Gerry: Sobald wie möglich, weil ich nicht will, dass sie das Buch liest und nicht weiß, warum ich es geschrieben habe. Dass sie versteht, dass ich durch den Verlust so viele Krankheiten in mir getragen habe, so viel Druck hatte und nie in Freiheit und Ruhe habe leben dürfen, und mein Körper immer unter Spannung und Stress stand.

Hast Du jetzt Deine Mitte gefunden – seit Du vor fünf Jahren auf dem Jakobsweg warst und Dein Leben in einem Buch und neuen Liedern aufgearbeitet hast?

Gerry: Der Jakobsweg war es nicht allein, aber er hat sehr viel meiner Geschichte abgerundet. Ich bin weggegangen, um bei mir zu sein – das hat mir sehr, sehr gutgetan. In der Zwischenzeit hat sich noch viel mehr getan, und wenn ich jetzt nicht über meine Vergangenheit reden müsste, würde es mir sehr gut gehen. Die Konfrontation schürt immer wieder auch die alten Ängste.

Seit 20 Jahren ist Deine Frau Sonja an Deiner Seite, Deine Tochter Lisa-Marie ist inzwischen 19 und eine erwachsene junge Frau...

Gerry: Sonja ist die Frau in meinem Leben, die am längsten an meiner Seite ist. Sie war für mich da, ob ich groß oder klein war, erfolgreich, krank oder gesund – sie war immer da.

Du bist sehr sensibel und berührbar – ich frag mich immer, wie das geht, dass Du dann auf der Bühne als Partykracher stehst, als wäre das Leben ein einziges Fest...

Gerry: Keine Ahnung. Ich glaub, der Gegensatz ist es: Ich würde alles für mein Publikum tun, ich öffne mich und geb alles auf der Bühne. Die Bühne geht nur deshalb, weil es mein Leben gegeben hat so wie es war. Ich kann nur deshalb die Leute so animieren, auf die Reise mitnehmen und ihnen eine geile Zeit geben, weil ich nicht mehr bin als sie, aber auch nicht weniger.

Wenn Du nicht durch den ganzen Schmerz gegangen wärst, wie wäre der Gerry Friedle heute?

Gerry: Wenn ich meinen inneren Schmerz nicht bearbeitet hätte, hätte ich das alles gar nicht überlebt, die Seele wäre daran zerbrochen. Ich habe die letzten zehn Jahre voll an dem arbeiten müssen, und es lohnt sich, an sich zu arbeiten. Du musst an dich glauben, du musst das durchziehen. Ich habe vieles losgelassen und habe keinen Groll mehr – die Geschichten mit meinem Vater, mit Oma und Opa sind erledigt, die Bilder sind bunt.

Hast Du es allein geschafft oder hattest Du therapeutische Hilfe?

Gerry: Ich war einmal bei einer Psychologin. Da hab nur ich geredet, das hat sich für mich irgendwie falsch angefühlt. Ich habe mich dann in Bücher eingelesen, um mir selber zu helfen. Die Reflexion dauert Jahre, sonst kann du die Vergangenheit nicht loslassen. Aber wenn du es nicht tust, bist du immer von Pro­blemen belagert und beladen. Die Sonja, Lisa-Marie und auch die beiden Hunde waren meine Rettung.

Und was kommt jetzt?

Gerry: Das Buch kann ein neuer Anfang sein – für einen eigenen Weg, auch musikalisch, um DJ Ötzi und Gerry zusammenzubringen. Wenn die Fans den Weg mitgehen, könnte es sein, dass ich irgendwann einmal die Haube ablegen kann und wirklich ich sein darf. Ich seh mich in großen Konzerten, wo ich über mein Leben erzähle und mit den Fans zwei, drei Stunden feiere.

Wie wichtig ist es für Dich, die Mütze abzulegen – man kennt Dich ja kaum ohne...

Gerry: Wenn ich das kann, bin ich stark genug. Denn die Haube behütet mich, sie gibt mir Kraft und Mut, da steckt mehr darunter als man denkt, sie ist wie ein Helm, mit dem mir nichts passieren kann.

In welchen Momenten bist Du am glücklichsten?

Gerry: Wenn ich mit Lisa-Marie unterwegs bin – das macht mich stolz. Wenn wir allein sind, erzählt sie so viel, das liebe ich! Und wenn ich in den Wald gehe – das taugt mir, da ist eine Zuverlässigkeit, weil der Baum steht morgen auch noch da. Und wenn ich Radl fahre, ist eine große Freiheit da. Und wenn ich koche, und die Sonja zeigt mir, wie sie das schätzt und liebt, was ich für sie tue, weil sie so eine Freud hat! Ich koch immer mit Liebe.

Das ist ja das Thema Deines Leben – Liebe. Das Vermissen, das Verlangen, das ­Suchen und Finden...

Gerry: ... einfach auch sagen zu können: Du bist liebenswert. Das konnte ich lange nicht. Ich stellte mir immer die Frage: Wieso hab ich das alles verdient, bin ich so furchtbar?

Aber wenn Dir Tausende Fans zujubeln und so viel ­Liebe entgegenwerfen...

Gerry: Da behältst du nichts, da geb ich die Liebe einfach weiter. Aber du musst dich auch selber lieben. Du bist es wert. Liebe wert. Liebenswert. Meine Familie damals konnte es nicht besser, sie waren gefangen in ihrem Leben. Aber jetzt darf ich die Ketten sprengen! Das ist meine Geschichte!

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