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Ober-Spider Sigl: "Mei Lebn is wiar a Traum"

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Heute hat Günther seine Auszeichnungen im Souterrain seiner Wohnung aufgehängt

München - Es gab Zeiten, da war jeder heiß auf die Spider Murphy Gang. Diese Hochzeiten sind nun 30 Jahre her. tz-Reporter Armin Geier hat Ober-Spider Günther Sigl (68) nun daheim besucht.

Es ist ein heißer Sommertag im Juli 1984. Durchgeschwitzt stehe ich zwischen Tausenden klatschenden Fans, während die Spider Murphy Gang vorne auf der Bühne Vollgas gibt. Sänger Günther Sigl zieht gerade über die Schickeria her: „Jeder spuit an Superstar und sauft an Schampus an da Bar…“ Wir grölen mit. Und dann seh ich ihn: Willi! Zwei Reihen vor mir tanzt er wild im Publikum. Willi ist zwei Klassen über mir. Jeden Tag stolziert er mit seiner Iron-Maiden-Kutte zur Schule. Er ist für mich der Inbegriff von Härte. Nein – fast Brutalität. „Was macht der denn hier?“, schießt es mir durch den Kopf. Dann sieht er mich. Ich versuche wegzuschauen, zu spät: Willi winkt. Vorsichtig hebe ich den Arm und höre ihn schreien: „Geiles Konzert, oder?“

Willi und ich – Sommer 1984. Warum ich das erzähle? Weil es den Zauber der Spider Murphy Gang auf den Punkt bringt. Jeder mochte sie: Egal, ob Rocker, Popper, Punker oder Tussi. Die Spiders waren „cool“. Für jeden. Überall. Immer.

Unzählige Gitarren nennt Günther Sigl sein Eigen: „Eigentlich eine Schande, weil man viele davon ja gar ned nutzt.“

Über 30 Jahre sind seit damals vergangen. Jetzt steht Günther Sigl (68) vor mir – in seiner Wohnung in Gräfelfing. „Mogst an Kaffe“, fragt er. „Logisch“, hör ich mich sagen. Ein bisserl grau ist er obenrum geworden, aber seine Augen blitzen noch immer spitzbübisch, wenn er lächelt. Wie damals 1984 auf der Bühne. „Des is eine alte Gibson, die ich gern spiele“, erklärt er mir, als er bemerkt, dass ich eine Gitarre an der Wand genauer mustere. Wer nicht weiß, dass Sigl Profimusiker ist, weiß es spätestens, wenn er den Fuß in dessen Wohnzimmer setzt. Überall hängen Gitarren. In der Mitte des Raumes steht ein langer Holztisch. Fein säuberlich sind Hunderte CDs auf dem Boden gestapelt, daneben liegen Musikmagazine. Im Eck steht eine große Stereoanlage. „Man muss ja auf dem Laufenden bleiben“, sagt Sigl fast entschuldigend.

Günther steht vor seinem absoluten Lieblingsbild. Es zeigt ihn mit dem legendären Chuck Berry und Spidergitarrist Barny.

Ja, der Sänger ist eine Art lebendes Wikipedia der Musikgeschichte. Ein Chronist: Elvis, Chuck Berry, Eric Clapton oder auch die alten Blueser wie BB. oder Freddy King. Günther weiß alles über ihre Songs, ihr Leben. Aber das ist nicht alles: Jede Woche bringt ihm zudem ein Freund die neuesten Top-Ten-Hits auf einer CD gebrannt. „Die höre ich mir genau an, analysiere, was die da machen“, erklärt der gebürtige Schongauer. „Von Justin Bieber bis zu Ed Sheeran. Manchmal sind da echt gute Sachen dabei.“ Auch bei Justin Bieber? „Na ja, da vielleicht nicht unbedingt.“

Auch das war es, was die Spiders von den vielen anderen Bands ihrer Zeit unterschied: Sie waren echte Musiker, beherrschten ihre Instrumente – waren in den 70ern jahrelang durch zig Clubs getingelt. „Manchmal haben wir in den Ami-Bars vor sieben Soldaten gespielt – und von denen waren fünf besoffen.“ Die Band spielte auf Zuruf: „Da schrie einer: ‚Sweet Home Alabama‘ und dann klampften wir eben das. Eine gute Schule.“ Acht Mark gab es damals für jeden Musiker pro Stunde. „Das war ein Haufen Geld, denn in meiner Lehre als Bankkaufmann bekam ich grad mal 145 Mark monatlich“, erinnert sich Sigl. 16 Jahre war er da alt, als alles begann.

Später kamen dann die Riesen-Hits: Schickeria, Skandal im Sperrbezirk, Wo bist du. Das muss hier nicht erzählt werden – weiß jeder. Aber es regnete plötzlich Geld: Über eine Million Mark verdiente jeder Spider pro Jahr, schrieb Schlagzeuger Franz Trojan vor Kurzem in seiner Biografie. Sigl als Bankkaufmann legte das Geld gut an. Dazu kamen Tantiemen für die Ewigkeit. Skandal wird noch heute in gefühlten 1000 Bierzelten pro Tag gespielt. Ist es ihm eigentlich nie langweilig geworden, von der Rosi zu singen? „Nein – das ist sogar noch immer mein Lieblingssong“, so Sigl. „Das Lied hat eine immense Kraft. Das kann nie fad werden. Niemals!“

Ein Ständchen im Wohnzimmer: Ober-Spider Günther Sigl lud tz-Redakteur Armin Geier in sein privates Reich ein.

Wir liebten das Lied einst noch aus einem weiteren Grund – weil das Wort „Nutten“ im Text vorkam. Der Blick der Lehrer bei der Klassendisco: unbezahlbar! Günther Sigl lacht. „Ja, das war für die frühen 80er schon sehr frech. Manche Sender wollten den Song gar nicht spielen, aber mir lag das Thema am Herzen.“ Die Spiders konnten nicht nur rocken, sie setzten auch oft politische Statements. „Mir ging damals diese Doppelmoral extrem auf die Nerven, die Prostituierten plötzlich alle aus der Stadt zu vertreiben. Da wusste ich: Ich mach zu dem Thema einen Song. Es wurde ein Volltreffer!“ Später prangerte die Band in Ich schau dich an die Peepshows an. Auch ein Mega-Hit!

Der riesige Erfolg von einst hat Günther Sigl trotzdem nie verändert. Noch heute ist er bescheiden, bodenständig. Er erzählt keine Angeber-Anekdoten. Es ist Dankbarkeit, die man spürt, wenn man mit ihm über die alten Zeiten spricht. „Die Fans haben mir mit diesem Erfolg etwas ermöglicht, von dem ich immer geträumt habe: Musik machen zu können und davon leben zu können. Und das darf ich. Einfach traumhaft, oder?“

Der Musiker sitzt in seinem Aufnahme-Studio.

Sigls Tagesablauf ist daher meist derselbe: Er steht spät auf – so gegen 10 oder 11 Uhr. „Ich bin halt ein Nachtmensch.“ Erst liest er gemütlich Zeitung. Dann setzt er sich mit einer Tasse Kaffee meist in sein kleines Studio im Souterrain der Wohnung und tüftelt an neuen Melodien. Manchmal mit Freunden zusammen. Die besten Nummern erscheinen auf seinen Solo-Alben. „Es geht mir einfach nur ums Musikmachen“, erzählt er. Wenn die Kreativität versiegt, setzt er sich zu später Stunde vor den Fernseher: „Da schau ich mir dann Serien an“, verrät der Sänger. „Ohne Ende! Game of Thrones, Breaking Bad, True Detective – das liebe ich. Das kann dann schon mal bis vier Uhr morgens gehen.“ Hunderte DVDs stapeln sich in seinem riesigen Bücherschrank – direkt über den unzähligen CDs. Hier ist jemand ewiges Kind geblieben – was für einen Künstler nicht das Schlechteste sein muss.

Wenn Günther Sigl zu seinem Studio im Erdgeschoss schlappt, dann kommt er an seinen vielen Platin- und Goldschallplatten vorbei, die in Reih und Glied an der Wand hängen. „Damals haben wir vor 15 000 Menschen in der Dortmunder Westfalen-Halle gespielt“, erzählt er. Ob ihm das fehlt? „Nein! Vor ein paar Tagen sind wir in der Germeringer Stadthalle aufgetreten. Die war mit 1200 Leuten ausverkauft – war genauso schön.“ Man glaubt ihm diese Worte.

Im nächsten Jahr feiert die Spider Murphy Gang ihr 40-jähriges Jubiläum. Dann ist ein großer Auftritt mit den vielen Weggefährten in der Olympiahalle geplant. „Das wird sicher großartig“, freut sich Sigl schon jetzt. Bei diesen Worten blickt er kurz aus dem Fenster und fügt an: „Mal ehrlich: Ich habe schon viel Glück gehabt im Leben. Manchmal habe ich Angst, dass es mir irgendwann ausgeht.“

Nein, das wird es nicht. Darf es nicht. Schon alleine, weil ganz Bayern die Spider Murphy Gang braucht: Wegen all dieser Erinnerungen – an Skilager, an Isar-Partys, an Klassenfeiern. Günther, Barny und die anderen waren immer dabei, wenn mir uns mit der Mass den Sonnenbrand gelöscht ham und oben am Monopteros hockten. Ja, es war wiar a Traum …

Armin Geier

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