Sie steht mitten im Leben

Hannelore Elsner: "Als Künstler ist man immer jung"

Hannelore Elsner
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Einer der begehrtesten Filmstars Deutschlands: Hannelore Elsner.

München - „Auf das Leben“ heißt der neue Film, in dem Hannelore Elsner (71) einmal mehr zeigt, was sie kann. Wir sprachen mit der Schauspielerin.

Sie verleiht der Hauptperson Ruth, einer 84-Jährigen, ehemaligen Cabaret-Sängerin, so viel Emotionalität, Energie und Lebendigkeit, dass man nach 90 Minuten tief berührt und gleichzeitig beschwingt (Elsner singt selbst zwei jiddische Lieder) das Kino verlässt. An ihrer Seite: Nachwuchsstar Max Riemelt, der als MS-kranker Jonas Ablenkung im Rausch sucht. Beide lernen sich kennen, als Ruth aus ihrer Wohnung und Instrumenten-Werkstatt raus muss und in ein seelenloses Altersheim verfrachtet wird. Dort versucht sie sich die Pulsadern aufzuschneiden, Jonas rettet sie. Beide beschließen, ihr Leben (wieder) zu leben – und zu genießen. In Rückblenden sieht man die junge Ruth, wie sie dem Holocaust entkommt. In dieser Rolle glänzt Sharon Brauner, die Cousine von Produzentin Alice Brauner. Am Donnerstag läuft „Auf das Leben“ (Regie führte Uwe Janson) in den Kinos an.

Was für eine Frau ist Ruth?

Hannelore Elsner: Ruth ist eine sehr lebendige, unkonventionelle Frau mit einem besonderen Eigensinn. Sie steht mitten im Leben. Wenn Sie so wollen, ist ihr Entschluss, sich umzubringen, ein sehr kraftvoller, lebendiger Entschluss. Das versteht man wohl nur, wenn man den Film gesehen hat...

Jonas, gespielt von Max Riemelt, rettet Ruth glücklicherweise. Zwischen den beiden entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, obwohl beide über 40 Jahre trennen. Ist so etwas möglich? 

Hannelore Elsner: Ja! Warum immer diese Generationenfrage. Ich habe das nie so empfunden, dieses Trennende. Schon als junge Schauspielerin habe ich mit älteren und sehr alten Kolleginnen und Kollegen gearbeitet. Man hat sich gegenseitig geachtet und respektiert und auch Freundschaften geschlossen. Ganz selbstverständlich. Auch durch meinen Sohn habe ich Beziehungen und Freundschaften zu jüngeren Menschen. Das Alter spielt dabei keine Rolle. Das ist nur in unseren Köpfen.

Für viele, gerade für Schauspieler, spielt das Alter aber eine große Rolle...

Hannelore Elsner: Wissen Sie, ich habe schon lange keine Lust mehr, über dieses Klischee zu sprechen. Ich wurde schon mit 24 gefragt, ob ich Angst davor hätte, 25 zu werden. Und auch dieser Satz ist schon hundertmal von mir gesagt und geschrieben worden. Ich habe keine Probleme mit meinem Alter, vielleicht andere, aber nicht ich.

Über 65 wird man in Deutschland gemeinhin als Rentner bezeichnet. Viele fühlen sich an den Rand gedrängt. 

Hannelore Elsner: Rentner! Allein dieses Wort empfinde ich als abwertend. Als würde man jemanden nichts mehr zutrauen, ihn abschieben. Früher, ja, da war man schon mit 50 alt, müde vom Leben und vom Krieg. Erst wir, die 68er-Generation hat das aufgebrochen. Wir stehen mitten im Leben, arbeiten, sind aktiv. Außerdem ist man als Künstler immer jung.

Wie Sie... 

Hannelore Elsner: Natürlich. Ich muss mich ja auch erst dran gewöhnen, überhaupt ältere Frauen zu spielen, Rollen mit grauen Haaren. So lange bin ich ja auch noch nicht so alt. Ich war ziemlich lange viel zu jung für mein Alter (lacht).

Die Kritiker schwärmen bereits, die Ruth ist die Rolle Ihres Lebens. 

Hannelore Elsner: Das finde ich wunderbar, dass immer wieder die Rolle des Lebens auf mich zukommt. Das wurde schon öfters von Kritikern gesagt, zum Beispiel für die Rolle Die Unberührbare oder Mein letzter Film. Ich habe ja schon drei Ehrenpreise für mein Lebenswerk bekommen, das ist ja auch nie etwas Endgültiges. Ich sehe das als Etappensiege. Ich bin ja mittendrin in meinem Lebenswerk.

Welche Rolle würden Sie denn noch gerne spielen?

Hannelore Elsner: Was heißt denn hier noch? Ich mag dieses Wort „noch“ nicht. Soll das heißen bevor ich sterbe, oder was? Ich lasse alles, was für mich da ist und bereitsteht, sich entwickeln und auf mich zukommen. Ich will mich gerne überraschen lassen – auch von mir selbst.

Wie waren die Dreharbeiten mit Jungstar Max Riemelt (30)? 

Hannelore Elsner: Mit Max war es toll zu drehen, wir haben uns sehr gut verstanden. Zwischen uns hat es einfach gestimmt, ohne große Worte oder Diskussionen. Ich finde übrigens wunderbar, dass er jetzt diese große internationale Erfolgsserie macht. Er kam gerade aus Mexiko, erzählte mir von Indien, Paris und Island. Und dass er auf der ganzen Welt unterwegs ist. Das finde ich toll. Hätte ich damals vielleicht auch machen sollen, als ich so jung war wie er, statt in Deutschland mit Theatertourneen unterwegs zu sein. Also, vielleicht.

Der Film soll auch die Kindheitserinnerungen von Artur und Maria Brauner (Eltern der Produzentin Alice Brauner, Anm.) verarbeitet haben. Haben Sie mit den beiden gesprochen?

Hannelore Elsner: Nein, das brauchte ich auch nicht. Alice Brauner hat diesen Film ihrer Mutter gewidmet, aber die Rolle der Ruth ist ganz eigen, es ist Ruths Leben.

Wie haben Sie sich auf die Rolle der Ruth, die eine Holocaust-Überlebende ist, vorbereitet?

Hannelore Elsner: Ich musste mich nicht vorbereiten, ich habe diese Zeit in mir. Seit ich ungefähr zwanzig bin, habe ich mich mit dem Holocaust und den Verbrechen in der Nazi-Zeit beschäftigt. Ich engagiere mich seit Jahrzehnten beim Fritz Bauer Verein – Gegen das Vergessen des Holocaust in Frankfurt. Aber die schönste Vorbereitung war, Dinge zu üben und zu lernen, die ich noch nicht konnte, nämlich jiddische Lieder zu singen und, als die Instrumenten-Bauerin Ruth, Saiten auf eine Mandoline aufzuziehen. Ich liebe es immer wieder, etwas Neues zu lernen.

Interview: Maria Zsolnay

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