Interview zum 60.

Schauspieler und Tierschutzaktivist Hannes Jaenicke: „Greta Thunberg hat recht!“

Hannes Jaenicke mit tz-Redakteurin Ulli Schmidt im Münchner Tierpark.
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Hannes Jaenicke mit tz-Redakteurin Ulli Schmidt im Münchner Tierpark.

Hannes Jaenicke feiert 60. Geburtstag – im Interview mit der tz prangert der Schauspieler und Tierschutzaktivist die Umweltpolitik an und verrät, ob er Angst vor Alter und Tod hat.

Ein tz-Gespräch mit Hannes Jaenicke über das Leben und eine zunehmend fragile Welt – im vertrauten Du, weil sich ­Hannes Jaenicke und tz-Kolumnistin Ulrike Schmidt seit über 20 Jahren kennen.

Hannes Jaenicke: Das Highlight meiner Kindheit war der sonntägliche Besuch im Frankfurter Zoo mit meinem Opa. Ich konnte es gar nicht erwarten, jede Pinguin-Fütterung habe ich gesehen und so meine Liebe zur Natur entwickelt. Der Naturforscher Sir David Attenborough sagt lustigerweise dasselbe. Als Bildungseinrichtung für Großstadtkinder sind Tierparks unersetzlich, Kinder malen Kühe ja mittlerweile lila. Und wenn du Tiere artgercht halten kannst, finde ich Zoos in Ordnung. Das stößt bei solchen an Grenzen, die normalerweise große Wanderrouten zurücklegen, wie Delfine, Elefanten oder Raubkatzen.

Wir stehen hier vor dem Flachlandgorilla-Gehege. Kann man es verantworten, sie einzusperren?

Die Frage ist schwer zu beantworten. Ich weiß nur, dass Schimpansen und Gorillas in freier Natur gefährlich leben, dass sie gejagt, verzehrt und ausgerottet werden; der Regenwald, wo sie leben, wird für Coltan-Minen gerodet, hier sind sie wenigstens sicher. Aus Coltan wird Tantalit gewonnen, das in fast jedem elektronischen Gerät steckt.

Du zählst zu Deutschlands bekanntesten Schauspielern – inzwischen nehmen Dich die Leute aber mehr als Tierrechtsaktivisten wahr. Für was schlägt Dein Herz?

Leben tu’ ich von der Schauspielerei, ich muss ja auch meine Miete bezahlen, und mit meinem Beruf, den ich bis heute liebe, meine Brötchen verdienen. Vergangenes Jahr habe ich durchgehend als Schauspieler gearbeitet und so viel gedreht, dass ich jetzt mal eine Pause mache: eine sechsteilige internationale Serie, drei Filme für die ARD und einen Film fürs ZDF. Die Älteren nehmen mich eher als Schauspieler wahr, die Jüngeren als Umweltaktivisten. Das hängt auch damit zusammen, dass unsere ZDF-Dokus als Schulmaterial eingesetzt werden.

Hoch die Tasse zum 60! Hannes Jaenicke feiert Geburtstag.

Was machst Du lieber – Dokus oder einen Sonntagabend-Film?

Die Schauspielerei ist und bleibt mein Beruf, und wenn ich es irgendwie koordinieren kann, sind die Dokus meine absolute Leidenschaft. Ich bin wegen der Dokus vor zwölf Jahren nach München gezogen, und mit dieser Arbeit habe ich das Gefühl, ich mach’ was Sinnvolles, etwas, das Menschen bewegt und zum Nachdenken anregt; das ist mit Filmen oft schwer. Deshalb macht auch Leonardo DiCaprio Dokus, oder George Clooney. Mir macht beides ­Riesenspaß: Wenn ich als Schauspieler ein gutes Drehbuch, gute Kollegen und einen guten Regisseur habe, ist es ein Fest!

Was wolltest Du als Kind werden?

Hannes: Lastwagenfahrer.

„Riesenfan“ von Ingemar Stenmark und Wayne Gretzky

Und schließlich?

Skirennläufer, ich war der größte Ingemar-Stenmark-Fan, aber auch ein Riesenfan des kanadischen Eishockeyspielers Wayne Gretzky. Das waren so meine Sportarten und Idole. Doch dann hab’ ich in Regensburg in der Bar des Restaurants Orphée gearbeitet, auch in einem Schallplattenladen, und hab als junger Mann relativ gutes Geld verdient. Dennoch wusste ich, dass das nicht die Lebenserfüllung werden würde. Also habe ich mich an der Uni für Sport und Englisch auf Lehrfach eingeschrieben, aber schnell festgestellt, dass ich nach 14 Jahren Schule – ich war einmal sitzen geblieben – nicht schon wieder ’ne Schulbank drücken wollte.

Und dann?

Hab’ ich aus Jux und Dollerei versucht, die Aufnahmeprüfung an einer Schauspielschule zu machen, erst am Mozarteum in Salzburg, da bin ich durchgeflogen, dann in Wien, da wurde ich genommen. Ich hatte überhaupt keinen Plan. Ich wäre auch mit einem Kumpel als Holzfäller nach Kanada ausgewandert, aber dann wurde er zur Bundeswehr eingezogen. Ich war so der typische 70er-Jahre-Teenie, der keine Ahnung hatte, wo es langgeht.

Hannes Jaenicke: „Ich hab ich nie damit gerechnet, wahnsinnig alt zu werden“

Das Max-Reinhardt-Seminar ist ja eh ein Volltreffer, wenn man Schauspieler werden will...

Ja, das war pures Glück! Ich war ein großer Theaterfan, hatte in Regensburg schon ein Schülerabo am Stadttheater, und ich bin fast jeden Abend ins Kino gegangen, ich hatte eine echte Leidenschaft für Film und Theater.

Und ganz schnell bist Du berühmt geworden – mit Carl Schenkels Film „Abwärts“, 1984. Wenn Du zurückschaust, überrascht Dich Dein Weg?

Ich denk’ immer, ich hab’ so unverschämt viel Glück gehabt, dass ich bis heute nicht weiß, wa­rum. Ich denk mir aber auch – meine Schwester ist Krankenschwester, derzeit in einem Hospiz –, dass ich einen eher überflüssigen Beruf mache. Ich ziehe bodentief den Hut vor allen sozialen Berufen. Und wie bezahlen wir sie? Unterirdisch! Ich habe das Bedürfnis, mein Glück ein bisschen weiterzuverteilen, und so spende ich mit großer Begeisterung. Ich weiß, dass sich die Welt auch ohne Schauspielerei weiter dreht.

Aber schön ist sie schon – mit...

Ja, es macht selbst nach 40 Jahren immer noch Spaß!

„Ich hab’ das Konzept des Geburtstagsfeierns nie verstanden“

Wie feierst Du Deinen 60.?

Ich hab’ nie gefeiert und hab’ auch das Konzept des Geburtstagsfeierns nie verstanden, weil die Einzige, die da gefeiert gehört, ist die Mutter. Wenn, dann mach ich das ganz klein und privat und ohne Party. Zu meinem 40. hat meine Ex-Frau mir eine Überraschungsparty geschmissen, die sehr sehr lustig war. Das hat meine damalige Lebensgefährtin zum 50. wieder gemacht – aber ich selber bin noch nie auf die Idee gekommen, eine fette Party zu schmeißen.

Macht Dir die 60 Angst?

Null. Ich erinnere mich an ein Buch von Curd Jürgens, das in meiner Kindheit herauskam: 60 Jahre und kein bisschen weise. Für mich sind Zahlen abstrakt. Nur mein Körper sagt mir, dass ich keine 30 mehr bin. Das Alter ist nur eine Zahl. Ich hab jahrzehntelang regelmäßig mit meinem filmischen Ziehvater Götz George gedreht, und alter Schwede, war der fit! Beim letzten Schimanski 2011 hatten wir eine Schlägerei, da musste ich mich gewaltig anstrengen. Götz war 22 Jahre älter, aber derart fit und was für eine Arbeitsmaschine! Ich denke, wenn man wach bleibt und neugierig, kann man sehr munter alt werden.

Der Schauspieler vor seinem Haus am See.

Hast du Angst vor dem Tod?

Der kann jeden Tag kommen, ich bin Motorradfahrer, wie du weißt. Also hab ich nie damit gerechnet, wahnsinnig alt zu werden. Ich hab nur Angst vorm Siechen. Mein Vater ist an Demenz gestorben, das war das Traurigste, was meine Familie miterleben musste. Er war die letzten zwei Jahre bettlägerig, davor hab ich Angst. Ich möcht’, dass es ­zackig geht, aber ich noch genug Zeit habe, mich von Menschen zu verabschieden, die mir wichtig sind.

Was wünschst Du Dir noch vom Leben?

Vieles. Zum Beispiel eine Weltumsegelung. Mein Freund Daniel Roesner und ich suchen seit Jahren nach einem passenden Boot... Ja, ich würd gern noch mal so ein richtiges Seeabenteuer feiern. Ansonsten würde ich gern so weitermachen wie bisher. Ich hab’ Spaß am Spielen, an den Dokus, am Schreiben, ich geh surfen und kiten, am Ammersee spazieren und fahre mit dem Rad durch die Gegend; am liebsten hätt’ ich weiterhin so viel Glück.

Materielles bedeutet Dir eh nicht sehr viel, Du trägst alles auf, kaufst nur secondhand...

Solange ich ein Dach über dem Kopf habe, ein halbwegs gesundes und leckeres Essen und meine Freunde einladen kann, fühl ich mich wie ein reicher Mann.

„Meine Generation hat alles gemacht, worauf sie gerade Bock hatte“

Ich weiß, Du isst hauptsächlich vegan, nur manchmal kann Dich noch ein guter Käse verführen, Fisch ist tabu...

Ich ess’ doch nicht meine Artgenossen! Die Meere sind komplett leer gefischt!

Auch das Klima ist im Eimer – die Fridays-for-Future-Bewegung führt uns das mitunter sehr drastisch vor Augen...

Wenn du überlegst, dass Robert Redford seit den 70er-Jahren, Leonardo DiCaprio seit den 90er-Jahren und Al Gore extrem aktive Umweltschützer sind, doch dieses Mädchen mit ihrer Bewegung mehr gebacken bekommt als wir alte Hasen alle zusammen! Ich laufe bei Fridays for Future immer mit, wenn es geht. Meine Generation hat alles gemacht, worauf sie gerade Bock hatte, wir sind um die Welt gereist und haben uns nach Lust und Laune ausgetobt. Jetzt kommen Schüler und sagen: „Hey, ihr verspielt unsere Zukunft!“ Sie haben recht!

Jetzt regst Du Dich aber auf...

Ja! Fakt ist, der CO2-Ausstoß steigt rasant weiter, Australien brennt, der Amzonas wird weggerodet wie der indonesische und malaysische Regenwald – es geht alles den Bach runter, aber endlich gibt es eine Bewegung, die sagt: Hört auf damit! Greta Thunberg hat etwas losgetreten, das existenziell wichtig ist. Wir haben immer noch kein Tempolimit; die meistverkauften Autos in Deutschland sind SUVs. Es gehen fast drei Millionen Deutsche jedes Jahr auf Kreuzfahrt. Es passiert genau das Gegenteil dessen, was eigentlich passieren müsste. Ich kann den jungen Leuten nur sagen: Werdet noch lauter!

Ein Selfie mit tz-Redakteurin Ulli Schmidt.

Was tust Du für eine ausgewogene Umweltbilanz?

Ich esse zu 90 Prozent vegan; ich vermeide Plastik, wo es geht, mein Haushalt ist weitestgehend plastikfrei – ich kaufe alles unverpackt, Bio und Fairtrade. Ich hab’ in jeder Stadt, in der ich arbeite, ein Fahrrad stehen. Ansonsten fahre ich ein Elektroauto, viel gescholten, dennoch halte ich es für eine gute Zwischenlösung. Mein Auto fährt emissionsfrei, und was die Batterie angeht: Der giftigste Teil eines konventionellen Autos ist ebenfalls die Batterie. Wenn wir über Feinstaub und Luftverschmutzung reden, gibt es keine Alternative zu Wasserstoff oder Strom. Doch bei Wasserstoff ist das Tankstellennetz noch schlechter als das Strom-Ladenetz.

Du fährst einen BMW i3 und bist sehr viel unterwegs – wie schaffst Du das mit der Reichweite?

Berlin mach’ ich mit der Bahn, ebenso wie Frankfurt. Ich fahr’ hauptsächlich die 46 Kilometer von zu Hause nach München ins Produktionsbüro, dort haben wir eine Ladestation. Der i3 hat über 300 Kilometer Reichweite. Allerdings ist das Ladenetz für Nicht-Tesla-Fahrer immer noch miserabel. Die deutsche Autoindustrie hat fast nur Verbrenner im Angebot, also tut sie alles, damit alternative Antriebe sich nicht durchsetzen, und unsere Politiker benehmen sich wie Marionetten in einer Lobbykratie. Natürlich macht mein E-Auto keinen Sinn, wenn ich dafür Strom von Atom- und Kohlekraftwerken brauche. Aber die Energiewende wurde von der CSU/CDU faktisch ausgebremst, die Photovoltaik-Förderung gekürzt, und es werden kaum noch Windrotoren aufgestellt...

„So ganz clean krieg ich das auch nicht hin“

Und Deine eigenen Widersprüchlichkeiten?

Fliegen, Skifahren – ich bin als Jugendlicher Rennen gefahren und liebe Skifahren noch immer. Was ich nicht mehr mache, sind Skiwochenenden. Wenn ich fahre, dann einmal im Winter eine ganze Woche, und nur in Gebieten, die nicht mehr roden, um immer neue Liftanlagen zu bauen, wie das Unesco-Weltnaturerbe Alta Badia in Südtirol. Ich weiß, dass es eine Umweltsünde ist. Auch das Surfen, die Bretter sind aus Fiberglas, also hochgiftiger Müll. So ganz clean krieg ich das auch nicht hin. Und natürlich fliege ich viel zu viel, beruflich bedingt. Ich mache aber den CO2-Ausgleich und unterstütze verschiedene Wiederaufforstungsprojekte in Malaysia, Indonesien und Südamerika.

Wenn jetzt neben Dir einer ein dickes Steak isst – hast Du damit ein Problem?

Die Leute sollen essen, was sie wollen. Ich würd’ mich nur freuen, wenn sie besser informiert wären. Auf jeder Zigarettenpackung sind Fotos von schrecklichen Krankheiten. Warum ist nicht auf jeder Billigtextilie ein Foto von Kinderarbeit oder von Frauen, die in Sweatshops arbeiten müssen? Warum nicht auf jedem Kotelett ein Foto, wie Schweine gezüchtet werden? Massentierhaltung ist nicht nur schlecht fürs Tierwohl, sondern auch für uns Menschen.

„Circa 50 Prozent der deutschen Lebensmittel werden weggeschmissen!“

Erzähl weiter...!

Das Trinkwasser für Geflügel wird prophylaktisch mit Antibiotika versetzt. Und wir wundern uns über Superviren und resistente Keime? Wenn eine Kuh ein schönes Leben hatte und frei auf einer Weide stand, dann kann ich akzeptieren, dass sie geschlachtet und gegessen wird. Das ist sauber produziertes Fleisch. Doch wenn sie in der Halle bis zu den Knien in der eigenen Kacke steht, ohne Tageslicht, dann sollte man das nicht essen, das ist einfach zu grausam und zu billig. Ich bin noch mit dem Sonntagsbraten aufgewachsen. Fleisch und Fisch sind viel zu billig und in keinster Weise nachhaltig produziert. Es geht um die Menge und wie bewusst wir konsumieren. Circa 50 Prozent der deutschen Lebensmittel werden weggeschmissen!

In Deinen Büchern prangerst Du die Missstände unmissverständlich an, wie in „Aufschrei der Meere“ (2019) oder „Wer der Herde folgt, sieht nur Ärsche“ (2017). Wenn Du schreibst, schließt Du Dich in Deinen „Pappkarton“ an der Pazifik-Küste ein, Du hast ja auch einen amerikanischen Pass....

Ja, das ist meine Schreib-Enklave. Ich geh dann nicht mehr ans Telefon, beantworte Mails nur noch sporadisch und konzentriere mich aufs Schreiben. In den Pausen gehe ich Surfen oder am Strand spazieren. Ich fliege aber nur noch rüber, wenn es sein muss, wenn es einen echten Anlass gibt. Ansonsten bewohnen Freunde mein Häuschen – die nennen es immer: Hannes’ Gästehaus.

„Hysterische Öko-Diktatur“ und noch weitaus heftigere Reaktionen erntete Greta Thunberg auf einen neuen Post auf Twitter. Viele wollen ihre Weltsicht nicht wahrhaben.

Die schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg stammt aus einer Familie bekannter Persönlichkeiten. Das gilt für Mutter, Vater und auch Großeltern.

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