Trauer um den Meister der Leichtigkeit

Helmut Dietl: Die Legende ganz privat

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Helmut Dietl, aufgenommen im Jahr 2013.

München - tz-Redakteurin Astrid Kistner mit einem Nachruf auf den verstorbenen Helmut Dietl.

Ich mag keine Beerdigungen. Ich überleg’ sogar ernsthaft, ob ich auf meine eigene gehe.“ Es ist kein Jahr her, dass Helmut Dietl mir das sagte und sich spitzbübisch lächelnd darüber freute, dass die Pointe zündete. Wir saßen zum Interview in einem Schwabinger Café, keine hundert Meter von seiner Wohnung entfernt, und sprachen über seine Scheu vor großen Feiern, seine Leidenschaft fürs Filmemachen, über das Leben, die Liebe und den Tod. Nur wenige Monate zuvor hatte der Kultregisseur die niederschmetternde Krebsdiagnose bekommen. Chemotherapie und Bestrahlung lagen hinter ihm, und wir wollten nur ein halbes Stündchen über den anstehenden 70. Geburtstag plaudern. Es wurden zwei Stunden. Es wurde ein Gespräch, das ich nie vergessen werde.

Den Tod fürchte er nicht, hatte er damals gesagt – nur die Schmerzen. Seit der Beerdigung seiner Mutter war er zu keiner Trauerfeier mehr gegangen, auch nicht zu denen von Freunden und Weggefährten wie Bernd Eichinger. „All die schwarz gekleideten Menschen, wie sie hinter dem Sarg hertrotten. Dieses Bild hat mich ewig begleitet. Nach dem Begräbnis meiner Mutter habe ich lange nur noch helle Anzüge tragen können.“ Im cremefarbenen Leinenanzug erschien Dietl auch zu unserer Verabredung. Das graue Haar sorgfältig frisiert, den Bart gestutzt, die käferbraunen Augen mal blitzend vor Neugier, mal voller Melancholie.

Kir Royal: Mario Adorf (v.l.), Dieter Hildebrandt und Franz Xaver Kroetz zeigen die Münchner Klatsch-Welt mit Humor, Finesse und Saft.

Er war ein Stenz, ein Pessimist, ein Choleriker, ein Genie, ein Mensch voller Humor und Tiefe – und voller Selbstzweifel. Er spürte „diese komische Mischung aus Hybris und Versagensangst“, wenn er zum Filmset ging. „Jeder Drehtag war auch immer mit einer gewissen Angst besetzt. Kann ich das? Mach ich das richtig?“ Fragen, die Dietl quälten und gleichzeitig antrieben. In all den Figuren, die er fürs Fernsehen und das Kino schuf, lebte auch immer ein Teil von ihm selbst. „Ich weiß nicht warum, aber die Fiktion anderer Leute hat mich nie interessiert“, erklärte er. Also schrieb er seine Geschichten selbst, feilte an den Charakteren und drechselte Dialoge, die seine Fangemeinde bis heute auswendig hersagen kann.

Er liebte die Schauspieler, seine Schauspieler, die er motivierte, umschmeichelte und oft auch wie ein Raubtierbändiger domptierte. „Bei ,Rossini’ waren eine Menge Tiger im Käfig“, lachte Dietl. „Aber ich habe keinen Zweifel daran gelassen, wer die Peitsche in der Hand hält.“

Was bleibt, wenn einer geht? „Ein paar Filme und Serien, die sie wiederholen werden, bis sie keiner mehr sehen will“, mutmaßte Dietl. Ein Häufchen Asche, das er am liebsten im Kleinhesseloher See verstreut gewusst hätte. Und die Erinnerungen all jener, die ein Stück Leben mit diesem außergewöhnlichen Menschen teilen durften. Danke.

Astrid Kistner

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Michaela May über Helmut Dietl:

Helmut war ein Wegbereiter für mich. Nachdem ich meine Kinder bekam, musste ich einige Zeit aussetzen. Helmut besetzte mich dann wieder in seinen Erfolgsserien Münchner Geschichten, Monaco Franze und Kir Royal und ebnete mir dadurch den Weg zurück in die Schauspielerei. Mit diesen Serien hat er einen Kult geschaffen. Seine genaue Beobachtung der Bayern zeigt ihre sensible Seite und nicht nur die krachlederne. Seine satirische und intensive Betrachtungsweise galt auch ihm selbst. Das machte ihn so sympathisch. Das letzte Mal sah ich ihn beim Bambi, den er 2014 für sein Lebenswerk erhielt. Damals wollte er nicht, dass wir ihm gratulieren. Dazu war er zu wehmütig. Den Verriss seines letzten großen Werks Zettl hatte er nicht verdient. Er hat sich durch so viele erfolgreiche Film- und Fernsehprojekte einen Namen gemacht. Er hat Geschichte geschrieben. Das behalten wir in Erinnerung.

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Sunnyi Melles über Helmut Dietl:

Sunnyi Melles

Zuletzt gesehen habe ich Helmut Dietl 2014 beim Deutschen Filmpreis, als er den Ehrenpreis für sein Lebenswerk erhielt. Doch in unauslöschlicher Erinnerung bleibt er durch die Zusammenarbeit für seinen Film Zettl. Es war mir eine Ehre, als er mir die Rolle der Jacky Timmendorf anbot, weil er bei seinen Rollen immer auch an den Menschen dahinter denkt. Er hat einen Anspruch, den man einhalten muss, um in die große Filmfamilie aufgenommen zu werden. Uns hat eine Art Seelenverwandschaft verbunden, die dazu führte, dass er mir beim Dreh nicht mehr viel erklären musste. Darüber hinaus habe ich ihn immer für seine Dialoge bewundert. Seine Drehbücher waren wie Partituren für Orchester. Es trifft mich, aber dann denke ich an sein Schaffen wie Monaco Franze und ich weiß, dass er dadurch unvergesen bleiben wird.

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