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Käßmann: Erstes Interview nach dem Rücktritt

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Margot Käßmann äußert sich © dpa

Hamburg/Hannover - Sie hat lange geschwiegen nach ihrer Trunkenheitsfahrt im Februar mit ihrem Dienstwagen. Jetzt spricht Margot Käßmann über ihr neues Leben.

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Käßmann will "irgendwo neu anfangen"

Nach einem Kino- und Restaurantbesuch in Hannover überfuhr Margot Käßmann eine rote Ampel. Die Polizei stellte bei ihr anschließend 1,54 Promille fest. Wenig später trat die Landesbischöfin von Hannover und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland zurück. Jetzt gab Margot Käßmann (52) im Spiegel erstmals nach ihrem Rücktritt ein Interview. Darin gewährte die geschiedene Mutter von vier Töchtern zahlreiche Einblicke in ihr Privatleben und äußerte sich über ihre Zukunftspläne. Margot Käßmann über:

... ihre Zukunft: Ich habe keinen Arbeitsplatz, ich habe keine Wohnung, jetzt ist auch noch meine jüngste Tochter ausgezogen. Ich werde ohne Familie irgendwo neu anfangen.

... ihren künftigen Broterwerb: Ich habe noch nichts Konkretes. Das Jobprofil ist für die Kirche ja auch durchaus schwierig: Wo findet sie für eine 52-Jährige, die Bischöfin sowie Ratsvorsitzende war, jetzt einen Ort? Ich möchte ja auch keinen Sonderposten zur Versorgung Käßmanns, keinen Dissidentenstatus. Ab August bin ich erst mal vier Monate als Gastdozentin an der Uni von Atlanta. Mit dem Abstand hoffe ich dann, dass zum 1. Januar irgendeine Aufgabe da ist... Ich falle auch ohne Amt nicht auf Hartz IV zurück. Ich kann mich jetzt ganz in Ruhe umschauen, wie es weitergeht.

... ihre Gedanken über ihr weiteres Leben: Vielleicht muss mein Leben noch mal eine neue Richtung nehmen – das kann ich auch als Chance sehen. Es ist in der Bibel übrigens oft so, dass es ganz starke Brüche gibt und dann Abraham neu aufbricht oder Moses oder ein ganzes Volk durch den Sinai.

... die Strafe für die Trunkenheitsfahrt: Nach dem schriftlichen Verfahren habe ich einen Brief erhalten: 3600 Euro Strafe muss ich zahlen, und den Führerschein bekomme ich am 22. Dezember wieder. Dazu musste ich noch einen Erste-Hilfe-Kurs und einen Sehtest machen.

...die folgenschwere Alkoholfahrt: Ich habe einen Riesenfehler gemacht. Und für Fehler muss der Mensch die Verantwortung übernehmen.

... ihre Gefühlslage nach dem Rücktritt: Ich glaube, das ist wie ein Trauerprozess. Das lernt man in der Seelsorge. Das Erste ist eine Schocksituation, die zu bewältigen ist. Danach fangen Trauer und Abschied nehmen an. An meinem 52. Geburtstag bin ich aufgewacht und habe gedacht, das ist so ein bisschen wie Monopoly: Gehe zurück auf Los!

... die Diskussion mit ihrer Tochter: Ich habe vier Tage nach dem Vorfall morgens um sechs mit meiner jüngsten Tochter in der Küche gestanden. Sie hat die Zeitungen hochgeholt... Ich habe dann gesagt: „Esther, ich glaube, es hat keinen Sinn mehr zu sagen, ich kämpfe um dieses Amt, und ich werde ständig damit konfrontiert werden. Ich hätte nicht mehr die gleiche Autorität.“ Sie hat dann gesagt: „Mama, das musst Du entscheiden. Für mich ist das okay. Ich habe nur noch ein Jahr bis zum Abi.“

... die Entscheidung über den Rücktritt: Die Entscheidung habe ich ganz allein gefällt. In dem Moment habe ich nur empfunden, ich muss eine Konsequenz ziehen, um hier Klarheit zu schaffen durch den Rücktritt. Das war die einzige Art und Weise, mit erhobenem Haupt aus solch einer Situation herauszugehen und sich nicht treiben zu lassen. Das war mein Hauptmotiv: Ich lasse mich nicht behandeln, dann handele ich lieber selbst.

... ihre Emotionen beim Verfassen der Rücktrittserklärung: In dem Moment habe ich gedacht: Du wirst hier nicht jammern, und du wirst hier nicht heulen. Ich habe auch meinen Töchtern gesagt: „Wir werden nicht weinen!“ Na ja, geweint habe ich natürlich, aber das war vorher. Da haben wir alle geweint, durch die Bank.

... den Wirbel um ihr Vergehen: Ich fand Ursache und Berichterstattung im Verhältnis zu anderem, was in dieser Zeit in der Welt passiert ist, unverhältnismäßig. Da war am gleichen Tag ein Erdbeben in Haiti. Für eine Fahrlässigkeit hat die ganze Angelegenheit eine große Dimension bekommen.

... eine eventuelle Datenschutzverletzung der Behörden: Ich finde es schwierig, dass mein Fall öffentlich gemacht wurde. Eigentlich unterliegt ein solcher Vorgang dem Datenschutz, und eigentlich darf eine Person nicht im Zusammenhang mit einer Promillezahl genannt werden. Dem war ich hilflos ausgeliefert. Ich habe meine Promillezahl erst aus der Zeitung erfahren.

... den Beifahrer bei ihrer Trunkenheitsfahrt: Ich verstehe nicht, was das jemanden angeht!

... das Sparprogramm der Bundesregierung: Wir müssen wachsam sein, dass der soziale Friede nicht gefährdet wird. Wer mehr leisten kann, sollte auch mehr zur Solidargemeinschaft beitragen als andere. Geiz gehört schon in der Bibel zu den Lasterkatalogen und ist überhaupt nicht geil. Es ist falsch, 30 Milliarden Euro ausgerechnet bei den Armen einzukürzen.

GA

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