Neues Buch erscheint diese Woche

Konstantin Wecker: Eine Liebeserklärung an das Leben

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Konstantin Wecker.

München - Anlässlich seines 70. Geburtstags hat Liedermacher Konstatin Wecker ein Buch geschrieben. Unser Autor hat es sich vorab mal durchgelesen.

Ganz zum Schluss auf Seite 452, gleich nach der Erkenntnis, dass es nichts Besseres gebe, „als ein Narr zu sein“ in dieser Welt, beschreibt sich Konstantin Wecker noch einmal selbst. Mit sechs Charaktereigenschaften. „Fehlerhaft und lernend“, nennt er sich. „Närrisch und zornig, liebevoll und verzweifelt.“ Hätte er dafür nur ein einziges Adjektiv zur Verfügung gehabt, hätte er auch sagen können: unruhig.

Am 1. Juni feiert der personifizierte Unruhepol seinen 70. Geburtstag, anlässlich dazu erscheint schon in dieser Woche Weckers Buch Das ganze schrecklich schöne Leben, eine einmal mehr umfassende Rückschau auf seine Vita. Nach Die Kunst des Scheiterns (2009) und Mönch und Krieger (2014) mag man sich fragen, warum es da jetzt noch eine dritte Biografie braucht. Ganz einfach: Weil Weckers Leben hier aus drei Blickwinkeln betrachtet wird. Aus seinem eigenen und aus dem seiner beiden Co-Autoren Günter Bauch und Roland Rottenfußer, wodurch eine abwechslungsreiche und auch dank der unterschiedlichen Schreibstile höchst kurzweilige Bilanz von Weckers intensiven ersten sieben Lebensjahrzehnten entstand.

In 55 Kapitel hat sich das Trio das Buch aufgeteilt, und dort, wo Wecker selbst schreibt, klingt es natürlich auch wie Wecker. Es ist zu spüren, wie ihm, dem selbst ernannten „Flussmenschen“, die Gedanken erst mittendrin im Schreibfluss kamen, wie die Sätze aus der Quelle der Erkenntnis sprudelten, von der er am Samstag im großen tz-Interview sprach. Und mehr noch: Man sieht und hört ihn, wenn man ihn liest. Wenn es etwa um das Thema Vorwürfe gegen seine Eltern geht, dann projiziert die Lektüre vor dem geistigen Auge ein Bild, bei dem man Wecker vor sich auf der Bühne sieht und er zwischen zwei Liedern mit seiner scharfen Artikulation so schöne Sätze wie diese rezitiert: „Werfen wir die Vorwürfe in die Mülltonne. Entsorgen wir sie in der großen Tonne der moralischen Eitelkeit.“ So schreibt und spricht halt nur der Wecker.

Liebeserklärung an seine Frau

Ganz anders lesen sich die Texte von Günter Bauch, einem Freund, der mit Wecker schon aufs Münchner Wilhelmsgymnasium ging und später nicht nur bei den Tourneen Fahrer, Roadie und Lichttechniker wurde, sondern auch Weckers externes Gedächtnis. Der Mann, der sich über die Jahrzehnte alle Daten, Fakten und Zahlen genau merken konnte. Detailliert und amüsant erinnert sich Bauch an die gemeinsamen Nachmittage im Zehnerl, dem Spielsalon am Isartor, die gemeinsame Rom-Fahrt mit dem VW Käfer, die erste gemeinsame Wohnung in der Kanalstraße im Lehel, und beschreibt, wie Wecker schon damals zu Schulzeiten mit seiner Präsenz und Dominanz als Lichtgestalt das Umfeld immer wieder in seinen Bann zog: „Auch im Deutschunterricht war Konstantin kein Liebhaber des Halbschattens“, schreibt Bauch etwa.

Eine distanziertere Perspektive vermittelt schließlich der Journalist Roland Rottenfußer, mit dem sich Wecker nach einigen Interviews für spirituelle Magazine erst vor 15 Jahren enger befreundete. Neben persönlichen Eindrücken analysiert und seziert Rottenfußer vor allem Weckers Liedtexte im Wandel der Jahre, seine zärtlichen Liebeslieder wie auch seine aufmüpfigen Widerstandswerke.

Ausgespart haben die Autoren dabei nichts, auch nicht die aus heutiger Sicht peinlich anmutenden Auftritte in den billigen Sexfilmen der Siebzigerjahre wie Unterm Dirndl wird gejodelt. Viel Platz räumt das Buch aber vor allem Weckers selbstzerstörerischen Absturzjahren durch seine Drogensucht ein. Jahre des „galoppierenden Realitätsverlusts“, wie Bauch schreibt, Jahre, in denen Wecker selbst während seiner Konzerte die Bühne verließ und seine Musiker kurz alleine weiterspielen ließ, um sich schnell die nächste Ladung Kokain zu verabreichen.

Das ganze schrecklich schöne ­Leben mäandert in engen Kurven zwischen poetischen Ergüssen, philosophischen Reflexionen und anekdotischen Streifzügen wie den schönen Kindheitserinnerungen im Lehel: Die Abenteuer auf der Praterinsel, die Prügeleien mit den Haidhauser Erzfeinden drüberhalb der Isar. Und natürlich die Mama, wenn er auf dem Heimweg war, und sie an der Wohnung am Mariannenplatz am offenen Fenster stand und aus dem vierten Stock ihm runterpfiff, dass er im Laden von der Frau Christmann ums Eck noch etwas einkaufen soll.

Im Buch huldigt Wecker in einer Liebeserklärung auch seiner Frau Annik, der Mutter seiner beiden Söhne Valentin und Tamino, ohne die er, wie er schreibt, die Rückkehr aus der Drogenwelt in das normale Leben nicht geschafft hätte. Letztlich ist das ganze Buch eine Liebeserklärung an das Leben, eine Laudatio auf Irrungen und Wirrungen.

Eine wunderbare Ode an das Narrsein.

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