Liedermacher spaziert durch München

Mit Konstantin Wecker auf den Spuren seines Lebens

Konstantin Wecker zum 70. Geburtstag
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Circus Krone: Hier hab ich Heimspiel. Es gibt in München keine andere Bühne, auf der ich mich so wohlfühle wie hier. Es ist groß, aber nicht zu groß. Von jedem Platz hast du als Zuschauer einen guten Blick auf die Bühne, und auch als Künstler wahrst du die Nähe zum Publikum. Mir selbst ist es lieber, wie jetzt vier Konzerte hier zu spielen als ein einziges in einem Saal wie etwa der Olympiahalle, die mir viel zu groß wäre. Ich habe hier auch als Zuschauer viele schöne Abende verbracht, einmal mit dem italienischen Liedermacher Lucio Dalla, zu dem ich nach seinem Konzert in die Garderobe durfte und mit dem ich mich als „Cantautore tedesco“ lange über die Kunst, die Musik und das Leben unterhalten konnte.
Konstantin Wecker zum 70. Geburtstag
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Mariannenhof: Als junger Student traf ich mich hier mit Mitstreitern ab 1969 zu den ersten Lyrikzirkeln. Wir lasen uns gegenseitig Gedichte vor und glaubten, damit die Welt verändern zu können. Ich spezialisierte mich auf meine Vorbilder Rilke und Trakl. Ein Kommilitone war dabei, der hatte mit 16 schon das Gesamtwerk von Proust gelesen. Muss man auch erst einmal schaffen. Wenn der Jackl Schmidt, der Wirt, zusperren wollte, kam immer Herr Taucher noch runter, den kannten wir schon, und ließ sich aus den verbliebenen Resten in den Gläsern noch ein veritables Bier zusammenschütten. Ein Noagerlzuzler par excellence. Oder wie Gerhard Polt in ähnlichem Zusammenhang einmal sagte: „Er hat sich seine Halbe komponiert.“
Konstantin Wecker zum 70. Geburtstag
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Mariannenplatz: Hier bin ich groß geworden, auf Hausnummer 1, ganz oben im vierten Stock. Eine große Vier-Zimmer-Wohnung mit hohen Decken. Oben links war mein Kinderzimmer, dann kam das Wohnzimmer, ganz rechts das Arbeitszimmer meines Vaters, wo auch der Flügel stand. Unten im Haus hatten wir links einen Metzger und rechts den Kramerladen von der Frau Christmann. Wenn mich meine Mutter heimkommen sah, hat sie oft aus dem Fenster gerufen, dass ich bei der Frau Christmann noch was mitbringen soll. Später habe ich in der Kanalstraße gewohnt über dem Kanalstüberl, und auch hier gegenüber in der Thierschstraße im ersten Stock, was strategisch nicht klug war, weil mir meine Mutter da ins Fenster schauen ­konnte. Ich bewundere noch heute meine Mutter, wie sie mit 85 jeden Tag mindestens dreimal die Treppen rauf und runter ist, um mit den Hunden rauszugehen. Gerne hätte ich die Wohnung nach ­ihrem Tod für mich gemietet, aber unser Vermieter behielt sie ­lieber selbst.
Konstantin Wecker zum 70. Geburtstag
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Lukaskirche: Am Morgen bin ich immer mit den Schlägen der Lukaskirche gegenüber aufgewacht, zu Hause hatten wir keine Uhr. Wenn wir wissen wollten, wie spät es ist, haben wir aus dem Fenster auf die Kirchenuhr geschaut. Die Kirche hatte auch etwas Bedrohliches. Obwohl sie erst Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurde, war sie sicher mitverantwortlich, dass ich viele düstere Träume vom Mittelalter hatte. Weniger furchteinflößend war der kleine Vorplatz auf der Nordwest-Seite der Kirche, hier haben wir immer geschussert. In der Kirche selbst habe ich viele schöne Musikkonzerte erlebt.
Kaffee Giesing, Bergstraße
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Bergstraße: 1984 habe ich dort das Kaffee Giesing ­eröffnet ( Archivfoto, mittlerweile geschlossen, d. Red.). An diese Zeit habe ich sehr schöne Erinnerungen. Große Künstler ­traten hier auf, Dieter Hildebrandt, Hanns ­Dieter Hüsch und Gerhard Polt, damals noch unbekannte Nachwuchskräfte wie Sissi Perlinger oder Dirk Bach. Oder auch die famose Münchner Band Zauberberg mit dem viel zu früh verstorbenen Mario Lehner, meinem langjährigen Freund. Das Lokal war zwar immer voll, leider war ich aber kein guter Geschäftsmann und hab nicht viel damit verdient. Außerdem war ich sehr gern mein eigener Wirt und mein bester Gast, die letzten Jahre bis Anfang der Neunziger verbrachte ich dank meines exzessiven Drogenkonsums dann eh mehr im Dämmerzustand.
Au bei München
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Praterinsel: Hier verbrachte ich den ganzen Sommer. Damals gab es noch einen Damm, der unterhalb des Wehrs entlangführte, von dort sind wir immer mutig in die wild wirbelnde Isar gesprungen. Wir wussten ja genau, wo die Felsen waren. Wenn andere Burschen ohne Ortskenntnis uns nachzuahmen versuchten, hatten wir viel zu lachen. Und wenn es Mädchen waren, dann hatten wir alle Hände voll zu tun, wenn wir sie heldenhaft aus den reißenden Fluten retteten. Hatte schon seinen Sinn, dass wir alle den DLRG-Schein gemacht hatten. Jenseits der Isar war Haidhausen, Feindesland, wo sich die Banden an den Hängen der Isaranlagen herumtrieben. Dort hinüber sind wir selten.
Münchner Lach- und Schießgesellschaft
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Lach- und Schießgesellschaft: 1973, als ich gerade meine erste LP Die sado­poetischen Gesänge des Konstantin Amadeus Wecker herausgebracht hatte, stand ich hier erstmals auf der Bühne. Immerhin vor 40 Zuschauern. Bis heute weiß ich allerdings nicht, ob mich Sammy Drechsel engagierte, weil er so viel von meinen Liedern hielt oder weil er sich von mir wegen meiner damals sportlich-kräftigen Statur eine Verstärkung für seine Mannschaft vom FC Schmiere versprach. Bis er merkte, dass ich eigentlich ein hundsmiserabler Fußballer war, war es zu spät, da bekam er mich nicht mehr los. Noch heute mag ich diese Bühne, alles so klein, dicht, gedrungen, ohne Distanz zum Publikum, eine ganz besondere Atmosphäre, einzigartig in München.
Konstantin Wecker zum 70. Geburtstag
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Wilhelmsgymnasium: Ort meiner Schulzeit. Wenn ich hier vorbeigehe, spüre ich immer noch leichte Beklemmungen. Hier hatte ich neben alten Nazis auch großartige Lehrer wie den sanften und liebenswerten Siegfried Bissinger, der sich redlich mühte, uns von den Schönheiten der Musik zu überzeugen. Er förderte mit Sonderstunden auch mein Talent am Klavier und begleitete meinen Gesang bei Schubert und Brahms-Liedern. Auch der junge Religionslehrer Remigius Rauber prägte mich, ein sehr kritischer und wacher Geist. Andere Lehrer waren eher Schleifer – wie der Physiklehrer Urban, der mich auf dem Pausenhof ermahnte, wenn mein Hemd aus der Hose hing und kein Leibchen darunter zu sehen war. Heute zum Glück unvorstellbar. Und zum Kraxeln sind wir immer auf das Max-II-Denkmal gegangen, da konnte man immer schön herumklettern, bis uns brave Bürger heruntergescheucht haben. Nach der 11. Klasse bin ich aufs Theresiengymnasium, wo ich auch mein Abi machte.

70 Jahre Konstantin Wecker - das sind auch 70 Jahre München. Mit uns hat der Liedermacher einen Stadtbummel unternommen und dabei über die Stationen seines Lebens gesprochen.

München - Es ist eine Rückkehr in seine alte Heimat. Zwei Stunden lang schlendert Konstantin Wecker an einem schönen Frühlingstag zusammen mit tz-Autor Florian Kinast und Fotograf Markus Götzfried durch das Lehel - durch jenes Viertel, in dem er bei seinen Eltern am Mariannenplatz aufwuchs, wo er seine Kindheit und ­Jugend ­verbracht hat, wo er auf die Schule gegangen ist und wo er in die Isar gesprungen ist. Auf diesem Spaziergang spricht der Lieder­macher, der am kommenden Donnerstag seinen 70. ­Geburtstag feiert, über seine ganz ­persönlichen Erinnerungen an die Stätten seiner ­Vergangenheit. Neben den Orten im Lehel geht’s natürlich auch über weitere Plätze in der Stadt, die ihn im Laufe seines bewegten Lebens geprägt haben und die ihm auch heute noch viel ­bedeuten. Mögen Sie ein bissl mitgehen auf den Spuren von Konstantin Weckers ­Leben?

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