Interview mit Rainer Langhans

Langhans: "Mein Leben ist radikal"

Interview Langhans
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Auf ein feines Glas Wasser: Kult-Hippie Rainer Langhans (re.) und tz-Reporter Wolfgang de Ponte

München -  „Ich bin nicht der Idiot, als der ich immer hingestellt werde", sagt Rainer Langhans im Interview. Sein tägliches Meditieren sei für ihn eine Vorbereitung auf den Tod, so Langhans.

Ein Küchengespräch? Rainer Langhans klingt leicht verwirrt am Telefon. Er hat ja schon viel erlebt, aber dass ihn einer unbedingt in seiner Küche treffen will … „Ich hab nur einen Stuhl“, gibt er zu bedenken. „Und nur ein Glas …“

Kein Problem: „Ich steh’, Sie sitzen“, schlag ich ihm vor, „und mein Glas bring ich auch mit und natürlich auch das Getränk zum Anstoßen …“ Getränk? Der Alt-Hippie kommt wieder ins Grübeln. „Ich trinke nur heißes Wasser.“ Na, das kann ja lustig werden.

Und dann ist es so weit: Langhans lebt in einer 29-Quadratmeter-Wohnung in Schwabing. Als er hier 1978 einzog, zahlte er 99 Mark Miete. „Weil’s eine Sozialwohnung des Evangelischen Siedlungswerks war“ – und sich der Komfort in Grenzen hielt: Heizung gab’s keine – nur einen Holzbadeofen. Heute zahlt er 350 Euro. Dafür wurde inzwischen saniert.

Dick eingepackt und ganz in Weiß gekleidet

Eisig ist es trotzdem. 16 Grad zeigt das Thermometer. Für Langhans kein Problem. Er ist dick eingepackt, sogar mit Schal – und wie immer ganz in Weiß gekleidet. „Manchmal“, sagt er, „dreh ich schon die Heizung auf. Aber nur, wenn’s wirklich sehr kalt ist.“ Ob ich friere, ist ihm offensichtlich wurst, oder vielleicht besser gesagt Zwiebel – denn Langhans ist strenger Veganer.

Die Küche ist eng und jetzt fällt auf, dass es vielleicht ganz praktisch ist, dass es so kalt ist. Denn Langhans hat keinen Kühlschrank. Karotten, Gurken, abgepackter Feldsalat und ein Kistl mit Obst stehen auf dem Fensterbrett.

Gekocht wird hier wohl eher selten, darauf deutet zumindest die Staubschicht auf Topf und Pfanne hin. „Auch wenn’s nicht so aussieht“, beteuert er, „meistens bereite ich mein Essen selbst zu. Das zieh ich jedem Restaurant vor und auch dem Essen der Frauen …“ Gemeint sind „seine“ Frauen, sein „Harem“, wie er das selbst nennt.

Dazu gehören Filmemacherin Christa Ritter, Ex-Model Brigitte Streubel und die als „Getty-Twins“ berühmt gewordenen Gisela Getty und Jutta Winkelmann. Man geht spazieren, meditiert oder diskutiert über ein besseres Leben, aber jeder lebt in seiner Wohnung. Umso mehr nervt es Langhans, wenn das Quartett an seinem Lebensstil herumnörgelt, meint, ihn auffordern zu müssen, mal wieder zu waschen oder zu putzen…

"Staub ist etwas Himmlisches"

 „Paah“, sagt Langhans und fügt trocken hinzu: „Staub ist doch was Himmlisches …“ Außerdem hat er Wichtigeres zu tun: Er sucht nach Erkenntnis, Sinn und Liebe. Und nach dem Zustand, den er 1967, als er in Berlin in der legendären Kommune 1 einzog, eher zufällig erleben durfte – ein liebendes, ein geistiges Wesen zu sein. „Das war ein wundervolles Jahr“, sinniert er heute, „eine beinahe unfassbar lange Zeit des Glücks.“

Heute kämpft er jeden Tag darum, dieses Glück noch einmal zu erleben. Und wie? „Zehn Prozent meiner Zeit meditiere ich“, sagt er, denn eines hat er in seinen 73 Lebensjahren gelernt: Glück erreicht man nicht mit Sex, Drogen oder Rock’n’Roll, sondern nur, indem man sich auf den Weg macht, ein geistiges Wesen zu werden. Langhans ist übrigens davon überzeugt, dass viele junge Menschen heute auf diesem Weg schon weiter sind, als es die Kommune 1 je war. Durch die Kommunikation im Internet. Facebook findet er klasse: „Erstmals in der Menschheitsgeschichte gibt es Millionen Freunde, bisher hatte man doch nur eine Milliarde Feinde.“

Langhans will Liebe – und keinen Krieg. Meditieren – das ist für ihn auch eine Vorbereitung auf den Tod. „Ich übe jeden Tag zu sterben“, sagt er. Er beschreibt das als Kampf, als ein Ringen mit dem Körper, der ihn nicht gehen lassen wolle. „Aber“, versichert er, „es geht. Man kann ein Stück weit raus aus diesem gnadenlosen, lieblosen, brutalen Körperprogramm.“ Und wie fühlt sich das an?

Er lehnt Almosen vom Staat ab

„Das ist ungeheuer anders, als nur der alte Arsch zu sein, der alte Krieger, der unglückliche Mensch zu sein, der wir normalerweise sind.“ Langhans, der Prediger … Wie sieht er sich selbst? „Ich bin nicht der Idiot, als der ich immer hingestellt werde. Sondern ich bin schon jemand, bei dem die Leute zumindest sagen: Der ist vielleicht komisch, aber der hat was!“ Tatsächlich ist seine Konsequenz beeindruckend.

Almosen vom Staat lehnt er ab. Erlebt von einer winzigen Pension (die erhält er für seine Zeit als Offizier (!) bei der Bundeswehr) und Honoraren für Vorträge. Die 50.000 Euro, die er 2011 für seine Teilnahme am Dschungelcamp erhielt, hat er gespendet.

„Denn“, so sagt er : „Geld stinkt halt doch.“ Charity-Aktionen widern ihn an. „Das stützt nur das System, das Reiche immer reicher und Arme immer ärmer macht!“,ist er überzeugt. Man spürt Wut, wenn er solche Sätze sagt, aber Hass ist ihm fremd.

„Ich werde“, verspricht er, „weiterhin radikal so leben, als ob alle Menschen gut wären.“ 73 ist er jetzt, das Alter scheint ihm aber wenig anhaben zu können: Seine Lockenpracht ist zwar inzwischen weiß, aber immer noch beeindruckend dicht. Außerdem ist er fit wie ein Turnschuh. Kopfstand – kein Problem. Was denkt er, wenn er in den Spiegel schaut? „Ich seh’ einen Körper, der sich langsam zurückzuziehen beginnt und weniger wird. Und das will ich auch gar nicht verhindern, indem ich sage: Los, du musst noch mal; oder: Ich nehm jetzt Viagra. Sondern ich sag: Wunderbar. Ich will ja sterben. Meine Heimat ist ja nicht hier. Meine Heimat ist das spirituelle Sein! Ich bewohne diesen Körper ja nur.“

Luxus? Braucht er nicht. Kino, Ausgehen – hält er für überflüssig. Einzig auf Fernseher, Laptop und Smartphone würde er nur ungern verzichten. Sie sind für ihn Werkzeuge, die ihm helfen, den Weg in die geistige Welt leichter zu finden …

Macht so jemand wie er eigentlich noch Pläne? Langhans lacht, dann wird er aber ganz ernst: „Ich spüre, dass da noch eine gewisse Aufgabe auf mich wartet. Wie die aussieht, weiß ich aber noch nicht.“

Der Piratenpartei hatte er ja vorgeschlagen, ihn für die Wahl des Bundespräsidenten zu nominieren. Aber im Alltag reicht es ihm auch, wenn ihn junge Leute auf der Straße erkennen, den Daumen nach oben recken und sagen: „Ey Alter, Du bist cool.“

WOLFGANG DE PONTE

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