Schauspieler und Chansonnier

Michael Heltau: Ein krasser Fall von Mensch

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Herzensfreunde: Michael Heltau und die tz-Kolumnistin Ulrike Schmidt.

Wien - Im Burgtheater, einem der bedeutendsten Bühnen Europas, wurde ein gebürtiger Bayer schon zu Lebzeiten zur Legende: Michael Heltau. In wenigen Tagen wird der Schauspieler und Chansonnier 80.

472 Straßenkilometer und 80 Jahre liegen zwischen dem oft besagten Glück, am ersten sommerheißen Mittwoch im Juli des Jahres 1933, als das Kind des Lokomotivführers Georg Huber und seiner Liebsten Jakobine Graf in einer zwar armen, aber charakterreichen Großfamilie in Ingolstadt geboren wurde – und dieser Heltau werden sollte. „Ein ziemlich krasser Fall von Mensch“, wie ein ORF-Chef einmal bemerkte, und „singender Schauspieler schmerzlicher Zwischentöne“, wie André Heller Heltau als Chansonnier beschrieb.

30 Jahre Verehrung liegen zwischen der Münchner tz- Kolumnistin Ulrike Schmidt und dem Bühnenmenschen in Wien, der ihr und ihrem Freund Hubert mit seinen Chansons und Wienerliedern den tröstlichen Soundtrack im Trübsinn pubertärer Verzweiflungen und im Höhenflug großer Träume im Niederbayerischen lieferte.

Heltau hat seine bäuerlichen Wurzeln nie verleugnet („Wir waren arm, aber es gab nicht einen Tag, an dem ich das Gefühl hatte, wir wären arm) und wurde dennoch ein unvergessener Hamlet in Wien, ein Romeo oder Wallenstein. Und der Bassa Selim in Giorgio Strehlers legendärer Inszenierung von Mozarts Entführung aus dem Serail bei den Salzburger Festspielen. Auch zwölf Jahre lang der Gastgeber des ZDF-Liedercircus. Filmstar. Musicalsänger. Kurz: Bühnenmensch. Das Wort mag Heltau für sich am liebsten. Gerade steht er mit seinem 33. eigenen Programm auf der Bühne der Burg, das er mit seinem kongenialen Partner Loek Huisman gestaltet hat: Es ist immer jetzt.

Und wie da Heltau wieder flirten und verführen kann! Bei aller Präzision und Hingabe – ein Liebesakt!

Als wir uns Tags darauf nebenan im Volksgarten auf einem Bankerl treffen, sprechen die Leut noch immer davon: „Ich hab’ Sie g’sehen! Sie war’n wieder so wunderbar!“ Kaum ein Passant geht grußlos vorüber. Wien liebt seinen Heltau, und der Heltau Wien. Es ist seine Heimat geworden. „Ich hab mich mit dieser Stadt so verbunden gefühlt, weil mich hier die Musik so überfallen hat, und dann kam das Theater und die Autoren. Mit den damals besten Schauspielern Schnitzler zu spielen.“

In Ingolstadt aber wurde der Kompass gestellt. Dort, wo Disziplin, Lebenshaltung und Perfektion Prinzip ist. Wo das klare Wort gefordert und die Verschwendung Sünde ist – auch die eines Talentes. Deshalb hat der Michel der Heltau werden dürfen.

Er sagt: „Dienstleister.“ Dienstleister für das Publikum. „Die wirklichen Theaterverführer sind leidenschaftliche, demütige, grundanständige Menschen, die zu Liebe verführen – keine Spekulanten.“ Im Ernsten wie im Leichten. Die Unterhaltung hat der Burg-Protagonist nie verachtet. Dafür lässt ihn das Publikum auf d’Nacht auch nicht mehr von der Bühne – nach zweieinhalb Stunden Es ist immer jetzt, steht und jubelt es und fordert Zugabe um Zugabe.

Und deshalb wächst im Volksgarten auch eine Heltau- Rose. Wie die blüht? Der Künstler vermag es gar nicht zu sagen, denn diese Art von Eitelkeit kennt er nicht. Aber es freut ihn, dass es diese Rose gibt. Eines dieser Glücksbröckerl, die er er so gern sammelt.

Heltau hat seinen eigenen Garten und sein Haus in Salmannsdorf im 19. Bezirk, da, wo die Großstadt schon Dorf ist, wo er seine bäuerlich- bayerischen Wurzeln leben kann und wo die Urgroßeltern immer noch eine Rolle spielen: Denn Uropa Jakob Graf war Chefkoch am Hof des Prinzregenten Luitpold – bis 1912. Dann war er es für den Michel, ebenfalls Prinz. Er hat sich immer alles wünschen dürfen – und vom Schemel aus das Kochen gelernt.

„Mein ganzes Kapital sind die ersten fünf Jahre“, sagt Heltau heute. Sie prägten den Geschmack, sie schenkten Lebensweisheit. Und trotz aller Armut hatte das Leben immer Glanz. Und Theatralik. Als Ministrant im Liebfrauenmünster in Ingolstadt hatte Heltau seine erste große Bühne – „das war das erste Mal, dass ich vom Publikum bemerkt wurde – begeisterter hat niemand ein Weihrauchfass geschwenkt!“ Der Kirchenprunk, die Musik, die schwummrige Wirkung des Weihrauchs – „das war der sinnliche Stoff für die Geschichten der Bibel“.

Die Inbrust, die Liebe – die hatte Heltau damals schon. Man sagte, er sei ein „heiliges Kind“. Daraus geworden ist später allerdings der Mackie Messer in Paris – in einer ebenfalls denkwürdigen Inszenierung von Giorgio Strehlers DreigroschenoperamThéâtre Musical. Auf Französisch.

Ob Giorgio Strehler, oder als Kind die schöne Apothekerin am Ort – Heltau suchte sich immer Leuchtfeuer. Eines der loderndsten war die Schauspielerin, Regisseurin und Theaterdirektorin Helene Thimig, die in zweiter Ehe mit dem großen Theatermann Max Reinhardt verheiratet war, und die ihr letztes Lebensjahr 1973/74 im Haus von Michael Heltau und Loek Huisman verbrachte. Vor ihr stand der Heltau einst als Schüler.

Er war noch nicht erwachsen, als er eine Freundin zum Vorsprechen an die Falckenberg- Schauspielschule als Stichwortgeber begleitete. Am Ende wurde aber nicht ihr, sondern ihm ein Stipendium angeboten. Doch nur eine Meinung für ein ganzes Leben genügte Heltau nicht. Er bewarb sich auch noch am Reinhardt-Seminar in Wien – und war wieder der Held! Auf Dachböden hat er geschlafen, im Theater geduscht – und Schnitzler durfte er spielen. Was für ein Glück!

Heute hängt sein Bild in der Ehrengalerie des Burgtheaters. Und als Ehrenmitglied und Doyen stünde ihm auch ein großer Abschied auf der Feststiege zu – mit einem Defilée der Kollegen vor dem Sarg.

„Naaa!“, entfährt es dem charmanten Künstler, „das hab ich denen gleich gesagt – das mach ich nicht mit.“ Und vom Ende soll man auch erst ein paar Tage später erfahren, von einem Begräbnis in aller Stille auf dem Michaelerberg, den er jetzt schon immer im Blick hat, wenn er aus dem Fenster schaut. Was mit dem Tod kommt? „Ich mache mich auf ein großes Abenteuer gefasst!“

Aber der Tod ist jetzt nicht gefragt, Heltau hat jede Menge Auftritte, die er mit einer beneidenswerten Beweglichkeit hinlegt. Der Heltau wird ohne Ankündigung seinen letzten Auftritt haben. „Das wär ja sonst wie ein Begräbnis.“ Auch Wehmut wird es keine geben – ein Schauspieler darf bei ihm auch vergessen werden, denn die Bühne kennt nur das Jetzt. „Die Leut’ vergleichen mich noch nicht mit früher – wenn sie es täten, würde ich aufhören.“

In Wien ist das Jenseitige allgegenwärtig, im Burgtheater sind sogar die Totenmasken der großen Mimen ausgestellt – an einem Ort, wo der lebendige Augenblick alles ist.

Seit über 50 Jahren ist die Burg Heltaus künstlerische Heimat. Mit Unterbrechungen. Denn immer, wenn das Wort „lebenslang“ drohte, büchste Heltau aus, um kein Möbelstück zu werden – „Ich will leben! Und ich habe das Leben nicht versäumt.“

Und in all den Jahren – nie ist Heltau in die Kantine, sondern immer hinüber in den Volksgarten gegangen. „Burgtheater- Intrigen haben mich nie interessiert, und man hat sie mir auch nicht erzählt.“ Verpasstes Leben wäre der Tratsch gewesen. Theaterleben, wo es um die großen, existenziellen Fragen geht; um den Augenblick, das Jetzt, um die Verführung. Harte Arbeit. Handwerk. Und Kunst. „Man kann nicht zu viel können – nur zu wenig“, sagt Heltau.

Er hat viel gemacht, viel abgelehnt, manche sagten, er sei schwierig („Der Klaus Bachler ist der einzige meiner Theaterdirektoren gewesen, der zum Freund geworden ist.“). Aber einen echten Patzer hat er sich nie geleistet. Ein solcher wäre für ihn der Werbespot für Kaffee gewesen, für den man ihm so viel angeboten hatte, dass er davon sein Haus hätte abbezahlen können. „Aber was ist ein Don Carlos oder ein Hamlet, bei dem man an eine Tasse Kaffee denkt?“

Und Ingolstadt? Das ist nur noch Erinnerung. „Ingolstadt ist nicht mehr mein Ingolstadt.“ Seines war das vor dem Krieg.

Am 5. Juli wird Heltau 80. „Ich hab lange Zeit gehabt, mich daran zu gewöhnen. Ich glaub, man wird leichter 80, wenn man nicht im 21. Lebensjahr hängen geblieben ist.“

Feiern wird er wie immer nicht: „Ich habe kein Gesicht für Geburtstage.“ Feiern lässt er sich nur vom Publikum – dafür hat er ein Gesicht. Ein dankbares, ein demütiges.

Auch diesen Tag wird er wieder nicht schwänzen. Um 6 Uhr aufstehen – den Anrufbeantworter laufen lassen, vielleicht einen jungen Kohl zubereiten – auf italienische Art, mit viel Knoblauch und noch mehr Petersilie, über Goethe reden, den nächsten Auftritt vorbereiten und im Garten Blumen schauen.

Weil bei ihm ist immer jetzt!

Ulrike Schmidt

P. S.: Michael Heltau wird im nächsten Jahr in der Komödie im Bayerischen Hof mit seinem Programm Es ist immer jetzt gastieren – 23. und 24. 3. 2014.

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