In der tz öffnet er sein Herz

Münchner Schauspieler Ernst Hannawald: Eine Nacht veränderte sein Leben

Ernst Hannawald
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Hannawald steht vorm Wirtshaus im Schlachthof, wo die Serie „Zur Freiheit“ gedreht wurde.

München - In jedem Leben gibt es Schicksalstage. Momente, die alles für immer verändern. Manchmal zum Guten, manchmal zum Schlechten. Bei Ernst Hannawald ist es eine laue Sommernacht im Jahre 1986.

Kurz nach Mitternacht fährt der damals 26-jährige Schauspieler in seinem VW ­Polo die Leopoldstraße entlang. Es herrscht hektisches Treiben, die Stadt pulsiert. Neben ihm sitzt seine Freundin Lucia im Wagen, hinten sein Kumpel Robert und dessen Partnerin Barbara. Die jungen Leute wollen in den Liveclub Domizil. „Aber wir haben keinen Parkplatz gefunden“, erzählt der heute 56-Jährige. Plötzlich fährt auf der Gegenseite ein Auto aus einer Bucht. „Da! Nimm den!“, rufen alle. „Festhalten“, schreit Ernst und reißt das Steuer herum, mitten auf der Leo legt er eine 180-Grad-Wende hin. „Als nächstes habe ich das Knirschen von Metal gehört, weil dieser BMW von hinten voll in uns reingeschossen ist.“ Er spürt noch wie die Scherben der Windschutzscheibe auf ihn herabrieseln. Dann wird alles dunkel. Lucia, Robert und Barbara sind sofort tot. Genickbruch.

Fast genau 30 Jahre ist da nun her – und dennoch fällt es Ernst Hannawald noch immer schwer, über die damalige Nacht zu sprechen. Nein – er war nicht betrunken. Keine Drogen. Ein Blick in den Polizeibericht von einst beweißt das. „Wir waren alle vorher im Kino und wollten noch ein bisserl feiern“, erinnert er sich. „Ich hätte da nicht wenden dürfen. Nie.“ Bei diesen Worten blickt er zu Boden. „Meine schweren Drogen-Probleme, meine Aussetzer – das kam ja erst später. Nach dem Unfall“, fügt er noch leise an.

Wenig Rollen und doch sehr bekannt

tz-Redakteur Armin Geier traf sich mit Ernst Hannawald in der Gaststube, wo einst Paula hinter dem Tresen stand.

Die Geschichte von Ernst Hannawald – es ist eine Geschichte über Erfolg und Ruhm, über Angst und Absturz. Es gibt wohl keinen Schauspieler, der (im Vergleich zu seinen Kollegen) so wenige Rollen gespielt hat und doch so bekannt ist. Woran das liegt? Als Grund nur die Skandale anzugeben – nein, das ist zu simpel. Hannawald ist und war immer ein hervorragender Schauspieler. Mit etwas, was vielen fehlt: Ausstrahlung. Seine Figuren nimmt ihm jeder ab, sie brennen sich regelrecht ein. Dafür lieben ihn viele Bayern. Noch heute rufen ihm Leute im Biergarten zu: „Hey Solo, setz dich doch a bisserl zu uns‘!“ Solo – das war seine Paraderolle in Franz Xaver Bogners Kultserie Zur Freiheit Ende der 80er. Er, der plötzlich reiche Zocker, der das ganze Schlachthofviertel kauft. Klar – Ruth Drexel, Toni Berger, Otti Fischer waren die Hauptfiguren in der Wirtschaft an der Zenettistraße. Aber jeder Auftritt von Hannawald war ein Höhepunkt: Kenner vergessen die Szene nie, wie er sich als James Dean für den Faschingsball verkleidet. Er steht nur da – im T-Shirt und von oben bis unten mit Motoröl verschmiert „James Dean, verstehst? Giganten! Verstehst?“ Legendär – und typisch Hannawald.

„Wir alle wohnten damals sogar direkt in der Gaststätte. Im ersten Stock haben wir uns die Zimmer geteilt“, erinnert sich der Künstler an die Dreharbeiten und deutet auf eins der Fenster über ihm. „Jeder ist voll in seiner Rolle aufgegangen. Ich glaube, deswegen ist das so ein Kultding geworden.“ Und dann fügt er an: „Solche Serien gibt es ja gar ned mehr. Eigentlich sollte der Bogner Zur Freiheit, Teil zwei machen. Das wär’s.“

Dreharbeiten trotz schwerster Zeit seines Lebens

Wahrscheinlich wär’s das. Aber mit den Dreharbeiten damals beginnt auch die schwerste Zeit im Leben des Schauspielers. „Der Unfall ließ mich nicht los. Ich habe mir jeden Tag Vorwürfe gemacht – und hab stundenlang daheim in mein Kissen geheult.“ Ernst beginnt zu saufen. Immer mehr. „Das sieht man schon bei Zur Freiheit. Da schau ich in manchen Szenen echt aufgeschwemmt aus.“ Immer wieder schießen ihm die selben Fragen durch den Kopf: Warum habe ich überlebt? Warum mussten die anderen sterben? „Das frisst an dir. Der Schmerz ist unbeschreiblich.“ Hannawald versucht, die Dämonen loszuwerden, endlich wieder frei sein zu können. Vergeblich. Obwohl ihm das Gericht an dem Unfall nur eine Teilschuld gibt, Hauptschuld trägt der BMW-Fahrer, der mit über 90 Stundenkilometer in den Polo knallte. „Nein, das war kein Trost.“ Ernst schnupft Kokain, später auch Heroin. Er hat Depressionen. „Ich habe alles eingeworfen, was dir irgendwie den Kopf frei macht, diese Erinnerungen auslöscht.“

Die Folgen sind klar: Immer weniger Rollen werden ihm angeboten. „Hervorragender Schauspieler, der aber oft zugedröhnt ist“, heißt es in der Branche. Ein paar Nebenrollen im Tatort, im Derrick – das war’s. 1997 zeigt der Münchner noch mal, was er kann: In dem TV-Zweiteiler Mali glänzt er neben Christine Neubauer in der Hauptrolle. „Das war ein toller Film“, sagt er stolz.

Januar 1998: der Totalabsturz

Im Januar 1998 kommt der Totalabsturz: Hannawald hat kein Geld mehr, um seine Dealer zu bezahlen. „Da habe ich entschieden: Ich überfalle eine Bank!“ Er besorgt sich einen Gasrevolver, setzt sich eine Sonnenbrille auf und marschiert zu seiner Hausbank. „Ob ich erkannt werde, war mir völlig egal. Ich war so verzweifelt.“ Da die Waffe ungeladen ist, kann niemand verletzt werden. „Der ganze Überfall ist abgelaufen wie ein Hallervorden-Sketch“, erzählt der 56-Jährige. Er geht also zum Schalter, deckt seine Waffe mit der Jacke ab und sagt zu dem Angestellten: „Gib mir das Geld. Alles!“ Doch der Bedrohte nimmt die Situation nicht ernst. „Leg die Waffe weg“, entgegnet er.

Hannawald entscheidet sich, etwas bedrohlicher zu werden. Er wiederholt seine Worte. „Und dann habe ich ein ‚Du Drecksau‘ rangehängt.“ Der Mann gibt ihm mehrere Bündel Bares. Das Problem: Räuber Hannawald hat eine uralte Jacke an. „Die hatte in den Taschen Löcher. So sind beim Rausgehen immer wieder Scheine rausgefallen.“ Eine alte Frau, die von der Tat nichts mitbekommen hat, sieht das und ruft ihm nett zu: „Hallo, Sie verlieren ihr Geld!“ Hannawald murmelt: „Passt schon“, und türmt. „Als ich daheim war, hatte ich alles verloren. Bis auf 500 Mark.“

Der Schauspieler mit seiner Ehefrau Maria: „Sie gibt mir Kraft.

Also zieht er gleich wieder los, überfällt eine weitere Bank. „Da wardie Polizei aber gleich da und hat mich festgenommen!“ Ob er es darauf gar angelegt hatte? „Hmm, könnte sein. Ich wollte jedenfalls raus aus meiner Situation. Der Knast war für mich schon eine Art Rettung.“ Zu fünf Jahren wird er verurteilt. Ein halbes Jahr sitzt er in Stadelheim – dann kommt er in die Psychiatrie nach Haar. Der Entzug klappt. „Das war ein neuer Start.“ Nach zwei Jahren ist er wieder ein freier Mann. Gute Führung. Logisch – die Karriere ist zu diesem Zeitpunkt am Ende. Einen Bankräuber engagieren? „Nein, lieber nicht“, denken sich viele Studios. Bis auf ein paar wenige Nebenrollen tut sich wenig. Doch Hannawald will nicht aufgeben, der Beruf ist seine Passion. Wer ihm beisteht, ist seine Frau Maria. „Sie ist mein Schatz. Meine Retterin. Ohne sie hätte ich das alles eh nicht überlebt“, stellt er fest. „Als ich sie kennenlernte, war ich endlich mal zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“

Heute lebt Ernst Hannawald in Gern, ist mit sich und seinem Leben im Reinen. Es geht auch wieder aufwärts. Man denke nur an Dampfnudelblues. Der Krimi wird 2013 zum Riesen-Erfolg und der sensible Künstler begeistert als zwielichtiger Mordverdächtiger. Es war wieder ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, weg vom Image des ewig Abgestürzten – und hin zur echten Freiheit.

Der Jungstar der 80er

Ernst Hannawald wird 1959 in Haidholzen (nahe Rosenheim) geboren. Er wächst mit 13 Geschwistern auf. Weil die Eltern mit so vielen Kindern völlig überfordert sind, kommt er als Bub ins Waisenhaus. Im Alter von 17 Jahren wird der hübsche Teenager von Wolfgang Petersen (Das Boot, Die unendliche Geschichte) für dessen Film Die Konsequenz entdeckt. Das homosexuelle Liebesdrama, in dem Hannawald neben Jürgen Prochnow spielt, wird ein internationaler Erfolg. Später spielt der Jungstar dann unter anderem in den Serien Irgendwie und sowieso (1986) und Zur Freiheit (1987 bis 1988) von Kultregisseur Franz Xaver Bogner mit. Der engagiert ihn noch heute für Rollen in München 7.

Armin Geier

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