Menschen mit Behinderung stehen Modell

Münchner Erwin Aljukic: "Ich fühle mich schön"

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Erwin Aljukic mit Andrea Kempter auf dem roten Teppich.

München - Es sind 4,28 Minuten, die um die Welt gehen. Über zwölf Millionen Mal in vier Sprachen geklickt und geteilt auf Facebook und youtube. 4,28 Minuten, die jedes Herz berühren – von Kapstadt bis Toronto, von Sydney bis Los Angeles.

Mich erreicht der Videoclip via Facebook aus Amsterdam – eine Freundin hat ihn geteilt und ich treffe darin auf ein bekanntes Gesicht: den Münchner Schauspieler Erwin Aljukic (36). Er ist einer der Protagonisten in dem Kurzfilm, der die Geschichte von fünf einmal nicht makellosen Schaufensterpuppen erzählt, für die fünf Menschen mit Behinderung Modell gestanden sind – vermessen bis ins kleinste Detail; die Skoliose oder der deformierte Brustkorb nachmodelliert, fehlende Gliedmaßen von der Plastikfigur abgetrennt, und das Ganze dokumentiert. Am Ende schmückten die Puppen mit Behinderung einen Tag lang im Dezember fünf Schaufenster auf der Nobelmeile Zürcher Bahnhofstraße.

Wobei sich die großen französischen Modehäuser wie Dior, Chanel oder Louis Vuitton lieber nicht mit soviel Makel schmücken wollten, verkaufen sie doch nur vermeintlich makellose Träume. Das Motto der Aktion der Schweizer Behinderten-Organisation Pro Infirmis Wer ist schon perfekt? Kommen Sie ­näher passte nicht ins Bild der Luxusmarken. Verpasst haben die dabei allerdings inzwischen einen Werbewert, der schon jetzt unbezahlbar ist.

"Eine sehr intime Angelegenheit"

„Der Film geht um die Welt – das ist unglaublich, wir können es selbst kaum fassen“, freut sich Erwin Aljukic, der zwölf Jahre lang Star in der Fernsehserie Marienhof war, bis sie 2011 eingestellt wurde, und jetzt in verschiedenen Produktionen mitspielt. „Sogar in Somalia wird die englische Version gepostet“, weiß der Schauspieler.

Aljukic hat schon bei mehreren Kampagnen von Pro Infirmis mitgemacht, aber keine rührte so die Menschen wie diese. Allein die Szene, wenn Erwin Aljukic mit seinem wegen seiner Glasknochen deformierten Oberkörper in einer Fabrikhalle vermessen wird, trifft nicht nur ins Herz des Zuschauers – man fühlt und sieht auch, wie dies den Betroffenen und auch den Puppenmacher berührt, der nicht mehr auf Standardmaße zurückgreifen kann. „Das war eine ganz unglaubliche Erfahrung für jeden von uns – eine sehr intime Angelegenheit.“ Dabei ist Aljukic die Objektivierung seines Körpers gewöhnt.

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Doch das Maßband, das die Deformation zu Zahlen macht, ist noch mal eine andere Nummer: 74 Zentimeter Brustkorbumfang. Beine 18 Zentimeter. 1,20 groß, nur 25 Kilo schwer.

Aber eine umwerfende Ausstrahlung! Ein Lächeln, das über jedem Maß steht und alle Berührungsängste nimmt. Funkelnde blaue Augen – und ein Mensch von sprühendem Charme, den jeder gern zum Freund hat. In München kennt man Erwin Aljukic auch vom Filmfest und anderen roten Teppichen, wo er eigenhändig mit dem Auto und dann mit Rollstuhl vorfährt – für viele Kollegen ein Schauspieler – ganz normal.

Aber als Schaufensterpuppe keine wie jede andere. „Der Puppenmacher bat auch um Geduld. Aber der Clou ist ja: So wie du bist, nehm ich dich und ich will dich auch schön darstellen.“

"Nur die Gesellschaft sieht das als Defizit"

Nach eineinhalb Monaten war die Puppe fertig – verborgen unter einem Tuch. Als Erwin Aljukic sie schließlich enthüllte, war er den Tränen nah – und sprachlos. „Ganz viele denken ja, man wäre so überwältigt, weil man seine Behinderung sieht. Ich war überwältigt, wie schön ich dargestellt war.“

Der studierte Modejournalist hadert nicht mit seinem Aussehen – ganz im Gegenteil: „Ich empfinde mich als schön. Nur die Gesellschaft, wie sie die Dinge sieht, sieht das als Defizit.“ Das – das sind die Folgen der Glasknochen, an denen in Deutschland 4000 bis 6000 Menschen leiden. Sie sind besonders anfällig für Knochenbrüche und -verformungen. Eine Erbkrankheit.

In der Pubertät hat Erwin Aljukic auch darunter gelitten – „besonders, wenn man sich mit anderen vergleicht. Aber das kennt ja auch jeder Teenager.“

Dem gebürtigen Ulmer und Wahl-Bogenhausener macht es auch nichts mehr aus, dass er vom Rollstuhl (er kann nicht freihändig gehen) zu den anderen aufschauen muss. Früher hat er sich intuitiv noch oft aufgestellt, um der Höhe des Gesprächspartners entgegenzukommen. „Bis ein Freund sagte: Du kannst doch dieselbe Präsenz haben, wenn du eine Etage tiefer sitzt.“

Und die selbe Schönheit entfalten. Als seine Puppe im Schaufenster auf einem Podest in festliches Licht getaucht war, hat Erwin Aljukic die Passanten beobachtet. „Manche waren zuerst irritiert – aber dann fanden sie es ganz toll.“ Denn wer ist denn selber schon perfekt?

Ulrike Schmidt

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