tz-Interview zum Filmstart

Haindling: "Habe nicht das Gefühl, ein Star zu sein"

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Alles steil: Buchner begrüßt die Premieren-Gäste.

München -  Zur Premiere des Dokumentarfilms "Haindling – und überhaupts!" im City Kino an der Sonnenstraße kamen Stars aus der Kunst- und Politszene. Die tz nutzte die Gelegenheit zum Gespräch mit dem Musiker.

Herr Buchner, sind Sie zufrieden mit dem Film?

Hans-Jürgen Buchner (Haindling): Ja, ich habe mir ja viel selber einfallen lassen und auch dirigiert. Ich habe zwar gemeint, dass sie es rausschneiden, aber sie haben es dringelassen, weil sie meinen, dass das lustig ist.

Ist Ihnen selbst bewusst, dass Sie eine ganze Ära mit Musik versorgt haben?

Buchner: Wenn ich mir Gedanken darüber mache, dann schon. Aber ich mache mir eigentlich keine Gedanken darüber. Wenn ich zum Beispiel auf die Straße hinausgehe in Straubing, dann habe ich nicht das Gefühl, dass ich ein Star bin, der da umhergeht. Es freut mich natürlich, dass mein Wunschtraum, den ich schon als Kind hatte, in Erfüllung gegangen ist.

Sie hatten schon früh Klavierunterricht ...

Buchner: Als Vierjähriger schon. Ich habe mir immer gewünscht, Musiker zu werden. Im Internat, wo man nur ein Held war, wenn man Fußball gespielt hat, habe ich eben Musik gemacht und war auch der Held. Da habe ich gemerkt, dass es nicht nur Fußball oder Schlägertum gibt in der Männergesellschaft.

"Der Bayernzwang auf dem Oktoberfest hat sich verselbstständigt"

Sie schätzen die Mia-san-mia-Mentalität etwa auf dem Oktoberfest nicht so sehr?

Buchner: Ja, und den Lärm. Auch die Manie, die um sich gegriffen hat, dass jeder a Dirndl und a Lederhosen anziehen muss. Dieser Bayernzwang hat sich ein wenig zu sehr verselbstständigt.

Ihr ironisches Lied „Bayern“ wurde ähnlich falsch verstanden wie Bruce Springsteens „Born in The USA“ …

Buchner: Ja, das wird auf dem Oktoberfest gespielt und im Fußballstadion. Es ist schon lustig, welche Wege das geht.

Ebenso lustig ist im Film die Szene mit den schunkelnden ­Stoiber und Huber … 

Buchner: Der Stoiber und Frau Stoiber sind große Haindling-Fans. Ich habe mal in Berlin gespielt, wo der Stoiber auch da war. Ich habe das Lied Fünfe in der Friah gespielt, wo drin vorkommt, dass der Meeresspiegel steigt und die Fidschi-Inseln verschwinden. Da war er ganz ergriffen.

Überwindung von Barrieren nennt man das, so wie die Auftritte ein China. Welches Lied singen die Chinesen im Filmabspann?

Buchner: Das ist das Lied Kangding. Das ist eine Stadt in China. Vor der zweiten China-Reise habe ich mich erkundigt, welches Lied jeder in China kennt. Und das ist Kanding. Als wir das gespielt haben, waren die Leute so gerührt, dass sie teilweise geweint haben. Das war wunderbar.

Haindling – und überhaupts! (ab 4. Dezember in den Kinos)

So ist der Film über den Star

Ein Künstler spiegelt die Gesellschaft wider, analysiert sie und liefert im besten aller Fälle auch Gegenentwürfe. Hans-Jürgen Buchner tut dies seit mehr als 30 Jahren – eine ganze Ära. Das wurde einem bei der Premiere zum Dokumentarfilm Haindling – und überhaupts! bewusst.

Prominenz war gekommen (siehe Fotos oben) – auch der CSU-Politiker Erwin Huber. Der durfte sich im Film gemeinsam mit Edmund Stoiber zu Haindlings Protestnummer Leit hoit’s zsamm schunkeln sehen – ein Höhepunkt.

Früher, sagt Buchner, habe er geglaubt, man dürfe mit Andersdenkenden nicht sprechen. Inzwischen wisse er, dass Kommunikation „lukrativer“ sei und etwas bewegen könne. In der Dokumentation von Toni Schmid darf der Musiker viele auch schrullige Sinnsprüche loslassen. Der recht geradlinig gefilmte Streifen entwickelt vor allem dann Charme, wenn Buchner Regieanweisungen gibt, die später nicht rausgeschnitten wurden.

Sie verraten viel über den Mann, der nie die Kontrolle über seine Kunst hergeben wollte. Der Buchner, daran erinnert der Film, lässt sich nicht verbiegen und liefert höchstpersönlich einen Gegenentwurf zur Leistungsgesellschaft. „Ein spontanes Leben“, lächelt er in die Kamera, „ist schon lustig“.

Antonio Seidemann

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