Münchner Musik-Legende

Ralph Siegel: Das große tz-Interview zum 70. Geburtstag

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Es gibt viel zu erzählen aus 70 Jahren Ralph Siegel – im Interview mit tz-Kolumnistin Ulli Schmidt im Iberl. Seine Biografie ist übrigens gerade im Langen-Müller-Verlag erschienen.

München - Ralph-Siegel wird 70! Im großen tz-Interview spricht er über Musik, Frauen und über die Höhen und Tiefen seines bewegten Lebens.

Siebzig Jahre Ralph Siegel! Das sind 70 Jahre unbedingte Leidenschaft, ein Leben voller Musik und voller ­Liebe, zahllose Grand-Prix-Teilnahmen, Niederlagen und auch bittere Tage, wie die in seinem Kampf gegen den Krebs. Anlässlich des bevorstehenden Geburtstages am Mittwoch hat Ralph Siegel tz-Kolumnistin Ulrike Schmidt in den letzten heißen Sommertagen ein vierstündiges Interview gegeben. Und zwar im Biergarten des Iberl, wo Siegel nach den Lehrjahren im Ausland eine erste Heimat an einem Stammtisch fand – einige Freunde von damals hat er noch heute. Ralph Siegel ist ein treuer Mensch, sogar den Frauen, von denen er schon lange getrennt ist. Um aus seinem Herzen zu fallen, braucht es viel, wie auch die tz-Kolumnistin in vielen Jahren der Begegnungen und Berichterstattung erfahren durfte.

"Wenn ich mich so umsehe, darf ich mit Fug und Recht behaupten: Es war bis jetzt ein spannendes, aufregendes Leben, das ich mit allen Höhen und Tiefen, Ehen und Scheidungen, Hits und Flops, Freund- und leider auch Feindschaften leben durfte.“ Das ist ­Ralph Siegels Lebensresümee, gewissermaßen auch Inhaltsan­gabe in Schlagworten. Bei den Zerwürfnissen fangen wir an:

Du hast Feindschaften? 

Ralph Siegel: Ich? Ich hab’ nur Feinde (lacht)!

Kann ja nicht sein ...!

Ralph Siegel: Natürlich nicht nur, aber ich habe welche! Ich nenne sie natürliche Feinde. Menschen, die nicht dasselbe Glück hatten wie ich. Wenn du 13-mal Platz eins beim Grand-Prix-Vorentscheid gemacht hast, sind die, die Zweiter oder Dritter wurden, und auch deren Fans automatisch natürliche Feinde. Obwohl ich nur versucht habe, meine Arbeit so gut wie möglich zu machen.

Geht’s ein bissl konkreter?

Ralph Siegel: Das Publikum hat 1982 Nicole gewählt – beim Grand Prix. Der gute Jack White glaubte, er reißt mit Séverine die Welt ein. Doch die Leute haben sich halt für Ein bisschen Frieden entschieden. Und schon hatte ich einen natürlichen Feind mehr.

Immer noch?

Siegel: Inzwischen verstehen wir uns wieder gut. Aber wenn du gewinnst, gewinnst du halt natürliche Feinde. Gerade auch in Zeiten des Internets, da kommen die Fans der anderen Künstler noch dazu.

Ralph Siegel wird 70: So verändert das Internet die Musikbranche

Das Internet hat die ganze Musikbranche verändert ... 

Ralph Siegel: Schrecklich! Weil auch das Schuldbewusstsein fehlt. Die Leute denken, Musik im Internet ist umsonst und laden sich millionenfach die Lieder runter. Sie denken nicht darüber nach, dass die Menschen, die diese Musik machen und produzieren, ja auch von irgendwas leben müssen. Das andere Problem sind die Runkfunkanstalten.

Weil sie kaum mehr deutsche Musik spielen?

Ralph Siegel: Ja! Auf der ganzen Welt hörst du zu 90 Prozent die Musik in der Sprache der jeweiligen Länder, und in Deutschland hörst du 90 Prozent englische Musik. Das hat zur Folge, dass die meisten Autoren und Künstler von ihrer Arbeit gar nicht mehr existieren können und bis zu 80 Prozent ihrer Einnahmen verloren haben.

Wie sieht das bei dir aus?

Ralph Siegel: Ich lebe heute von dem, was ich in den ersten 30 Jahren meines Arbeitslebens erwirtschaftet habe. Wenn ich von dem leben müsste, was ich heute generiere, müsste ich wahrscheinlich zur Miete draußen am Ammersee wohnen. Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk keine deutsche Musik spielt, investiert auch die Industrie nicht mehr genügend in die deutsche Unterhaltungsmusik. Weit über 60 Prozent der gesamten GEMA-Erlöse gehen ins Ausland. Die verbleibenden 40 Prozent verteilen sich auf das gesamte musikalische Spektrum – vom Landler bis zur klassischen Bearbeitung, von der Unterhaltungs- zur Werbemusik.

Wie drückt sich das in Zahlen bei dir als Musikproduzent, Musikverleger und Komponist aus?

Ralph Siegel: Ich bin immer noch ein kleines Privatunternehmen, das ich seit 1970 aufgebaut habe. Das Schwerste war, diese Firma wieder abzubauen. Ich hatte eine Firma in Amerika und eine in England – und ich hatte 120 Mitarbeiter. Jetzt sind es noch vier.

Frustriert dich das?

Ralph Siegel: Natürlich tut das weh, aber ich hatte ja eine große, große und schöne Zeit – von 1973 bis 1987 –, da waren ­Silver Convention dabei, Penny McLean und ­Gerhart Polt, Dschinghis Khan, Nicole und so weiter. Und dann kommt eben eine Zeit, wo es nicht so gut läuft. Was immer alle vergessen: Wir haben diese großen Leute gehabt, aber wir haben auch über 100 andere gemacht, die nicht funktioniert haben. Die Misserfolge müssen durch Erfolge getragen werden. Es gab Zeiten, wo ich am 24. des Monats nicht mehr wusste, wie ich meine Leute bezahlen soll.

Das Faszinierende an dir ist, dass du unerschütterlich bist und niemals aufgibst ...

Ralph Siegel: Ich war in meinem Leben nur einmal richtig fertig: Das war, als Corinna May so schlecht beim Grand Prix abgeschnitten hat; da wollt ich auch nicht mehr am Songcontest teilnehmen. Das hat mich so getroffen, weil wir so eine lange Anlaufgeschichte hatten, und der Auftritt in Tallinn war eine Katastrophe. Sie wurde Letzte – und ich saß da und dachte: Was hat diese Frau Pech gehabt im Leben?

Wie richtest du dich immer wieder auf?

Ralph Siegel: Ulli, ich brauch mich nicht aufrichten! Das Einzige, wo ich mich aufrichten musste im Leben, waren Krankheiten.

Ralph Siegel wird 70: Er spricht über seine Krebserkrankung

Das Schlimmste dürfte deine Krebs­erkrankung gewesen sein ... 

Ralph Siegel: 2007 habe ich erfahren, dass ich Prostatakrebs habe – da gab man mir sechs Monate, wenn ich mich nicht operieren lasse. Ich hab das dann heimlich gemacht und es als Bandscheiben-OP getarnt. 2010 kam die Nachricht, dass der PSA-Wert wieder nach oben geht. Dann musste ich sieben Wochen lang bestrahlt werden; das macht sehr schwach, ich konnte kein Bierglas mehr heben.

Wie konntest du dich dann wieder aufrichten?

Ralph Siegel: Da hat mir meine Frau sehr geholfen. Kriemhild hat mir in dieser schweren Zeit die Kraft gegeben. Und da war eben auch meine Musik.

Als du die Diagnose Prostatakrebs bekommen hast – was ging dir durch den Kopf?

Ralph Siegel: Dir sackt der Boden unter den Füßen weg. Aber dann – der liebe Gott hat einem ja auch einen Kopf mitgegeben – muss man zu denken anfangen. Es gab keine Alternative.

Hast du da innerlich schon Bilanz gezogen, wie dein Leben bisher war?

Ralph Siegel: Ja. Die Bilanz ist, dass ich ein Glückskind war! Wegen meiner Eltern, die mir alle Chancen gegeben haben: Sie haben mich in Schweizer Internate geschickt, dann nach England, nach Paris und nach Amerika zur Ausbildung. Ich spreche vier Sprachen. Mit 20 hatte ich schon einen ziemlich breiten Horizont. Und ich habe das Glück, dass ich hiernoch auf der Welt sein darf – nach einem wirklich anstrengenden Leben mit wirklich harter Arbeit.

Und zahllosen Grands Prix ...

Ralph Siegel: Wenn mich jemand fragt: Warum machst du immer wieder Grand Prix? Eben, weil hier ein schönes Lied kaum mehr eine Plattform hat. Der Runkfunk spielt kaum mehr was, und die Fernsehsendungen nehmen schon wegen ihrer Einschaltquote nur die bereits Erfolgreichen. Für mich ist es ein Ziel, einem jungen Talent ein Lied zu schreiben, das beim Grand Prix 100 oder 200 Millionen Leute hören – das ist ein Ansporn! Doch bis du ein Talent für einen Live-Auftritt aufgebaut hast, brauchst du mindestens sieben Jahre.

Bereust du etwas in deinem Leben?

Ralph Siegel: Eigentlich nichts, höchstens ein paar Kooperationen, die man eingegangen ist, um Erfolg zu haben oder zu investieren, und die dann finanziell und menschlich bitter waren; die dann auch katastrophale Auswirkungen aufs Privat- oder Geschäftsleben hatten.

Was war der glücklichste Tag in ­Deinem Leben?

Ralph Siegel: Die Geburten meiner Kinder. Auch die Hochzeiten mit Dagmar und Kriemhild zähle ich zu den glücklichsten Tagen meines Lebens. Und natürlich der Grand Prix in Harrogate.

Warum sind deine drei Ehen alle gescheitert, warum konnte es nicht nur eine Frau sein?

Ralph Siegel: Wer schafft denn das? Wenn man sich jung kennenlernt, wie Dunja und ich, dann stellst du nach 20 Jahren fest, besonders, wenn jemand auch andere Wurzeln hat, dass man sich anders entwickelt. Die Gefahr, dass sich ein normal junger Mensch zwischen 20 und 35 Jahren verändert, die liegt doch auf der Hand. Der Alltag verändert eine Beziehung. Drum prüfe, ob man sich gut genug kennt. Dunja und ich haben nach 20 Jahren festgestellt, dass wir verschiedene Lebensvorstellungen haben; mit Dagmar war es ähnlich. Wir waren 12, 13 Jahre glücklich, und dann hatte sie plötzlich Gedanken, ihr Leben anders gestalten zu wollen. Da war ich aber mit 52 schon in relativ festgelegten Bahnen – mit meiner Firma, den Künstlern und Verpflichtungen. Mit 40 kommt bei den meisten Frauen das große Nachdenken, auch bei Kriemhild war das so. Das ist auch nichts Schlimmes. Als die Institution Ehe erfunden wurde, sind die Leute auch nicht sehr alt geworden. So hatte im 12. Jahrhundert das Versprechen „Bis der Tod uns scheidet“ eine andere Bedeutung.

Wie hast du die Beziehungskrisen überwunden?

Ralph Siegel: Mit meiner Musik! Und irgendwann schaut man wieder in hübsche Augen ... Je älter man wird, desto mehr hat man auch geistige Ansprüche, Schönheit allein reicht nicht. Da einen Menschen zu finden, in meinem Alter, ist nicht so einfach.

Wie muss ein Frau sein, dass sie dir gefällt?

Ralph Siegel: Da gibt’s doch keine Norm! Wichtig sind für mich Herz und Intelligenz und eine gute Bildung. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn du erzählst und erzählst, und sie starrt dich an und versteht nichts. Irgendwann wünscht man sich jemanden, der genauso tickt wie man selber; der Musik liebt und Verständnis für einen Mann hat, der 15, 16 Stunden am Tag arbeitet.

Ralph Siegel wird 70: Würde er noch mal heiraten?

Würdest du noch mal heiraten? 

Ralph Siegel: Das würd’ ich nie ausschließen.

Wolltest du deine Frauen immer heiraten?

Ralph Siegel: In Dagmar war ich so verliebt, dass ich gehofft habe, dass es funktioniert. Bei Kriemhild erst nach dem zweiten Blick, denn, als wir uns kennenlernten, war ich in jemand anderen verliebt. Dagmar und Kriemhild waren meine großen Lieben.

Du bist aber noch nicht geschieden?

Ralph Siegel: Nein, das steht jetzt dann bald irgendwann an.

Morgen feierst du mit einem großen Fest deinen 70. Geburtstag – solche Tage haben auch was Wehmütiges, weil mit jedem Fest es eines weniger geben wird. Hast du Angst vor dem Ende?

Ralph Siegel: Ich glaube, jeder hat Angst vor dem Tod. Keiner will sterben, und jeder weiß, dass er irgendwann sterben muss. Der einzige Wunsch ist: So zu sterben wie Udo Jürgens – wenn du am Abend vorher noch gefeiert wurdest, du gehst spazieren und denkst an morgen, greifst dir ans Herz und fällst tot um. Das ist der schönste Tod. Der Schlimmste, wenn dich die Leute am Leben erhalten und du nicht mehr Herr deiner Selbst sein kannst. Aber wenn’s vorbei ist, ist’s vorbei.

Du glaubst, dass dann nichts mehr ist?

Ralph Siegel: Ich glaub nicht, dass meine Seele noch irgendwo rumtanzt. Es wär ja schön. Als heilige Kuh in Indien wiedergeboren zu werden, geht noch; aber als armer Ackergaul über die Felder zu ziehen oder als Ameise über die Straße zu laufen ...?

Als wer oder was würdest du gern wiedergeboren werden?

Ralph Siegel: Eigentlich schon gern als der, der ich bin. Vielleicht auch als Peter Ustinov oder George Gershwin – das waren meine Idole.

Die letzte Frage: Wirst du an deinem Geburtstag wieder mal die letzte Zigarette rauchen?

Ralph Siegel: 1982 nach dem Grand Prix, habe ich mit dem Rauchen aufgehört; ein Jahr später beim Grand Prix wieder angefangen. Dann aufgehört, als ich Dagmar heiratete; dann fing ich wieder an, als sie ging. Dann habe ich auf der Hochzeitsreise mit Kriemhild wieder aufgehört, und jetzt in der Trennung wieder angefangen. Ja, ich versuche es wenigstens! Wenn ich allein bin, küss ich einfach gern den Aschenbecher (lacht).

Interview: Ulrike Schmidt

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