Nachruf auf die Musik-Legende

Simply the Best: Stones-Schlagzeuger Charlie Watts mit 80 Jahren gestorben

Er prägte den unverwechselbaren Beat der Rolling Stones und brachte Menschlichkeit in die Radau-Truppe: Schlagzeuger Charlie Watts ist im Alter von 80 Jahren verstorben.

London – Kürzer und besser als er selbst hätte es sonst keiner sagen können. Als Charlie Watts vor einer Weile bekannt gab, dass er wegen einer Erkrankung erstmals seit fast 60 Jahren nicht bei Konzerten der Rolling Stones am Schlagzeug sitzen wird, meinte er dazu nur: „Zum ersten Mal hatte ich ein schlechtes Timing.“ Ob er da schon wusste, dass es sehr schlecht um ihn steht, das weiß niemand.

Aber der Satz gilt nun bei Bekanntwerden seines Todes erst recht – das Timing passt nicht. Ausgerechnet Watts, dieser Inbegriff der Zuverlässigkeit, dieser Mann mit dem untrüglichen Gespür für den richtigen Beat, hat die Stones vor der Zeit verlassen. Am Dienstag ist er, so wurde gestern Abend mitgeteilt, friedlich im Kreise seiner Familie in einem Londoner Krankenhaus eingeschlafen. Watts wurde 80 Jahre alt und hat sich offenbar nie von einer nicht näher ausgeführten medizinischen Behandlung erholt.

Er prägte den Beat der Rolling Stones: Schlagzeuger Charlie Watts ist tot

Nichts konnte Charlie Watts aus dem Takt bringen: Fast sechzig Jahre saß er für die Rolling Stones am Schlagzeug.

Ahnungslose Menschen glauben ja gerne, dass bei einer Band der Sänger und die Komponisten wichtig sind, die anderen seien letztlich austauschbar. Zugegebenermaßen ist das bei vielen Bands tatsächlich so, aber bei den Stones war Watts seit jeher mehr als nur der Mann, der den Takt angibt. Er sorgte dafür, dass dieses Monster, das die Rolling Stones geworden waren, halbwegs menschliche Züge behielt. Nichts konnte diesen Künstler aus dem Takt bringen. Weder die exorbitanten Egos einiger Bandmitglieder, noch eine zeitweilige Schwäche für den Alkohol.

Watts trommelte konstant und unbeirrt von den Irrungen und Wirrungen der „Glimmer Twins“ Keith Richards und Mick Jagger* so, wie er es für richtig hielt. Jazz-Enthusiast Watts hat den Stones-Klang mit seinem markanten, knochentrockenen Schlagzeugspiel mitdefiniert. Jeder Schlag, der nach seiner Meinung verzichtbar war, wurde einfach nicht gespielt. Das Ergebnis war ein treibender, kristallklarer Beat.

Tod von Stones-Schlagzeuger Charlie Watts: Unikum und Rock-Idol ohne grelle Eskapaden

Ron Wood (l-r), Mick Jagger, Charlie Watts und Keith Richards stehen auf der Bühne im Stadtpark.

Charlie Watts, der aus dem britischen Kingsbury stammte, wurde schon früh als Drum-Talent entdeckt und machte sich in der Blues-Szene Londons einen Namen. Dennoch arbeitete er weiter als Grafikdesigner – er misstraute dem luftigen Musikgeschäft. Seit Januar 1963 war er dann doch Profimusiker: Die frisch gegründeten Rolling Stones holten ihn als Schlagzeuger, fortan war diese Band sein Schicksal und er ihres. Watts wurde zur grauen Eminenz der Stones, gegen deren Veto auch Jagger und Richards nichts einzuwenden wagten.

Der Arbeitersohn Watts, immer in feines Tuch gewandet und zuvorkommend im Auftreten, schien nicht so recht zu den anderen Rotzlöffeln zu passen, aber ohne ihn kann man sich diese Band auch nicht recht vorstellen. Dass er über Jahrzehnte ohne grelle Eskapaden mit derselben Frau verheiratet war und öffentliche Auftritte eher mied, machte ihn ebenfalls zu einem faszinierendem Unikum in dieser Radau-Truppe. Er sei eben sehr gern zuhause, erklärte Watts dann, wenn er eines seiner seltenen Interviews gab. Man muss sich diesen Mann als einzig wahrhaft glücklichen Rolling Stone vorstellen. Bassist Bill Wyman zählt in diesem Falle nicht, weil der schon vor bald 30 Jahren ausgestiegen ist aus diesem Irrsinnsladen.

Charlie Watts: Legendärer Zwischenfall mit Mick Jagger „Ich bin niemandes Schlagzeuger“

Natürlich ist es unmöglich, über Watts und die Stones zu sprechen, ohne den legendären Zwischenfall zu erwähnen, bei dem ein sturzbetrunkener Mick Jagger mitten in der Nacht den Drummer aus dem Schlaf klingelte und etwas von „Mein Schlagzeuger soll mitfeiern“ ins Telefon lallte. Eine Viertelstunde später erschien Watts in der Hotelbar und schlug den Sänger kurzerhand nieder, um den schockierten Rest der Bande dann wissen zu lassen: „Ich bin niemandes Schlagzeuger“. Selbstverständlich hatte sich Watts trotz der vorgerückten Stunde noch rasiert und in einen Anzug geworfen, Krawatte inklusive.

Ansonsten war Watts ein reizender Zeitgenosse, der keine Hotelzimmer zerlegte, sondern in der Zeit zwischen den Konzerten zeichnete oder sich in seine Jazzsammlung vertiefte. Ein zufriedener Mann, der den Rummel um diese Band, in der er mitspielte, nie so recht zu verstehen schien. Nun ist Charlie Watts gestorben. Man muss den Rolling Stones leider zutrauen, dass sie – Ketzer, die sie sind – einfach irgendeinen anderen Schlagzeuger anheuern. Aber dann sind sie eben auch nur noch irgendeine Band – und nicht mehr die Stones. (Zoran Gojic) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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