Diese Schotten geizen nicht mit Pomp

Simple-Minds-Frontmann Jim Kerr im tz-Interview

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Jimm Kerr (2.v.l.) mit seiner Band.

München - Die Simple Minds haben sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen. Im tz-Interview spricht Jim Kerr über die Entwicklung der Band.

In den Neunzigern waren die Hitlieferanten um den schottischen Sänger Jim Kerr (55) in eine Schaffenskrise gestürzt. Aufgegeben haben sie aber nicht – auch wenn nur noch Charlie Burchill neben Kerr aus der Gründungszeit mit von der Partie ist. Die beiden Schulfreunde haben den Karren nach und nach aus dem Dreck gezogen und nun das Album Big Music vorgelegt. Ein mutiger Titel. Aber tatsächlich wirken die Lieder wieder lustvoll voller großer Gesten wie die legendären Hits Don’t You Forget About Me oder Belfast Child. Wir fragten Jim Kerr, wie es dazu gekommen ist.

Das neue Album klingt frischer als die Vorgänger. Was ist geschehen?

Jim Kerr: Man muss zugeben, dass die Band in den 90ern nicht viel geschaffen hat. Am Ende des Jahrzehnts haben wir wirklich gekämpft und gezweifelt, ob wir weitermachen wollen. Wir haben uns zusammengerauft, aber nur unter einer Prämisse: Die Musik muss wieder ins Zentrum der Band. Die Simple Minds waren zu einem Unternehmen geworden. Und wir kamen uns vor wie unsere eigenen Schatten.

Was haben Sie dann ­unternommen?

Kerr: Das Letzte, was jemand braucht, ist ein altes, verbeultes Auto. Also muss man die Zündung neu starten und umkehren. In den letzten zehn Jahren haben wir hart gearbeitet und wieder die Freude an der Musik entdeckt. Gleichzeitig ist unser Selbstvertrauen gestiegen. Das sind alles Faktoren, die zum neuen Album führten. Musik muss im Zentrum stehen. Man muss sich zu hundert Prozent der Sache verschreiben. Es ist umöglich, ein Album mit zehn guten Stücken hinzulegen, wenn man nur gelegentlich Songs schreibt. Da braucht man 30 bis 40 Lieder, bis sich die besten herausschälen.

Hätten Sie die Band weiterführen können, wenn ihr alter Schulfreund Charlie Burchill den Hut genommen hätte?

Kerr: Wohl kaum. Das wäre hart, sich das auszumalen. Wir sind so lange befreundet und hängen wirklich sehr aneinander. Auf der einen Seite sind wir sehr unterschiedliche Menschen, aber in einigen Punkten sind wir uns völlig einig. Für uns beide waren die Simple Minds immer mehr als eine Band. Das ist nicht eine Karriere, das ist das Leben.

So eine Art Ehe?

Kerr: Auf keinen Fall! (lacht) Zum einen schlafe ich nicht mit Charlie, und zum anderen haben meine Ehen nie länger als fünf Jahre gehalten.

Es sind ja jetzt einige neue Musiker hinzugekommen. Verändert sich dann vieles?

Kerr: Das ist immer gut, wenn sich was tut. Auf der einen Seite wollen wir natürlich immer wie die Simple Minds klingen, andererseits bringen neue Musiker frische Ideen mit. Für die Tour sind wir nun eine siebenköpfige Band.

Auf Tour müssen Sie immer Lieder wie „Don’t You Forget About Me“ spielen. Gibt es Momente, in denen Sie den Song nicht mehr hören können?

Kerr: Aber nein, diese Lieder bezahlen schließlich unsere Weihnachtsrechnungen (lacht). Aber ganz im Ernst: So manche Lieder würden wir vielleicht nicht mehr singen. Wer weiß? Aber eigentlich gehören sie uns schon gar nicht mehr. Sie gehören längst dem Publikum. Und es ist großartig, über solche Lieder zu verfügen. Ich bin mir bewusst, dass Don’t You bei vielen unserer Fans eine besondere Bedeutung hat. Manche haben zu dem Song geheiratet. Jeder verbindet etwas damit. Es wäre unmöglich, die Menschen im Regen stehen zu lassen. Und ich will immer diese Songs zu 100 Prozent rüberbringen.

Wie schaffen Sie das?

Kerr: Ich sehe ja von der Bühne alle diese Gesichter, wie sie leuchten. Das ist eine riesige Inspiration. Und dann kehrt auch bei mir das Gefühl zurück.

Antonio Seidemann

Zurück zur großen Musik

Die Simple Minds sind bekannt für ihre hymnischen Lieder voller großer Gesten. Das neue Album Big Music kündigt es bereits im Titel an: Dorthin will man zurück. Tatsächlich sind Jim Kerr und Charlie Burchill wieder geeignete Melodiebögen eingefallen. Kerrs Stimme schwingt sich dabei noch einmal zum typisch sonoren Ton auf. Erschienen ist die CD bei Embassy of Sound. Bei der Deluxe-Version gibt es Videoclips und Coverversionen von Liedern wie Riders On the Storm der Doors.

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