Die dramatischen Minuten am Bodensee

Wie Udo Jürgens starb und warum sein Herz versagte

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Er sah viel jünger aus als er war: Udo Jürgens starb im Alter von 80 Jahren.

München - Udo Jürgens hat nicht gelitten, nachdem er am Sonntag bei einem Spaziergang zusammengebrochen war. tz schildert die dramatischen Minuten und erklärt, wie es dazu kommen konnte.

Das Tröstliche an seinem Tod ist: Udo Jürgens hat nicht gelitten, nachdem er am Sonntag bei einem Spaziergang zusammengebrochen war (tz berichtete). Trotzdem waren die Minuten zwischen dem Notfall und dem Tod des Entertainers hochdramatisch – zumindest für seine Freunde. Sie hatten alles versucht, um den 80-Jährigen zu retten. Die Details:

Der Moment des Zusammenbruchs: Udo verlässt sein Haus in Gottlieben am Bodensee, geht spazieren. Mit dabei ist sein Assistent, Chauffeur und Freund Billy Todzo. Plötzlich wird Udo schwindlig, er muss sich auf einem Auto abstützen. Dann sackt er zusammen. Billy kann ihn noch abfangen, aber Udo verliert das Bewusstsein.

Der verzweifelte Rettungsversuch: Billy Todzo alamiert per Handy den Notarzt, rennt zum ein paar hundert Meter entfernten Gemeindehaus, um einen dort öffentlich zugänglichen Defibrillator zu holen. Mit diesem tragbaren Gerät kann man dem Patienten einen Elektroschock geben – die einzige Möglichkeit, um lebensgefährliches Kammerflimmern zu beenden (siehe unten). „Die meisten Gemeinden in der Schweiz haben einen Defi“, erklärt Bürgermeisterin Rosmarie Obergfell. Aber leider zeigt Udo keine Reaktion.

Der Weg ins Krankenhaus: Während Notarzt und Klinikmediziner um Udos Leben kämpfen, ruft Billy bei Udos Lebensgefährtin Michaela Moritz und auch beim Chef seiner Band, Pepe Lienhard, an. Alle rasen ins Krankenhaus.

Der Kampf der Ärzte in der Klinik: Auf der Intensivstation des Kantonsspitals Münsterlingen versuchen die Mediziner alles. „Aber alle Wiederbelebungsversuche scheiterten. Dann kam ein Arzt zu uns und sagte: Es tut mir leid, wir konnten nichts mehr für ihren Freund tun“, erzählte Pepe Lienhard in Bild.

Der Augenblick des Abschieds: „Udo lag ganz friedlich da“, so Lienhard gegenüber Bild. „Er sah so aus, als würde er schlafen. Ich konnte nicht begreifen, dass er tot war.“

Die Beerdigung: Wann und wo Udo beigesetzt wird, war am Montag noch unklar.

Sein Leben in Zahlen

Ohne Zweifel: Udo Jürgens war über Jahrzehnte einer der bedeutendsten deutschsprachigen Musiker. Er komponierte über 1000 Songs, veröffentlichte über 50 Alben und verkaufte weit mehr als 100 Millionen Tonträger. Weitere Zahlen und Fakten über den gebürtigen Kärntner:

  • Bürgerlicher Name: Udo-Jürgen Bockelmann.
  • Seine Mutter stammte aus Schleswig-Holstein, der Vater aus Moskau.
  • Eine Mundharmonika war 1939 Udos erstes In­strument.
  • Sein erster veröffentlichter Titel Es waren weiße Chrysanthemen wurde 1956 zum Totalflop.
  • Bei einer Mammut-Tournee 1969/70 gab Udo Jürgens 266 Konzerte vor 500 000 Zuschauern.
  • 200 000 Fans strömten im Juni 1992 zu einem gigantischen Open-Air-Konzert auf die Wiener Donauinsel. Dieser Auftritt gilt bis heute als Europas größtes Konzert.
  • Dreimal vertrat Udo Jürgens sein Heimatland ­Österreich beim Grand Prix Eurovision de la Chanson: 1964, 1965 und 1966 mit dem wunderbaren Siegertitel Merci, Chérie.
  • Zu seinen Markenzeichen auf der Bühne gehörten Kamillentee und die Zugaben im Bademantel.
  • Die 1998 gegründete Udo-Jürgens-Stiftung setzt sich für notleidende Kinder und mittellose Nachwuchsmusiker ein.

Die Sängerin Annett Louisan brachte am Montag auf den Punkt, was zigtausende Fans fühlten, als sie die Nachricht von Udo Jürgens’ Tod hörten: „Ich bin total erschüttert. Seine Musik wird jedoch immer bei uns bleiben.“

Warum sein Herz versagte

Die Anteilnahme kennt kein Alter: Fans stellen Kerzen vor Udos Haus auf.

Der letzte Vorhang fiel wie aus heiterem Himmel. Eben noch wirkte Udo Jürgens kerngesund. Bis ihn ein Super-GAU im eigenen Körper aus dem Leben riss – völlig unerwartet, binnen weniger Minuten. Dafür haben Mediziner einen Fachbegriff: plötzlicher Herztod. „Es trifft jedes Jahr allein bei uns in Deutschland etwa 80 000 Menschen“, weiß der renommierte Notfallmediziner Professor Dr. Dietrich Andresen, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung. „In der Altersgruppe der 55- bis 65-Jährigen ist der plötzliche Herztod sogar die häufigste Todesursache.“ Die tz erklärt die Zusammenhänge.

So entsteht der Super-GAU im menschlichen Maschinenraum: Der Herzmuskel ist eine Art Druck-Saugpumpe. Um diese in Gang zu setzen und ihre Geschwindigkeit zu regulieren, gibt es im rechten Vorhof eine Art Taktgeber: den Sinusknoten. „Er sendet 60 bis 100 Mal pro Minute einen elektrischen Impuls aus. Durch jeden einzelnen kleinen Stromstoß zieht sich der Muskel zusammen und pumpt Blut in die Arterien. Danach dehnt er sich wieder aus und saugt dabei Blut aus den Venen“, erklärt Andresen. „Wenn aber das Herz erkrankt ist, etwa durch mangelhafte Durchblutung der Herzkranzgefäße, können Muskelzellen verrückt spielen. Sie geben dann zusätzliche Stromstöße ab – unkontrolliert, im schlimmsten Fall bis zu 600 Mal pro Minute. Es kommt zum Flimmern des Herzmuskels.“

Spielen beispielsweise Muskelzellen im Bereich des Vorhofs verrückt, sprechen die Ärzte von Vorhofflimmern. Bis zu zwei Millionen Menschen leiden in Deutschland an dieser Volkskrankheit. „Sie schränkt die Herzleistung aber nur um etwa zehn Prozent ein“, erklärt Andresen, „deshalb ist Vorhofflimmern vergleichsweise gut in den Griff zu bekommen.“ Aber: Wenn Muskelzellen im Bereich der Herzkammer verrückt spielen und sogenanntes Kammerflimmern entsteht, wird es lebensgefährlich. „Das Herz zittert praktisch nur noch, kann nicht mehr pumpen. Der Kreislauf versagt schlagartig – und wenn man nichts unternimmt, tritt nach circa zehn Minuten der Tod ein.“

Wie Kammerflimmern den Kreislauf killt: „Es dauert etwa vier Sekunden, bis dem Betroffenen schwarz vor Augen wird“, weiß Andresen. „Nach zehn bis zwölf Sekunden verliert er das Bewusstsein. Nach einer bis eineinhalb Minuten tritt ein Atemstillstand ein. Nach zehn Minuten ist der Patient in der Regel tot.“ Kammerflimmern hört nie von alleine auf. Die einzige Möglichkeit, es zu beenden, ist ein geballter Stromschlag mit dem ­Defibrillator. „Dieser Elekroschock bewirkt, dass sich alle Herzmuskelzellen stark erregen und gleichzeitig wieder entspannen, der Sinusknoten kann dann wieder einen normalen Takt vorgeben.“

So verhalte ich mich richtig, wenn jemand einen Herzstillstand erleidet: Als erstes unter der Nummer 112 den Rettungsdienst alarmieren. „Das Allerwichtigste ist, dass Sie danach sofort mit der Herz-Druckmassage beginnen“, betont der Notfallmediziner. „Legen Sie Ihre Hände übereinander, setzen Sie am Brustbein an – ungefähr auf Höhe der Brustwarzen. Drücken Sie den Brustkorb etwa fünf bis sechs Zentimeter tief ein – mindestens 100 Mal pro Minute.“ Falls ein Defibrillator greifbar ist, kann ein weiterer Ersthelfer diesen anlegen. Das Gerät erklärt sich selbst, der Bediener kann nichts falsch machen und dem Patienten auch nicht schaden.

Deshalb ist die Herz-Druckmassage so wichtig: „Dadurch wird zwar das Kammerflimmern nicht beendet“, sagt Andresen, „aber durch die Herzmassage wird ein künstlicher Kreislauf hergestellt, so dass ausreichend Sauerstoff vor allem zum Gehirn gepumpt wird.“

Das sind die Risikofaktoren für Kammerflimmern: „Zwei Drittel aller Betroffen leiden an einer Koronaren Herzerkrankung (KHK), also den Folgen einer Mangeldurchblutung des Herzmuskels“, so Andresen. Die KHK kann unter anderem durch Bluthochdruck, schlechte Cholesterinwerte, Übergewicht, Diabetes, Rauchen und Bewegungsmangel ausgelöst werden.

So werden Risikopatieten besser geschützt: In Deutschland werden pro Jahr etwa 29 000 Patienten Mini-Defibrillatoren eingesetzt – direkt in den Brustkorb. Sie erkennen Kammerflimmern und geben den rettenden Stromstoß ab.

Andreas Beez

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