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Sonne um Mitternacht - Katharina Sieverding wird 80

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Foto-Künstlerin Katharina Sieverding
Die Künstlerin Katharina Sieverding hat am 16. November Geburtstag - einen runden. © picture alliance / Federico Gambarini/dpa

XXL-Format, malerische Ästhetik und politische Ansage - Die Beuys-Schülerin hat eine einzigartige künstlerische Position geschaffen. Nun hat sie das Geheimnis um ihr Alter gelüftet.

Düsseldorf/Baden-Baden - Katharina Sieverding und Marlene Dietrich könnten äußerlich nicht unterschiedlicher sein. Eines aber haben die Foto-Künstlerin mit der schwarzen Sonnenbrille und dem rötlichen, streng zurückgekämmten Haar und die blonde Filmdiva gemeinsam: Das Geheimnis um ihr Alter.

„Ich habe mir mein Geburtsdatum immer so zurechtgelegt, wie ich es gerade brauchte“, sagte Sieverding noch im Frühjahr im Interview der Wochenzeitung „Die Zeit“. „Wie Marlene Dietrich.“

Bisher galt 1944 als Geburtsdatum der in Prag geborenen Sieverding. In dem „Zeit“-Interview verriet sie erstmals, dass sie dieses Jahr 80 werde. Jetzt hat das Museum Frieder Burda in Baden-Baden das Geheimnis offiziell gelüftet. „Am 16. November wird die große Foto-Künstlerin Katharina Sieverding 80 Jahre alt“, überschrieb das Museum eine Pressemitteilung. Widersprochen hat die in Düsseldorf lebende Sieverding nicht. In Baden-Baden ist derzeit eine große Retrospektive mit Werken der Meisterschülerin von Joseph Beuys zu sehen, die seit rund 50 Jahren die Kunst in Deutschland maßgeblich prägt. Zum Ehrentag Sieverdings am 16. November ist sogar der Eintritt frei.

Sieverding habe eine „einzigartige, weltweit beachtete künstlerische Position“ geschaffen, so der Kurator Kay Heymer. Die Kunst der mehrfachen documenta-Teilnehmerin ist großformatig, oft selbstbezogen und immer gesellschaftskritisch. Die vielfach ausgezeichnete Sieverding führte das XXL-Format in die Fotokunst ein, sie collagiert, zitiert und bearbeitet Fotos mit zahlreichen chemischen und technischen Methoden. Komplexität ist für Sieverding immer ein Muss, sowohl inhaltlich als auch formal. Eine rund 20 Meter lange Wand beklebte sie vom Boden bis zur Decke mit 1740 Fotos.

In ihren monumentalen Arbeiten steht oft Sieverdings Gesicht im Mittelpunkt. Eines ihrer wichtigsten Werke, der „Stauffenberg-Block“, besteht aus 16 rot eingefärbten und metallisch schimmernden Selbstporträts. „Ich rücke mich nicht ins Bild“, widerspricht Sieverding. Dass sie ihr eigenes Abbild spiegelt und vervielfältigt, sei ihrem Interesse geschuldet, über die Instant-Technik wie Fotoautomaten „jedem die Partizipation an der Kunstproduktion zu ermöglichen“. Der „Zeit“ sagte sie: „Mein Gesicht soll dabei auch als eine Form von Spiegel funktionieren.“

Sieverding begann ihren Aufstieg mitten in der brodelnden Düsseldorfer Kunstszene der 1960er Jahre. Nur kurz studierte sie ihrem Vater, einem Radiologen, zuliebe Medizin. Dann zog es sie zum Theater, an der Kunstakademie studierte sie bei dem Bühnenbildner Teo Otto, assistierte ihm an den großen Theatern in Deutschland und Österreich. Joseph Beuys holte sie schließlich zu seinen Ringgesprächen.

Sieverding wurde seine Meisterschülerin, aber mit Lehm oder Gips hielt sie sich nicht auf. Schon in der Beuys-Klasse hielt sie politische Diskussionen mit der Kamera fest. Beuys unterstützte sie gemäß seinem „erweiterten Kunstbegriff“ dabei. Bereits ihre erste fotografische Arbeit „Eigenbewegung“ (1967-1969) habe Beuys „als künstlerische Arbeit anerkannt und unterstützt“, sagte Sieveding der Deutschen-Presse-Agentur.

Die umtriebige Künstlerin arbeitete als Barfrau im seinerzeit angesagten Lover's Club in Düsseldorf und sorgte androgyn geschminkt für gute Umsätze, wenn sie den Gästen den Kauf ganzer Flaschen ans Herz legte. Während diese geleert wurden, experimentierte sie mit Selbstporträts an einem Passbild-Automaten.

In der von Männern dominierten Kunstwelt setzte sich die eigenwillige Sieverding durch. Schon Anfang der 70er Jahre gab sie ihr künstlerisches Statement zur Gender-Thematik ab, indem sie das Porträt ihres Lebensgefährten Klaus Mettig und ihr eigenes übereinanderlegte. Männlich oder weiblich, das war nicht mehr zu definieren.

Dass sie mit großformatigen Selbstporträts, Fotografie, Film und Performance agiert habe, „kam einer feministischen Strategie gleich“, sagte Sieverding im Interview der Kunstbloggerin Elke Backes. „Deutlicher konnte ich das „die Künstlerin ist anwesend“ nicht zum Ausdruck bringen.“ Drei Kinder bekam Sieverding. Da hätten einige männliche Kollegen wohl gedacht: „Zum Glück, jetzt ist sie weg“, sagte sie der „Zeit“. „Aber ich blieb.“ 15 Jahre lehrte sie an der Hochschule der Künste in Berlin und förderte junge Künstlerinnen.

Sieverdings Großformate haben eine Sogwirkung wie riesige Kinoleinwände und strahlen eine kraftvolle, malerische Ästhetik aus. Dabei nimmt sie immer wieder das Sonnen-Thema auf. Für die spektakuläre digitale Projektion „Die Sonne um Mitternacht schauen“ lud Sieverding rund 100 000 NASA-Satellitendaten über die Sonnenaktivität herunter. Das Ergebnis war eine tiefblaue Sonne, deren Oberfläche sich unablässig bewegt.

Männliche und weibliche Züge verschmelzen in Sieverdings Werken ebenso wie Leben und Tod, Demokratie und Diktatur. So hinterlegt sie eine Fotografie von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un mit dem Foto des größten Amazon-Versandlagers der Welt. Oder sie lässt ein Bild des Berliner Reichstags mit einem Foto eines NSDAP-Reichsparteitags in Nürnberg verschmelzen. Sieverdings Devise: „Ich möchte nicht irgendwann mein Leben beschließen und sagen: Ich war Künstlerin des 20. Jahrhunderts und hab’ mich eigentlich um die Kernereignisse überhaupt nicht gekümmert.“ dpa

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