Aufschrei für die Kulturbranche

Corona-Appell von Top-Musiker geht viral: TV-Star pflichtet ihm bei - „Die Lage ist unheimlich hart“

Till Brönner
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Musiker und Fotograf Till Brönner spricht Klartext: Ohne Unterstützung von Seiten der Politik ist die deutsche Kulturbranche in großer Gefahr.

Musiker und Professor Till Brönner meldet sich bei Instagram und erhebt seine Stimmme für Kulturschaffende. Seine Warnung zur aktuellen Corona-Lage geht viral.

  • Musiker und Fotograf Till Brönner richtet sich mit einem Appell zur aktuellen Corona-Lage an die Öffentlichkeit.
  • Darin macht er vor allem auf die Misere aufmerksam, in der er und seine Kollegen und Kolleginnen sich derzeit befinden.
  • Die Lage ist äußerst dramatisch für viele besorgniserregend.

Berlin - Nicht nur die Corona-Ampel steht vielerorts auf dunkelrot: Auch für die Kulturbranche ist höchste Alarmstufe angesagt. Und das, obwohl doch gerade in schwierigen Zeiten Kunst und Kultur verbindend wirken können. Geradezu sinnstiftend können sie sein, so der bayerische Kunstminister Bernd Sibler kürzlich in einem Interview. Dennoch haben es Künstler und Kulturschaffende zunehmend schwer, sich während der anhaltenden Corona-Pandemie über Wasser zu halten. Für viele von ihnen scheinen die Zeiger tatsächlich kurz vor Zwölf zu stehen: Wegen einiger Corona-Auflagen, die ihnen die Ausübung ihres Berufes teilweise erschweren, sehen sie sich in eine bedrohliche Existenz-Krise hineinschlittern.

Vor allem von Politikern und Entscheidungsträgern fühlen sie sich oftmals dabei hintenangestellt. Doch ohne eine adäquate Unterstützung in Form einer erheblichen Finanzspritze könnte es mit der Kultur hierzulande bald sehr düster aussehen, so die Einschätzung mancher Experten. Einer, der dafür nun aufsteht und sich für den Erhalt der Kulturbranche einsetzt, ist der deutsche Musiker und Fotograf Till Brönner. Auf seinem Instagram-Account und via Facebook richtete er an die Öffentlichkeit einen dringlichen Appell zu aktuellen Corona-Lage. Als selbst Betroffener weiß er: Besonders Kulturschaffende leiden aktuell. Hält sich die Regierung weiterhin mit finanzieller Unterstützung zurück, droht manchen von ihnen sogar das Aus.

Corona-Appell von deutschem Top-Musiker geht viral: „Muss daran liegen, dass ich ziemlich sauer bin“

„So was wie heute habe ich noch nie gemacht“, beginnt der 49-Jährige sein Video auf der Social-Media-Plattform und erklärt: „Muss daran liegen, dass ich ziemlich sauer bin.“ Denn der aus Viersen stammende Künstler kann wenig Verständnis für die Zurückhaltung aus den eigenen Reihen aufbringen. Er schaue nicht nur dabei zu, wie eine gesamte Branche lahm gelegt werde, sondern auch, dass sich nur wenige Bühnenkünstler zu der achtmonatigen Misere äußern. Und das, „obwohl ihre Existenz gerade fundamental auf dem Spiel steht“, so Brönner.

Seiner Meinung nach ist das Fehlen eines Aufschreis geradezu fatal. Da es „ein völlig falsches Bild der dramatischen Lage zeichnet, in der sich unser Berufszweig aktuell befindet“. Deshalb will Brönner mit seinem Appell für mehr Klarheit sorgen. Was zu Beginn der Pandemie noch einleuchtend war und zum Schutze aller notwendig, gewinnt jedoch immer mehr an Unverständnis. „Denn hier geht es nicht um Selbstverwirklicher, die in ihrer Eitelkeit gekränkt sind. Es geht um uns alle. Und es geht um Geld. Viel Geld“, lässt er die Katze schließlich aus dem Sack. Denn entgegen der allgemeinen Auffassung steht in der Kulturbranche nicht gerade wenig Geld und damit vor allem Existenzen auf dem Spiel.

Corona-Appell von deutschem Top-Musiker geht viral: Kompletter Wirtschaftszweig abgeschaltet

Für Deutschland, als dem Land der Dichter und Denker, ist es „umso skandalöser, welch unwirklichem Schauspiel wir gerade beiwohnen müssen“, appelliert Brönner weiter. Denn er kreidet den Politikern vor allem an, dass diese im Gegensatz zu anderen Wirtschaftszweigen, die Kulturbranche haben hängen lassen. Während Bekannte und Freunde, die nicht in diesem Bereich tätig sind, ihm im Sommer Urlaubsfotos schickten, erkundigten sich hingegen Künstlerfreunde bei Brönner, ob es bei ihm „auch so mau aussähe wie bei ihnen“. Geld für Urlaub übrig haben? Nichts schien diesen offenbar fremder. Sie bibberten viel mehr um die blanke Existenz.

Hochgerechnet sind wir viele, sehr sehr viele“, spricht der Musiker weiter. Ein Vergleich mit größeren Branchen wie beispielsweise der Autoindustrie hinke deshalb, weil die künstlerisch tätigen Menschen in Deutschland doppelt so viele seien. In Zahlen ausgedrückt sind „viele“ laut Brönner nämlich weit über 1,5 Millionen Menschen, darunter beispielsweise Toningenieure, Lichttechniker, Caterer, Bühnenbauer, Busfahrer, Beschallungsfirmen, Clubbesitzer - eben all diejenigen, ohne die Kultur nicht zustande käme. „Menschen, deren Broterwerb am Tag 1 der Pandemie nachvollziehbarer Weise abgeschalten wurde. Ein Wirtschaftszweig mit einem Gesamtumsatz von - bitte festhalten - über 130 Milliarden Euro“, wettert er weiter: „Das ist kein Luxusproblem, das ist ein Kernproblem“, so Brönners Auffassung. Alleine bei Facebook wurde sein Video in den ersten 18 Stunden schon mehr als 28.000 Mal geteilt.

Corona-Appell von deutschem Top-Musiker geht viral: Ohne Unterstützung sieht er schwarz

Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Künstler erkennt den dringenden Schutz vor einer Infektion voll und ganz an. „Aber wenn ein gesamter Berufszweig per Gesetz gezwungen wird, seine Arbeit zum Schutze der Allgemeinheit ruhen zu lassen, dann muss doch die Allgemeinheit auch dafür sorgen, dass diese Menschen nach Corona noch da sind. Oder was habe ich übersehen?“, meint der Musiker und fragt sich weiter: „Wie kann man einzelnen Konzernen Milliarden in den Vorgarten werfen und der Veranstaltungsbranche Arbeitslosengeld II anbieten?“

Ziemlich mitgenommen fährt er fort, dass das Problem nicht daran läge, dass die Branche übersehen werde - sondern dass sie zu leise sei. Kulturschaffende verfügen eben über keine Gewerkschaft und kein Hilfsprogramm, das ihnen nun den Rücken stärken könnte. „Genau das rächt sich jetzt“, weiß der 49-Jährige. „Wie wäre es, wenn einfach mal drei Tage der Ton abgedreht oder das Radio keine Musik spielen würde. Hier müssen wir in Zukunft auch ganz klar, unsere Hausaufgaben machen als Künstler“, rät der Experte. Ein Mitgliedsbeitrag wäre wohl eine erste Idee, „auch wenn das vielleicht unkünstlerisch oder uncool ist.“ Allerdings gehe es eben um Gerechtigkeit für eine Branche, die keinesfalls eine Minderheit darstelle. „Das Land steht kulturell still und die Beweglichsten und Ehrlichsten tretet ihr gerade mit Füßen - wenn ihr nicht handelt. Ansonsten heißt es Buona Notte, Licht aus“, so Brönners düstere Prognose an die Politik gerichtet.

Corona-Appell von deutschem Musiker geht viral: Deutsche Promis unterstützen Aufruf

Und Till Brönner steht nicht wahrlich alleine da. Positive Resonanz für seinen Appell und Unterstützung erhält er von vielen anderen deutschen Promis. ARD-Moderatorin Mareile Höppner schrieb dazu in einem Instagram-Post: „Wir brauchen mehr als dicke Jacken in diesen Tagen, wir brauchen auch große Herzen und Engagement. Um so mehr freue ich mich, über Menschen wie den wunderbaren Till Brönner, der ein ernstes Thema in gute und überlegte Worte packt.“ Und weiter: „Die Lage ist - wie für so viele, aber eben auch - für alle Künstler und eine ganze Branche unglaublich hart und wir brauchen sie. Sie machen unser Leben runder, fröhlicher, bunter, klüger, schöner, lauter und manchmal auch leiser und wir sollten sie gerade jetzt nicht vergessen.“

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Wir brauchen mehr als dicke Jacken in diesen Tagen, wir brauchen auch große Herzen und Engagement. Um so mehr freue ich mich, über Menschen wie den wunderbaren @tillbroenner_official, der ein ernstes Thema in gute und überlegte - noch wichtiger in diesen Tagen - Worte packt. Die Lage ist - wie für so viele, aber eben auch - für alle Künstler und eine ganze Branche unglaublich hart und wir brauchen sie. Sie machen unser Leben runder, fröhlicher, bunter, klüger, schöner, lauter und manchmal auch leiser und wir sollten sie gerade jetzt nicht vergessen. Schaut mal rein bei ihm, dann wisst ihr was ich meine. Danke fürs zuhören und mitdenken. 🎼🎤🎸🎹🎬🎻

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Auch The-Voice-Coach und Rockmusiker Rea Garvey teilte das Video für seine Follower in seiner Instagram-Story. Mit einem ähnlichen Appell richtet sich auch TV-Star Elton auf seinem Instagram-Account direkt an die Bundesregierung und setzt sich vor allem für die Gastronomie ein - sollte es zu einem zweiten Lockdown kommen: „Moin!! Hier meine Bitte an die Regierung. Ich hoffe sehr, dass die Gastronomie dieses Mal nicht bestraft wird. Die Jungs und Mädels sollen für etwas büßen, was gar nicht klar bewiesen ist. Jeder sollte gerade jetzt auf sich selber achten und alle Hygieneregeln einhalten. Und auch bitte ehrlich die „Anwesenheitszettel“ ausfüllen!!!“.

Die Nachfrage nach Kultur sei vorhanden, so Till Brönner, und schließlich würden Menschen auch nach der Krise wieder in den Genuss von Theater und Konzerten und anderen Veranstaltungen kommen wollen. Wie traurig wäre es, wenn es dann keine Möglichkeit dazu mehr gäbe. „Es gibt doch was zu feiern, wenn der ganze Mist vorbei ist“, findet Brönner. (jbr)

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