Zum Todestag des Kabarettisten

Die tz öffnet das Fotoalbum von Dieter Hildebrandt

Die tz erinnert an Dieter Hildebrandt
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Dieter Hildebrandt mit seiner Gattin Anfang der 90er-Jahre.

München - Anlässlich des Todestages von Dieter Hildebrandt erinnert die tz nochmals an den großen Kabarettisten - mit Anekdoten, Geschichten und Fotos, die noch nie veröffentlicht wurden.

Update vom 30. März 2015: Seine Serien Monaco Franze und Münchner Gschichten sind Kult. Regisseur Helmut Dietl ist im Alter von 70 Jahren gestorben. Er war einer der populärsten Regisseure und Filmemacher Deutschlands.

Genau ein Jahr ist es her: Da schloss Dieter Hildebrandt auf der Palliativstation eines Münchner Krankenhauses für immer seine Augen. Prostatakrebs. Monatelang hatte der 86-Jährige gegen die heimtückische Krankheit tapfer gekämpft – und nie aufgegeben: „Ich schaffe das irgendwie“, sagte er der tz noch drei Wochen vor seinem Tod. Es war eines der wenige Male, bei dem der große Denker leider nicht Recht haben sollte…

Welches Lob ist über den Münchner Kabarettisten noch nicht gesagt oder geschrieben worden? Keines! Er war ein genialer Wortjongleur, ein bissiger Kritiker – und doch immer auch Menschenfreund: bescheiden, hilfsbereit, liebevoll. Dieter, Du fehlst!

Sein Schreibtisch

Der Schreibtisch war Dieter Hildebrandts Heiligtum. Jahrelang standen

genau die selben Dinge auf dem Arbeitsplatz in seinem Dachzimmer in Waldperlach. Auf seinem einmaligen „Schrein der Kreativität“ liegen:

  • Sein Mini-Duden für Sprachwendungen. Eigentlich kannte er diesen schon auswendig, er nahm ihn aber teils sogar auf Reisen mit, nur um darin zu blättern.
  • Sein Erich-Kästner Preis. „Auf den bin ich am stolzesten“, sagte Dieter Freunden immer wieder. „Weil Kästner einfach großartig war.“
  • Seine Thermoskanne. Die stand eigentlich nur zur Zierde da, getrunken hat Hildebrandt daraus nie. „Die hat so was Weltenbummlerisches“, sagte er einmal.
  • Sein Uralt-Telefon mit Spiralkabel. „Ich will kein anderes“, entgegnete der Münchner jedes Mal, wenn ihm seine Gattin Renate anbot, ein neues zu besorgen. „Das hat so schöne, große Tasten.“ Hildebrandt korrespondierte übrigens auch nie per E-Mail, immer nur per Fax.
  • Sein Adress-Stempel. „Den hörte man im ganzen Haus, wenn er auf dem Tisch aufschlug“, sagt Gattin Renate. Dieter beantworte nämlich jeden Tag alle Briefe, die ihn erreichten. Stundenlang.
  • Sein Deutscher Fernsehpreis von 1997 – der Goldene Löwe. „Der passt zu mir“, so der Hausherr. „Weil ich bin ja auch Löwe – zumindest wenn es um Fußball geht.“

Seine Familie

Dieter Hildebrandt war Familienmensch, obwohl er soviel auf Achse

1997: Renate und Dieter genießen die sonnige Ruhe.

war. Am liebsten machte er Urlaub mit der ganzen Familie zusammen – mit Töchtern und Enkelkindern. Einer seiner Lieblingsorte war ein Anwesen in der Toskana, wie unser Foto unten zeigt. „Da saßen dann alle zusammen, haben gegessen und stundenlang geredet“, erzählt Gattin Renate. Wenn Dieter zur Entspannung las, lag er meist in der prallen Sonne. „Er liebte das. Andere wurden knallrot, er tiefbraun.“ Weggehen? Das war nie sein Ding. „Eigentlich war er schüchtern, unsicher. Nur auf der Bühne nicht.“

Sein schlimmster Auftritt

Einen bestimmten Abend in der Lach- und Schießgesellschaft hat Dieter Hildebrandt nie vergessen: Während seines Auftritts hatte sich ein Zuschauer totgelacht! Was wie ein makaberer Witz klingt, ist wirklich wahr: Der ältere Mann hatte mit seinem Bruder die Vorstellung besucht und litt wohl an einer Herzschwäche. Bei einer Pointe musste der Münchner so stark lachen, dass er plötzlich tot von seinem Hocker kippte. Es wurde zwar noch der Notarzt gerufen. Vergebens! „Ich wünschte, ich wäre an diesem Tag nicht gut gewesen“, sagte Dieter später einmal zu dem traurigen Vorfall.

Seine Leidenschaft

Ja, Hildebrandt war ein genialer Kabarettist. Aber er schauspielerte für

Dieter mit seiner Gattin Renate Anfang der 90er-Jahre.

sein Leben gern, auch wenn ihm dazu oft der Mut fehlte, wie er selbst zugab. „Es gab da eine Bettszene in Kir Royal, wo ich so ein junges Sternchen verführen will. Das war furchtbar für mich zu spielen“, sagte er einmal im Freundeskreis. Wer genau hinsieht, merkt, dass er sogar rot wird. „Das hat alles nur geklappt, weil mich Helmut Dietl geführt hat.“ Mit dem Regisseur verband ihn eine respektvolle Freundschaft. „Dietl ist mir immer auf Augenhöhe begegnet. Und ich ihm auch. Das schmeichelte mir – und ich glaube ihm auch“, verriet Hildebrandt. „Denn eigentlich bin ich für die große Schauspielerei zu leise.“ Übrigens das Foto rechts aus den 60ern ist reiner Spaß. Dieter konnte nicht eine Note auf der Gitarre spielen.

Seine Tiefs

Nein, es ging Dieter Hildebrandt nicht immer gut: 2008 war sein

Liebte den Genuss: Hildebrandt im Sommerurlaub.

Alkoholproblem so groß geworden, dass er sich entschied, eine Entziehungskur in einer Berliner Klinik zu machen. Mit Erfolg. Von 2009 an war er absolut trocken. „Das war wichtig für mich, diese Kraft aufzubringen“, sagte er später darüber. „Diese Disziplin. Ich hatte alles um mich herum gefährdet. Familie, Freunde. Da musste ich was tun, mich entscheiden.“

Sein Daheim

Gut 50 Jahre lebte Dieter Hildebrandt in einem netten, kleinen Haus in Waldperlach. „Ich brauch die Ruhe des Stadtrandes“, stellte er dazu fest. Hier ging er auch stundenlang mit seinen Tibet-Terriern Candy und Tschepo auf stillen Feldwegen spazieren. „Da denke ich nach.“ Über München sagte er: „Ich fühle mich hier zu Hause, ich mag die Menschen – obwohl ich Schlesier bin.“

Er pflegte auch, wie bekannt, eine tiefe Freundschaft zu vielen

Dieter vor vier Jahren mit seinen Terriern Candy und Tschepo im Garten. „Ich liebe die zwei: Die reden nicht so viel“.

Münchner Kabarettisten. Auch zu Urban Priol – was ihm einmal eine Menge Ärger einbrachte. Als Urban nämlich seine erste Folge von Neues aus der Anstalt (2007) für das ZDF aufzeichnete, kamen die Kabarettisten-Freunde auf eine witzige Idee: Wäre es nicht frech, wenn Hildebrandt einen kurzen Gastauftritt hätte? Das ARD-Scheibenwischer-Urgestein im ZDF! Hildebrandt stimmte zu und sprach einen ganz kurzen Text. Die Folge: Manche seiner ARD-Kabarettkollegen waren so sauer, dass sie jahrelang nicht mehr mit ihm sprachen. Sein Kommentar: „Diese Eitelkeit hab ich nie verstanden.“

Sein Abschied

Als Dieter Hildebrandt am 18.

Dieses Bild hängt innen an der Haustür bei Familie Hildebrandt: als letzter Gruß.

November im Krankenhaus morgens sehr geschwächt aufwachte, verriet er Freunden: „Ich habe gerade von der Adria geträumt. Schön war das. Jetzt habe ich Durst. War ja Salzwasser.“ Sogar bei seinem Abschied verlor der Kabarettist nie seinen Humor. Als ihm die Krankenschwester wenig später eine blaue Schnabeltasse brachte, entgegnete er: „Bitte immer nur blaue bringen. Ich bin Löwe, wissen Sie.“ Alle Verwandten, alle Freunde wollte er kurz vor seinem Tod noch einmal sehen, bevor er am 20. November starb. Als er zu Grabe getragen wurde, legten ihm seine Liebsten noch Erinnerungsstücke mit in den Sarg: unter anderem einen Löwenschal, Tennisbälle, ein Foto seiner Hunde, sogar einen Fußball. Zudem bemalte jeder den Sarg.

Armin Geier

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