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tz-Interview mit dem Liedermacher

Warum nicht mehr warum, Herr Wecker?

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Konstantin Wecker vorm Schwabinger Café Ringelnatz – sozusagen zwei Poeten unter sich.

München - Wenn Konstantin Wecker (68) sein neues Album Ohne Warum nennt, dann kann der Edelfan ein bisserl stutzig werden: Wie jetzt? Hat der ewige Rebell für das Gute, Wahre und Schöne, der Friedenskämpfer aufgegeben und hinterfragt die Welt nicht mehr mit seiner unnachahmlichen Poesie?

 Mitnichten. Was es mit dem Album auf sich hat, wann ihn die Muse küsst, was Mystik von Kirche unterscheidet und wie sein Vater ihn als 19-Jährigen auf die richtige Bahn brachte, lesen Sie hier.

Herr Wecker, warum nicht mehr „warum“?

Konstantin Wecker: Das hat was mit der Muse zu tun: Ich singe, weil ich ein Lied habe. Weil es raus will, weil ich es nicht schreibe, um damit etwas zu erreichen oder möglichst erfolgreich zu sein. Alle Kunst entsteht so. Ich sehe mich als Lyriker, der seine Texte vertont, damit er gehört wird. Ohne Warum ist übrigens ein Satz des Mystikers Meister Eckhart. Er hat das althochdeutsche „Sunder warumbe“ als Ausdruck mystischen Denkens verstanden.

Mystik spielt auf Ihrem neuen Album ja eine wichtige Rolle. Wie kommt’s dazu?

Wecker: Ich habe mich schon lange damit beschäftigt und dann das Buch Mystik und Widerstand von ­Dorothee Sölle gelesen. Darin wird deutlich, warum Mystiker diesen Widerstand in sich haben müssen, weil die Einheit der Welt, die sie tief in sich spüren, gestört wird. Deshalb wurden auch die meisten von ihnen im Lauf der Geschichte umgebracht …

Da geht’s Ihnen ja deutlich besser …

Wecker: Da geht’s mir heute besser. Ich lebe aber auch nicht annähernd so asketisch wie die Mystiker des Mittelalters. Eine Beziehung zur Mystik hatte ich auch zu den Zeiten, als ich alles Kirchliche am liebsten zertrümmert hätte. Mit Spiritualität habe ich noch nie ein Problem gehabt, weil ich sie in mir gespürt habe. In meinem jetzigen Alter ist diese Mystik allerdings interessanter, weil das Ego nicht mehr so im Weg ist.

Von der Mystik zur Muse: Wann küsst Sie denn die Muse – ist die steuerbar?

Wecker: Die küsst mich mittlerweile nur noch in Italien, wo der Kern meines neuen Albums im vergangenen Sommer entstanden ist. Also habe ich die Hoffnung, dass ich sie auch weiterhin dort anlocken kann. Diese Erfahrung mit dem Flow, dass die Muse einfach kommt, wenn man sie nicht fordert, habe ich ja schon seit 50 Jahren. Wenn so ein Moment da ist, tut es einen Schlag, und dann bin ich in einem anderen Universum. Ich funktioniere zwar im Alltag, aber alles ist unwirklich. In mir brodelt’s und gärt’s.

Und haben Sie dann die Gedichte schon im Kopf?

Wecker: Nein, aber ich spüre: Da muss was raus. Als wäre alles schon fertig geschrieben. Und wenn ich dann in Italien meine Ruhe habe, dann fließt alles aus der Feder. Danach wird vertont. Immer in dieser Reihenfolge.

So sollte es auch bei Liedern sein …

Wecker: Ja. Es soll allerdings Leute geben, die eine Musik im Kopf haben und dann noch irgendein Blabla brauchen, damit jemand irgendwas dazu singt.

Hat diese mystische Kreativität jedes Kind?

Links im Gespräch mit tz-Kulturredakteur Matthias Bieber.

Wecker: Ja. Aber so mit vier, fünf Jahren verlieren sie leider viele. Wenn die Eltern die Fantasiewelt der Kinder in dieser Zeit unterstützen, wenn sie akzeptieren, dass das Kind zum Beispiel seine eigenen unsichtbaren Spielgefährten hat – das war bei mir so und bei meinen Söhnen auch –, dann kann man sie lebenslang erhalten. Diese Welt ist ja nicht unwirklich. Für das Kind ist sie wirklich. Und wer sind wir, um unsere Wirklichkeit als Wahrheit zu sehen? Wir berauben uns einer erweiterten Betrachtung, wenn wir sie den Kindern nehmen.

Haben es Kinder mit ausgesprochener Fantasiewelt später schwerer oder leichter?

Wecker: Für mich war es leichter. Meine Eltern haben mich unterstützt. Ich wollte auch immer offen sein, spreche und singe immer sehr offen über meine Gefühle – was viele Kollegen und Freunde nicht verstehen können. Aber ich habe und hatte nie Angst vor der Verwundbarkeit.

Aber Sie sind nach wie vor ein Revoluzzer?

Wecker: Natürlich. Das Unrecht ist ja nicht weg, es gibt mehr Kriege denn je, und dann die Schere zwischen Arm und Reich: Ein Prozent der Menschen besitzt so viel Vermögen wie die restlichen 99 Prozent! Da hilft nur noch eine Revolution. Darum habe ich mir bei meinem Lied Revolution mit Cynthia Nickschas eine 25-jährige Sängerin mit ins Boot geholt. Die Enkel-Generation. Nur als alter Sack zur Revolution aufzurufen, ist ein bisserl zu wenig.

Haben Sie – das war in Ihrer Jugend ja extrem angesagt und ist es heute wieder – ein Tattoo?

Wecker: Nein. Ich habe das immer verweigert, allein schon aus ästhetischen Gründen.

Sehen Fußballprofis anders. Glauben Sie, es gibt einen Kicker ohne Tattoo – außer vielleicht Philipp Lahm?

Wecker: Philipp Lahm, ja. Ansonsten glaube ich, dass ein Tattoo vertraglich vereinbart ist. Als ich mit 19 das erste Mal in Stadelheim saß, war die Versuchung allerdings nicht klein. Jeder hatte ein Tattoo. Ich erinnere mich, dass sie einem Knasti versprochen hatten, einen tollen Adler über den Rücken zu tätowieren. Und heraus kam nur eine wüste Schmiererei. Das hat mich endgültig vom Projekt Tattoo abgebracht.

Konnten Sie im Knast kreativ sein oder hat die Muse Ruhe und man funktioniert nur?

Wecker: Ich konnte sehr kreativ sein. Ich habe damals in den vier Monaten versucht, den Knast als eine Art Kloster zu sehen. Ich erinnere mich, wie mein Vater mich besuchte und sagte: „Zwischen einem Künstler und einem Verbrecher ist nur ein schmaler Grat. Wie es aussieht, taugst du nicht zum Verbrecher.“ Ich glaube, dieser unglaublich tolerante Satz meines Vaters hat meinen Berufsweg entscheidend geprägt. Wer weiß schon, was aus mir geworden wäre?

Interview: Matthias Bieber

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