tz -Interview mit Wolfgang Rademann zum 80.

Traumschiff-Produzent: "Ick bin ein Auslaufmodell"

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Wolfgang Rademann mit ­Lebensgefährtin Ruth Maria Kubitschek.

München - Er hat die ­beliebtesten Serien im deutschen Fernsehen erfunden und Zeiten erlebt, in denen 27 Millionen Zuschauer seine Straßenfeger einschalteten. Am kommenden Montag wird Schwarzwaldklinik-Chef und Traumschiff-Produzent Wolfgang Rademann 80 Jahre alt.

Ermüdungserscheinungen kennt der ­Berliner keine. Auf der Suche nach neuen Dreh­orten fliegt er um die ganze Welt, trifft Autoren, Schauspieler und schreibt jede Besetzungs­liste selbst. Anlässlich seines Geburtstages wiederholt das ZDF heute die Traumschiff-Episode: Emirate von 2009. tz-­Redakteurin Astrid Kistner traf Tausendsassa Rademann zum ­Interview.

Herr Rademann, zu Ihrem 80. Geburtstag droht das „Traumschiff“ zu sinken. Die MS Deutschland hat Insolvenz angemeldet. Bereitet Ihnen das schlaflose Nächte?

Wolfgang Rademann: Die Geschichte mit der MS Deutschland ist schon sehr verwirrend. Da gab es bereits in der Vergangenheit viele Aufs und Abs. Jetzt ist der Kahn pleite und versucht, seine Gläubiger loszuwerden. Keine Ahnung, ob das klappt. Unser Plan B wäre ein neuer Dampfer. Ick habe schon auf vier Schiffen gedreht, da werde ich auch noch das fünfte überleben.

In 33 Jahren waren Sie auf nahezu jeder Tour mit dabei. Warum?

Wolfgang Rademann: Na, eigentlich habe ich das Schiff doch für mich erfunden. Im Interview hab ich mal gesagt: Kinder, ick muss Das Traumschiff drehen, ick habe keinen Wintermantel! Mir macht es einfach einen Mordsspaß, an Bord zu gehen und die Welt zu sehen.

Klingt vergnüglich. Wer Sie kennt, weiß aber auch, dass Sie auf dem Schiff ordentlich die Strippen ziehen …

Wolfgang Rademann: Sagen wir mal so: Ich bin der Vater im Hintergrund. Der Aufpasser, der die Meute zusammenhält. Entertainer, Fremdenführer, Kümmerer – alles in einem. Das ist ganz wichtig, weil die Leute ja nicht Abends nach Hause fahren. Uffm Schiff sind Schauspieler und Team rund um die Uhr zusammen, da entstehen schnell Reibereien.

Die Sie wie lösen?

Wolfgang Rademann: Das fängt schon im Vorfeld an. Ich hab die ganzen 33 Jahre schwer darauf geachtet, dass mir keine Arschlöcher an Bord kommen. So mancher gute Schauspieler wurde nicht engagiert, weil ich wusste, dass er ein Stinker ist. So was kann ich auf dem Schiff nicht gebrauchen. Mecker- und Suffköppe bringen dir den ganzen Laden durcheinander.

Wann haben Sie zuletzt zu tief ins Glas geschaut?

Wolfgang Rademann: Das liegt lange zurück. Ich war einmal in meinem Leben betrunken, da war ich 16, und seitdem nie wieder. Damals im Osten wollten mein Freund und ich an Silvester wissen, wie es sich anfühlt, betrunken zu sein. Also haben wir Bier mit Cognac gemixt und waren schnell blau. Als mich meine Mutter am nächsten Morgen in der Badewanne geweckt hat, hab ich mich so geschämt, dass ich mich nie wieder in meinem Leben betrunken hab.

Schafft man es nur mit ­Disziplin, mit 80 noch so jung zu sein?

Wolfgang Rademann: Ach, ick globe, ick bin einfach so gebaut. Ich tanze immer noch auf so vielen Hochzeiten – das hält mich frisch. Vor Kurzem war ich erst für zwei Tage in Macao und danach drei Tage in Montenegro auf der ­Suche nach neuen Drehorten. ­Komischerweise geht’s mir ­heute besser als früher, weil ich keinen Jetlag mehr habe. Mein Körper hat vor ein paar Jahren aufgegeben, mir Schwierigkeiten zu machen, weil er sagt, der Idiot kümmert sich sowieso nicht drum.

Ihre Lebensgefährtin Ruth Maria Kubitschek hat sich ­gerade ganz offiziell vom Bildschirm verabschiedet …

Wolfgang Rademann: Ein bisschen doof, wa. Ich kann verstehen, dass es nervt, bei den wenigen Altersrollen, die es im Fernsehen gibt, am Telefon zu sitzen und zu warten. Aber ick hätte das nicht so laut rausgepustet. Vielleicht wäre ja doch noch ’ne nette ­Rolle dringewesen.

Ein Leben ohne Arbeit ist für Sie also nicht vorstellbar?

Wolfgang Rademann: Für mich undenkbar. Ich bin kein Urlaubsmensch und mittlerweile fast der Dienstälteste im Fernsehen. Wie 80 fühle ich mich sowieso nicht. Ich bin ein Auslaufmodell, das beim Sender eine gewisse ­Narrenfreiheit genießt. Und dit is janz prima.

Sie sind am Mittwoch zu Gast bei Markus Lanz im ZDF – hatten Sie keine Lust auf eine große Gala?

Wolfgang Rademann: Da hab ich gleich abgewunken. Ich glaube, dass der 80. Geburtstag der letzte ist, der irgendwie im Fernsehen stattfinden wird. Wird ja auch immer schwieriger, Gäste zu finden. Wenn ich denke, wer bei meiner Geburtstagsgala zum 70. noch dabei war: Peter Alexander, Johannes Heesters. Wenn ich gesund bleibe, sitze ich mit 90 alleine da. Dat macht ja och keenen Spaß.

Sie sind in Berlin, Ihre Lebensgefährtin Ruth Maria Kubitschek lebt am Bodensee. Haben Sie ein Konzept für die Zukunft?

Wolfgang Rademann: Nein. Ich hab in meinem langen Leben einfach zu viele Menschen kennengelernt, die das hatten, und am Ende kam alles anders. Du bist von deinem Schicksal abhängig. Ich erinnere mich an Alexander Held, der mit seiner Frau bei mir auf dem Schiff war – und jetzt ist sie tot. Peng, solche Dinge lassen mich zu der Erkenntnis kommen: Planung ist Quatsch. Hinterherweinen hat keinen Sinn und vorausplanen auch nicht – weil es kommt ja doch anders als man denkt.

Aber eine Patientenverfügung haben Sie schon, oder?

Wolfgang Rademann: Klar, habe ich ’ne Patientenverfügung, auch wenn ich nicht besonders davon überzeugt bin.

Warum?

Wolfgang Rademann: Du verfügst, ich will nicht an den Schläuchen hängen, und wenn’s dann so weit ist, sagen die Ärzte, dass irgendein Passus falsch ausgefüllt ist. Bei meinen Recherchen für meine ZDF-Serie Engel der Gerechtigkeit, in der es um Ärztepfusch geht, hatte ich zum Teil erschreckende Begegnungen mit der Realität.

Wie lautet Wolfgang Rademanns Einschätzung in Sachen Fernsehzukunft?

Wolfgang Rademann: Alles hat seine Zeit. So wie die große Musikshow nie wieder kommen wird, ist auch die Ära Wetten, dass ..? vorbei. Und auch Das Traumschiff, wird sich eines Tages überholt haben. Und wenn ich mal nen Satz über die Quoten sagen darf: Bei fünf Millionen sind die Senderverantwortlichen heute schon glücklich, bei sechs Millionen vergießen sie Freudentränen. Ja Menschenskinder, bleibt mal uffm Teppich. Bei 80 Millionen Einwohnern heißt das doch, dass 74 Millionen nicht geguckt haben. Trotzdem schwimmt die TV-Branche in ihrer eigenen Brühe und klammert sich an Marktanteile, ohne zu sehen: Die großen Fernsehzeiten sind vorbei.

„Das Traumschiff“, Diesntag, 20.15 Uhr, ZDF

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