Fast 20 Jahre war kaum von ihm zu hören

tz-Interview: Wo waren Sie so lange, Stefan Waggershausen?

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Stefan Waggershausen, hier auf einem Foto aus dem Jahr 2010, meldet sich zurück.

München - Fast 20 Jahre arbeitete der Sänger und Komponist Stefan Waggershausen im Untergrund – jetzt spricht er mit der tz.

Die 80er Jahre. Vokuhila, neongrelle Klamotten und Spitzenhandschuhe. Zauberwürfel. Die ersten Commodore-Computer erobern das Heim, und aus dem Radio röhrt Stefan Waggershausen (66): Verzeihn Sie, Madame... doch Sie treffen mein Herz. Oder:

Auch in den 90ern lag uns Waggerhausen immer im Ohr. Doch dann war plötzlich Schluss – mit seiner Live-Präsenz, mit Interviews in Funk und Fernsehen, und irgendwann war er auch im Äther rar. Wobei – seine Hits, wie Das erste Mal tat’s noch weh... sind nie ganz verschwunden. Die sexy raue Stimme, die Songtexte, die ganze Geschichten erzählen und die Melodien, die sich so schön ins Ohr bohren: Hallo Engel – musst Du wirklich schon gehen?

Ein größeres musikalisches Lebenszeichen gab es aber wieder vor fünf Jahren – ein neues Album mit alten Weggefährten wie Alice und Nena: So ist das Spiel. Und jetzt gibt es eine neue Single: Windstärke 10. Aber keinen Auftritt. Nur im Internet präsentiert sich Stefan Waggershausen und gibt Auskunft – über seine Liebe zu Gitarren, zur Gibson, seine Lust am Songwriting, die er schon mit 17 endeckt hat, sein Selbstverständnis als „Musik-Regisseur“. Waggershausen schreibt und komponiert inzwischen hauptsächlich für andere.

Doch ganz unsichtbar ist der Friedrichshafener trotzdem nicht – Waggershausen engagiert sich zum Beispiel bei der GEMA für die Rechte der Musikautoren. Und da kann man ihn auch mal treffen – am Rande – in München. Wobei – man muss ihn schon überreden: Interviews gibt er schon lange keine mehr – PR-Maschinerien sind seine Sache nicht. Das letzte ist mindestens 15 Jahre her. Okay – für tz-Kolumnistin ­Ulrike Schmidt gibt’s jetzt mal eine Ausnahme...

Verzeihen Sie ,Monsieur, wo waren Sie denn all die Jahre?

Stefan Waggershausen: Ach, ich hab viel gemacht! 1997 habe ich mich entschlossen, mich zurückzuziehen – nur noch für andere zu schreiben. Ich hatte aber fast 20 tolle Jahre seither – viel fürs Fernsehen gearbeitet, Kinderserien, aktuell auch dieses Otto-Waalkes-Ice Age-Projekt und eben für andere Interpreten Songs geschrieben, wie Daliah Lavi. Vielleicht liegt es an meinem früheren Beruf als Psychologe, dass ich mich so ein bisschen in andere hineindenken kann... Ich mag das.

Was ist das jetzt für ein Gefühl, wenn Sie sich zufällig im Autoradio hören...?

Waggershausen: Ich freu mich immer. Und auch wenn das Radio leise gestellt ist, vom Groove her erkenn ich meine Sachen ganz schnell. Doch dafür eine allzu große Euphorie an den Tag zu legen, dafür mach ich den Job dann schon zu lange. Ich hatte das große Glück, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte. In den 70er Jahren, als ich studiert hab, habe ich eine kleine Band gehabt und mein Geld hinterm Tresen verdient. Natürlich wünscht sich jeder Erfolg, aber die wirtschaftliche Seite, das Geld, war nie meine Triebfeder. So lang ich Lust hab, werde ich das weiter machen, und solange es Leute gibt, die das mögen, werde ich es den Leuten zu Gehör bringen.

Aber berühmt sein wollen Sie nicht mehr...?

Waggershausen: Mir macht das mehr Spaß, die Songs zu erfinden und zu schreiben, wenn andere sie performen. Für mich selber zu schreiben und sie auf die Bühne zu bringen, ist ’ne sekundäre Sache. Ich bin nicht der geborene Promotor, der versucht, Sachen zu verkaufen, das sollen andere machen. Ich bin eher der introvertierte alte Wolf aus dem Hintergrund, der gern schreibt, aber nicht unbedingt nach vorne drängt.

Fühlen Sie sich denn gar nicht mehr wohl auf der Bühne?

Waggershausen: Ich hab ja seit 20 Jahren nichts mehr gemacht. Damals war es schon schön, aber das jetzt aufzudröseln und zu überlegen, warum ich das nicht mehr gemacht hab ... Da hatte sich die alte Band aufgelöst und mit dem Fernsehen und Schreiben für andere hatte ich ja Erfolg. Vielleicht war das der größte Fehler meines Lebens, dass ich aufgehört habe, live zu spielen. Aber Ende der 90er Jahre hat sich auch das Musikbusiness verändert, zwangsläufig auch die ganze Kultur, im Umgang zwischen Medien, Musikindustrie und Artisten. Da hab ich aufgehört, mich in diesem Rattenrad aktiv zu drehen – ich brauchte das nicht.

Vermissen Sie’s heute?

Waggershausen: Ich vermisse es nicht, aber ich kann mich gut daran erinnern. Und ich könnte mir das Live-Spielen auch wieder vorstellen. Andererseits bin ich ja auch nicht mehr 30 oder 40 – und ich müsste dann auch in der mir zeitgemäßen Art performen. Ich würde dann sicherlich eher in so eine Richtung von Mark Knopfler oder Leonard Cohen gehen.

Gibt es denn Hoffnung auf ein neues Waggershausen-Album?

Waggershausen: Ja – ich bin sogar grad wieder dabei, Sachen für mich zu schreiben, ich hab den größten Teil schon fertig, muss es aber noch produzieren. Es wird wohl Anfang des nächsten Jahres herauskommen. Ich mach mir keinen Druck mehr, und ich mach nur noch Sachen, die für mich cool sind, und reif, dass die Leute sie hören wollen.

Wird es dann mit dem neuen Album nicht doch noch einmal ein Live-Konzert geben?

Waggershausen: Die letzten habe ich vor 25 Jahren gegeben. Das wär völlig vermessen zu sagen, da mach ich jetzt einfach weiter. Wenn ich Lust habe, mach ich ein paar heimliche Unplugged-Konzerte irgendwo mit zwei, drei Leuten – das habe ich zwischendurch immer mal gemacht – ohne Ansage. Doch auf Tour zu gehen, da ist nichts geplant. Mal schauen.

Wie kam es denn, dass Sie sich selbst wieder entdeckt haben – als Singer/Songwriter?

Waggershausen: Ich habe aus Lust 2009 wieder angefangen. Das Demo-Band hatte ich im Auto liegenlassen – und als sich mein Sohn den Wagen ausgeliehen und sich zufällig die Lieder angehört hatte, sagte er zu mir: „Was is’n das für ein tolles Zeug? Das kannst du doch nicht einfach so liegen lassen.“ Daraufhin hab ich das Album So ist das Spiel fertig gemacht. Es ist für mich eines der schönsten Alben überhaupt. Da merkst du, der Mann ist zwar ein bissl älter geworden, schreibt aber trotzdem noch über sich zeitgemäße Lieder. Ich bin froh, dass ich nie darauf angewiesen war, dass andere mir Lieder schreiben. Nur auf die PR-Maschine hatte ich keine Lust, deshalb haben es halt nicht alle mitgekriegt...

Und sonst reden Sie nachts mit Ihrer Gibson aus Louisiana, wie ich Ihrer Homepage entnehmen konnte...

Waggershausen: Die Gibson hab ich gerade aus ihrer Gitarren-Wohngemeinschaft in einem Schrank herausgeholt, hat jetzt gerade neue Saiten gekriegt – da ist sie ganz glücklich darüber. Da spiel ich jetzt wieder öfter. Aber ich hab auch eine sehr lustige, neue Gitarre – einen südafrikanischen Ölkanister mit Saiten. Das ist meine Öl-Gitarre, und mit der komponier ich im Moment sehr viel. Und die ist auch sehr glücklich, weil sie neben der Gibson wohnen darf ...

Was brauchen Sie zum Komponieren – neben der Öl-Gitarre?

Waggershausen: Wenn ich im Produktionsstatus bin, arbeite ich richtig intensiv wie ein Musikhandwerker – zielbewusst. Wenn ich aber lange nichts mehr gemacht habe und anfange, dann ist das wie die natürliche Scheu des Jägers vor dem Wild. Die Kreise ziehen sich immer enger, es dauert dann, bis ich die Gitarre anfasse ...Und wenn ich Lust und eine Story im Kopf hab, dann erzähl ich diese Geschichte – ich bin ein musikalischer Geschichtenerzähler.

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