Ein Rückblick auf seine Hits

Udo Jürgens: Bei "Aber bitte mit Sahne" hatte er Bedenken

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Udo Jürgens.

München - So viele Lieder, so viele Geschichten. Wer in der musikalischen Schatzkiste kramt, die uns Udo Jürgens hinterlassen hat, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus …

Weil ein Techtelmechtel eines 31-Jährigen mit einer 17-Jährigen in Italien als unschicklich gilt, musste die berühmte Blondine sogar ein Jahr älter werden. 1965 stürmt Udo mit Diciotto anni, ­capelli biondi („18 Jahr, blondes Haar“) die Hitparaden zwischen Florenz und Neapel. Ein Jahr später soll er mit „Merci, Madame“ beim Grand Prix in Luxemburg ganz Europa erobern – gut, dass Udo rechtzeitig draufkommt, dass Merci, Chérie noch viel schöner klingt und sich sogar reimt. Und einer seiner größten Hits hätte beinahe „Sonja, wach auf“ geheißen – bis Texter Michael Kunze auf die geniale Idee mit dem Griechischen Wein kommt. Die tz erzählt die Geschichten rund um Udos größte Hits. Seine eigenen Lieblingssongs sind übrigens nicht dabei. Der Superstar war zeitlebens besonders stolz auf Warum nur, warum und Was ich dir sagen will.

Jenny (1961): Udos erster kleiner Chart-Erfolg – sechs Jahre nach dem obskuren Seemanns-Schlager Hejo, hejo, Gin und Rum mit einer Gruppe namens „Die Octavios“, an den er sich später nur mehr ungern erinnern lässt. Bei Jenny textet Udo noch selbst („Jenny, oh Jenny, bin ferne von dir“), merkt aber, dass er andere Talente hat. Für die Aufnahme ist wenig Geld da, die Plattenfirma bewilligt nur eine Orgel und eine Geige. Das Lied klingt kümmerlich, bis Udo entdeckt, dass der Hall auf der Studiot­oilette fantastisch ist. Dort verwandelt sich die Schmalspur-Besetzung in ein ganzes Orchester – und so wird sein erster Hit auf dem Klo aufgenommen. Später singt Lale Andersen eine Damen-Version namens Jonny. Der Song bringt ihm Glück und wird zum Taufpaten für Udos Kinder aus der Ehe mit Panja.

Reach For The Stars (1961): Udos erster Welthit, den er als junger Komponist für Shirley Bassey schreibt, ist zugleich die Geschichte seiner größten Demütigung. Onkel Erwin Bockelmann, als Chef der Mineralölfirma BP einer von Deutschlands wichtigsten In­dus­triemagnaten, will seinen eher erfolglosen Neffen nicht bei einer pompösen Feier in Hamburg dabeihaben, schickt ihn mit 20 Mark Taschengeld davon: „Das würde dich nur langweilen.“ Der deprimierte Jung-Sänger stürzt in einer Reeperbahn-Kneipe ab – und hört dort im Radio zum ersten Mal Shirley Bassey mit „seinem“ Lied, das ­Ralph Maria Siegel (der Vater vom heutigen Siegel) nach Amerika verkauft hat. Udo: „Der schönste Abend meines Lebens.“

Fortsetzung acht Jahre später: Bei einem Konzert in Hamburg erfindet er die Nummer mit dem weißen Bademantel. Eine Viertelstunde, nachdem er die Bühne verlassen hat, toben die Fans noch immer. Udo muss noch mal raus, hat aber keinen frischen Anzug mehr parat. Egal, dann eben im Bademantel. Danach steht plötzlich Onkel Erwin in der Garderobe – und entschuldigt sich für die Schmach von 1961: „Kannst du mir verzeihen?“ Udo: „Da haben wir beide geheult und uns umarmt.“

Siebzehn Jahr, blondes Haar (1965): Lange bevor ihn Deutschland entdeckt, liegt Italien Udo Jürgens zu Füßen. „Il Jurgens“ räumt beim Festival von San Remo ab. Siebzehn Jahr, blondes Haar ist sogar im Original ein Riesenhit in Italien, wird dort im Schulunterricht zum Deutschlernen verwendet – doch die italienische Version mit der 18-Jährigen verkauft sich doppelt so oft. Udos erste uneheliche Tochter Sonja ist überzeugt, dass mit der Blondine ihre Mutter gemeint war, die den Star mit ihrem Brigitte-Bardot-Schmollmund um den Finger wickelt – während Panja mit Söhnchen Johnny zu Hause sitzt.

Merci, Chérie (1966): 1964 und 1965 singt Udo beim Grand Prix, zweimal verpasst er den Sieg. Auf eine dritte Niederlage hat er keine Lust, will aber zumindest Österreichs Lied für Luxemburg ­schrei­ben. Mit Texter Tommy Hörbiger brütet er einen Kracher aus: „Man müsste irgendwas finden, was man überall in Europa versteht. So was wie Goodbye, Arrivederci oder Amore.“ Hörbiger hat den glorreichen Einfall: „Merci vielleicht?“ Das war’s! Udo ist begeistert, sucht aber noch das passende zweite Wort. „Madame? Nein, zu altmodisch.“ Dann fällt ihm Merci, Chérie ein. Der ORF und Manager Beierlein überreden ihn, noch einmal anzutreten: „Mit dem Lied kannst du gar nicht verlieren.“ Das sieht die Bildzeitung anders und titelt: „Udo Jürgens – ohne Chance!“ Beierlein lässt alle Bildzeitungen in Luxemburg aufkaufen, damit Nerverl Udo die Geschichte nicht sieht. Und sie sperren sein Hoteltelefon. Udo singt, siegt und bedankt sich beim zweiten Auftritt mit Merci, Jury. Er wird zum Teenie-Star aufgebaut, obwohl er schon 32 ist. „Eigentlich war ich für alles, was ich gemacht habe, immer ein paar Jahre zu alt.“

Griechischer Wein (1974): Nach Merci, Chérie hat Udo viele Hits, von Immer wieder geht die Sonne auf bis Anuschka – aber der ganz große Kracher ist nicht dabei. Er ist jetzt 40, denkt mal wieder ans Aufhören. Doch dann purzeln ihm seine größten Hits aus dem Klavier. Griechischer Wein mit seinem schrägen 5/4-Takt komponiert er 1972 nach einem Rhodos-Urlaub innerhalb von 20 Minuten: „Ich wusste sofort, das wird ein Knaller.“ Aber zwei Jahre lang fehlt der passende Text. Udos Vorgabe: Bloß nichts mit „Piräus“ oder „Blaues Meer“. „Sonja, wach auf“ begeistert auch keinen – bis Michael Kunze die großartige Idee mit den griechischen Gastarbeitern im Ruhrgebiet hat. Udos einzige (!) Nummer eins in Deutschland ist bis heute ein Welthit und wird in Frankreich in Sportstadien gesungen. Dort ist es als Pena ­Baiona die Hymne des berühmten baskischen Rugbyvereins Aviron Bayonnais.

Ein ehrenwertes Haus (1975): Udo, so sozialkritisch wie nie. Moderne Gesellschaft kontra Spießer-Heuchelei, „weil wir als Paar zusammen leben und noch immer ohne Trauschein sind“. Es wird eines der umstrittensten Lieder von Udo Jürgens, dem viele den Protestsänger nicht recht abnehmen wollen. In seiner Biografie Der Mann mit dem Fagott schreibt er: „Den Rechten war ich zu links, den Linken nicht links genug und sowieso unglaubwürdig, weil ich selbst gern gut lebte und auch kein ‚Protestsänger‘ oder ‚Revolutionär‘ war oder sein wollte. Kritik im Smoking, Kritik von einem, der nach außen hin ein schillerndes Leben führte – das verstörte und machte mich angreifbar.“

Aber bitte mit Sahne (1976): Wieder ein Mega-Hit, den er an seinem Blüth­ner-Flügel komponiert, den Udo statt einer Gage für seine Konzerte in der DDR bekommt. Mit Ost-Mark kann er nichts anfangen, so nimmt er das wertvolle Instrument aus dem VEB Blüthner Pianos mit heim nach Zürich. So richtig liebt er das Lied nie: „Vier Damen nacheinander an einem Tisch sterben zu lassen, weil sie sich überfressen haben?“ Udo weiß nicht recht, ob seine weiblichen Fans den Text mögen werden – doch sie lieben ihn. Für die Schluss­strophe über die verblichene Liliane („Dass der Herrgott den Weg in den Himmel ihr bahne, aber bitte mit Sahne“) wirft man Udo in Bayern Gotteslästerung vor, das Lied läuft hier kaum im Radio.

Buenos dias, Argentina (1978): Mit einer Million Platten Udos bestverkaufte Single – aber trotzdem kein Ruhmesblatt in seiner Karriere. In Argentinien unterdrückt Südamerikas blutigste Militär­junta mit ihren Folterknechten das Land, und Udo besingt mit der Fußball-Nationalmannschaft süßlichen Pampas-Kitsch. Doch Bundestrainer Helmut Schön liebt den Song. Und so wird er Deutschlands offizielles WM-Lied. Udo blickt zurück: „Das heiße Eisen Politik konnten wir nicht anfassen. Wir waren dort zu Gast, da darf man nicht provozieren, vor allem, wenn dann auch noch die Spieler singen.“ Dafür kassiert er viel Kritik. Erst Ösi-Bomber Hans Krankl stoppt mit der Schmach von Cordoba den Charterfolg. Udo wird fast narrisch: „Die Platte wäre eigentlich auf zwei Millionen gegangen, wenn Deutschland nicht gegen mein kleines Österreich ausgeschieden wäre. Noch nie in meinem Leben habe ich mich so über mein eigenes Land geärgert.“

Jörg Heinrich

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