Was jetzt auf den Ex-Radprofi zukommt

Ullrich im Entzug - Bernd Thränhardt berichtet aus eigener Erfahrung wie die Therapie abläuft

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Bernd Thränhardt (links) mit Bruder Carlo.

Wodka, Cognac, Koks, Valium – jeden Tag und in rauen Mengen: Bernd Thränhardt (60) war 2001 in derselben Situation wie Jan Ullrich (44).

Mittlerweile hat der 60-Jährige seit 16 Jahren keinen Tropfen Alkohol zu sich genommen. Seit zehn Jahren gibt der Bruder von Hochsprunglegende Carlo (61) seine Erfahrungen als Suchtberater weiter. Vier Jahre gab Thränhardt zudem Seminare in der Betty-Ford-Klinik in Bad Brückenau – wo auch Ullrich sein Leben wieder auf die Reihe kriegen soll. Das tz-Interview.

Herr Thränhardt, wie kommt es zu solchen Exzessen?

Thränhardt: Das entwickelt sich oft über einen Zeitraum von zehn bis fünfzehn Jahren. Das Blöde ist: Wenn man den Genussbereich verlässt und über den Missbrauch bis zur Sucht abdriftet, gibt es auf dem Weg keine Ampel, die auf Rot steht und dich stoppt. Man sieht Warnzeichen, aber man verdrängt sie.

Warum hört niemand auf Freunde, die helfen wollen?

Thränhardt: Man empfindet ihre Ratschläge als Eingriff in die Autonomie. Außerdem entfalten die Drogen ihre Wirkung. Sie lösen Ängste und euphorisieren. Jeder kennt das im Kleinen: Wenn man auf einer Party zwei Bier trinkt, ist man lockerer.

Jeder kennt auch den Kater danach. Wie fällt der bei konsumierten Mengen wie denen von Ullrich aus?

Thränhardt: Es ist kein Kater mehr. Ohne Drogen funktioniert man nicht mehr. Bei mir haben die Nervenbahnen verrückt gespielt, es hat sich angefühlt, als würden sie aus der Haut springen. In der Sucht trifft man keine Entscheidungen mehr, da hast du keinen freien Willen mehr.

Ullrichs Freunde sagen: Das ist nicht mehr der Jan, den ich kenne.

Thränhardt: Die Sucht verändert die Persönlichkeit enorm. Man wird aggressiv, zerfließt in Selbstmitleid. Die Ausgeglichenheit fehlt, man befindet sich zwischen Euphorie und Depression, wie in einer Zick-Zack-Kurve. Irgendwann steckt man in einem psychotischen Zustand, die Wahrnehmung der Realität ist extrem gestört. Ich wusste teilweise nicht mehr, ob Dinge wirklich passiert sind.

Ullrich rechtfertigt sein Verhalten als Rock’n’Roll-Lifestyle. War das bei Ihnen ähnlich?

Thränhardt: Nein, aber man sucht eine Rechtfertigung für seinen Lebensstil, weil einem dämmert, dass irgendetwas falsch ist. Aber nur, weil sie viel trinken, werden sie nicht schreiben wie Hemingway.

Was passiert in der Klinik?

Thränhardt: Ich war bei meiner Ankunft geschockt: Andere Patienten haben mich gefragt, ob ich das erste Mal hier bin. Ich dachte: Klar, das erste und das letzte Mal. Heute weiß ich, einige Betroffene schaffen es bei 50 Versuchen nicht. Vier Wochen oder drei Monate reichen lange nicht aus. Ich bin über fünf Jahre zweimal die Woche zur Selbsthilfe gegangen und von Köln in die Eifel gezogen. Wenn man ins alte Umfeld zurückkehrt, ist die Chance auf Rückfälligkeit extrem hoch.

Sie kennen die ­Klinik gut. Wie ist das Konzept?

Thränhardt: Die Entwöhnung findet mithilfe von Entzugsmedikationen statt. Ein kalter Entzug würde bei der Menge Drogen nicht funktionieren, der Betroffene bekäme einen Krampfanfall oder würde im Delirium enden. Therapiefähig ist man erst, wenn man nüchtern ist, und da sprechen wir von einem Zeitraum von sechs Monaten. Bis dahin ist das Gehirn und die Seele noch zu angeschlagen. Danach kann man intensiver psychologisch arbeiten und sich mit der Biografie auseinandersetzen. Wer sauber werden will, muss sich komplett neu erfinden, eine neue Identität entwickelt. Menschen, die diese Wandlung in drei Wochen versprechen, sind Scharlatane.

Welche Rolle spielt die Familie?

Thränhardt: Man muss den Druck erhöhen, sich entfernen und klar Konsequenzen androhen, die man auch durchzieht, aber dabei die helfende Hand immer ausgestreckt halten. Dass Sara Ullrich mit den Kindern ausgezogen ist, war der einzig richtige Schritt. Selbst nach dem Entzug braucht das Umfeld extrem lange, wieder Vertrauen aufzubauen.

Jan Ullrich will den Entzug für seine Kinder durchziehen…

Thränhardt: Wenn dem so ist, wird es nicht funktionieren, er muss es für sich wollen. Alkohol- und Drogenabhängigkeit ist eine Krankheit, aber im Gegensatz zu Krebs bin ich nicht auf die Leistung der Ärzte angewiesen. Man kann es selbst schaffen, aber man muss den Arsch von der Wand kriegen.

Interview: M. Müller

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