25 Jahre danach

Der Mord an Walter Sedlmayr: Die tz auf Spurensuche

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Walter Sedlmayr: Die tz auf Spurensuche

München - Vor genau 25 Jahren wurde Walter Sedlmayr ermordet. Die tz interviewte den Mordermittler und den Rechtsmediziner und besuchte das Haus und das Grab des großen Münchner Volksschauspielers.

Sedlmayrs Leiche wird im Sarg abtransportiert.

Ein Sonntagabend in der Schwabinger Elisabethstraße: Privatsekretär Werner D. entdeckt die Leiche des großen Volksschauspielers Walter Sedlmayr († 64)! Mit seinem Notruf beginnt eines der spektakulärsten Kapitel der Münchner Kriminalgeschichte. Es ist nicht allein die grausame Bluttat, die die Öffentlichkeit in eine Schockstarre versetzt. Sedlmayr führte vielmehr ein Doppelleben. Das gestandene Mannsbild, der Parade-Bayer war homosexuell! „Er war ein Opfer der Intoleranz der damaligen Gesellschaft. Sedlmayr war ein einsamer Mann. Wäre er nicht zu diesem Doppelleben gezwungen gewesen, hätte er sich nie mit diesen Kriminellen eingelassen“, sagt der damalige Mordermittler Josef Wilfling (68).

Die tz traf sich mit ihm und dem legendären Rechtsmediziner Professor Wolfgang Eisenmenger (71) in Sedlmayrs Wirtschaft in der Westenriederstraße zum Interview.

Übrigens: Die beiden Mörder, die zu Lebenslang verurteilt worden sind, befinden sich mittlerweile wieder auf freiem Fuß und dürfen namentlich nicht mehr genannt werden.

„Heute wäre der Fall in 14 Tagen geklärt“

Wir sitzen hier am Stammtisch im Gasthaus „Zum Sedlmayr“. Dieser Ort hat eine große Bedeutung im Drama um den großen Volksschauspieler!

Josef Wilfling: Ja, das war der Ausgangspunkt. Hier hat das Zerwürfnis zwischen Sedlmayr und seinem Ziehsohn, einem der späteren Mörder, begonnen.

Wie haben Sie beide damals von dem Mord erfahren?

Der Franke Josef Wilfling (68) kam 1987 zur Mordkommission. 2002 wurde er Chef, löste 2005 auch den Mord an Modezar Rudolph Moshammer. 2009 ging Wilfling in Pension. Der Rechtsmediziner Prof. Wolfgang Eisenmenger (71) wechselte 1972 von Freiburg nach München, leitete von 1989 bis zur Pension 2009 das Institut für Rechtsmedizin. Heute ist er Chef der Ethikkommission an der LMU.

Wilfling: Ich hab’s im Radio gehört. Und es war sehr merkwürdig: Wenige Stunden vorher hatte ich mich nämlich mit einem Kollegen über die vielen Homo-Morde unterhalten, die es damals fast wöchentlich gab. Der meinte zu mir: ,Jetzt fehlt nur noch, dass der Sedlmayr umgebracht wird.’ Wir hatten intern ja alle von seiner Homosexualität gewusst. Am Abend kam die Nachricht – und dann begann die Hölle. Wobei ich gar nicht am Tatort war. Ich bin erst ein paar Tage später eingestiegen, als die Spuren verteilt wurden. Ich habe die Nummer 09 bekommen, dabei ging es um die Geschäftspartner. Dass die letztendlich zum Täter geführt hat, konnte am Anfang noch keiner ahnen.

Prof. Wolfgang Eisenmenger: Den ersten Zugriff der Rechtsmedizin hat ein Kollege gemacht, mich aber telefonisch verständigt. Bei spektakulären Fällen war das so vereinbart. Er sollte erst mal hinfahren und die ersten Untersuchungen machen, etwa zur Bestimmung des Todeszeitpunkts. Ich bin nachgekommen und habe Sedlmayr noch in der ursprünglichen Position gesehen. Er lag bäuchlings auf dem Bett, nackt, gefesselt mit Klebeband. Für uns ist es wichtig, Eindrücke am Tatort für die Sektion zu sammeln. Auffallend waren dabei die Blutspritzer-Straßen an der Wand hinter dem Bett. Es war erkennbar, dass stumpfe Gewalt gegen den Schädel eingewirkt hatte. Da hatte man schon mal eine grobe Vorstellung, wie das abgelaufen war.

Wilfling: Das war ein grausamer Tod, eine Hinrichtung. Der Hals war aufgeschnitten, ohne dass die Halsschlagader verletzt wurde. Sedlmayr hatte Stichverletzungen in beiden Nieren.

Eisenmenger: So gezielt, links und rechts. Ich kann mich nicht an einen vergleichbaren Fall erinnern.

Was haben diese vielen Verletzungen schon über den Mörder verraten?

Die Mordwaffen waren ein Hammer und ein Messer.

Wilfling: Da hatte sich tiefer Hass entladen. Sedlmayr wurde zu Tode gequält. Deshalb nahmen wir an, dass etwas aus ihm herausgepresst werden sollte. Ein wichtiges Obduktionsergebnis von Professor Eisenmenger war, dass seine Samenblase gefüllt war. Er hatte vor seinem Tod also keinen Sex! Und damit war die Theorie vom Stricher-Mord fast schon widerlegt. Jeder hatte am Anfang daran gedacht, schließlich war Sedlmayr 1983 auch schon mal überfallen worden. Wohl deshalb hatten die Mörder den Verdacht dahin gelenkt.

Was meinen Sie damit?

Der tz-Artikel vom 17.7.1990

Wilfling: Das war ein ganz raffinierter Tatort. Es waren Gegenstände drapiert, die uns Glauben machen sollten, dass da was Sexuelles stattgefunden hatte. Es lagen vier Präservative dort, eine Peitsche und Gleitcreme. Dabei hatten diese Dinge überhaupt nicht zu seinen Präferenzen gepasst. Wir haben über 50 Stricher vernommen, die bei Sedlmayr waren. Und die haben uns natürlich ein Bild gezeichnet über seine wirklichen Verhaltensweisen. Sedlmayr war seit diesem Überfall äußert ängstlich, die Stricher durften nur in Begleitung seines Ziehsohnes in die Wohnung. Der Sex lief dann fast ohne körperliche Berührungen ab. Von wegen Peitschen und Sado Maso. Das wurde später in Filmen völlig falsch dargestellt.

Eisenmenger: Es war überhaupt interessant zu beobachten, wie die Öffentlichkeit von dieser Geschichte überrascht wurde. Das erlebte eine Eigendynamik. Unfassbar!

Die tz berichtete damals wochenlang auf Seite 1 über den Mord…

Wilfling: Der Hype in den Medien war aber vor allem deshalb entstanden, weil niemand wusste, dass er homosexuell war. Das war ein Aufschrei, der durch Bayern ging. Er war eine Ikone, hat das bayerische Mannsbild verkörpert, machte Werbung für Bier. Und dann das!

Konnten Sie den Druck der Öffentlichkeit überhaupt ausblenden? Es dauerte schließlich fast ein ganzes Jahr bis zur Festnahme der beiden Mörder!

Wilfling: Muss man ja! Jeden Tag auf dem Weg zum Bus konnte ich an den Zeitungskästen lesen, was wir für Versager und Trottel sind.

Eisenmenger: Gott sei Dank haben die Täter Fehler gemacht. Sie verwendeten zwar viel Zeit darauf, Dinge zu drapieren. Aber den Hammer, die Tatwaffe, ließen sie zurück. Das hatte mich schon sehr gewundert.

Wilfling: Ja, ohne den wäre es schwierig geworden.

Warum hatte trotzdem so lange gedauert?

Wilfling: Das Problem war das Motiv. Wir mussten uns das Vertragswerk vornehmen, das Sedlmayr mit seinem Ziehsohn abgeschlossen hatte. Darin spielte diese Wirtschaft hier die entscheidende Rolle: Der Streit im Vorfeld kam ja zustande, weil Sedlmayr seinen Ziehsohn beschuldigt hatte, er würde heimlich Waren von hier zu dessen zweitem Lokal, dem Freisinger Hof, verschieben. Sedlmayr war stinksauer, wollte ihn enterben.

Die Gier als Mordmotiv?

Der Mordermittler und der Rechtsmediziner: 25 Jahre arbeiteten Josef Wilfling (Mitte) und Professor Wolfgang Eisenmenger (links) eng zusammen. Im Gespräch mit tz-Reporter Sebastian Arbinger erinnern sie sich an einen der spektakulärsten Fälle ihrer Laufbahn.

Wilfling: Sedlmayr und sein Ziehsohn schlossen einen Pachtvertrag für diese Wirtschaft hier ab – der war über eine Million wert! Allerdings hatte der Ziehsohn damals eine Verzichtserklärung auf alle Ansprüche unterschrieben für den Fall, dass sie sich wieder trennen. Dieses Papier hatte der Sedlmayr in seinem Tresor. Das musste weg. Uns gegenüber hatte der Ziehsohn dann argumentiert, dass er ohne Sedlmayr pleite sei. Aber das stimmte nicht! Der Vertrag war so aufgesetzt, dass beim Tod eines der beiden Partner Lokal samt Pachtvertrag auf den anderen übergehen sollten. Damit wäre er saniert gewesen.

Sie hatten ein Motiv, Alibis widerlegt, eindeutige Kleiderfasern am Tatort und den Hammer als Waffe – hatten Sie trotzdem Angst, dass es nicht für eine Verurteilung reicht?

Wilfing: Der Prozess war der Wahnsinn. Es war bis zuletzt völlig unklar, wie das Gericht entscheidet.

Den spektakulärsten Auftritt hatten Sie hingelegt, Herr Professor!

Eisenmenger: Sie spielen auf den Schädel an. Tatsächlich kommt es nicht häufig vor, dass die Staatsanwaltschaft den Auftrag erteilt, einen Schädel zu asservieren. Aber die Kripo wollte, dass die Frage des Tatwerkzeugs nochmal exakt mit wissenschaftlichen Methoden nachuntersucht wird. Übrigens: In der Berichterstattung war immer von nur Sedlmayrs Schädel die Rede – in Wahrheit handelte es sich er aber nur um die Schädeldecke.

… die Sie in Ihrer berühmten Tasche in den Gerichtssaal gebracht haben.

Eisenmenger: Ja, das war die große Frage: Wie befördere ich so was zu Gericht? In der Edeka-Schachtel geht’s schlecht, in der Plastiktüte ist es auch nicht gerade ein ethischer Höhepunkt. Und meine Tasche war ja groß genug – da hat das gut hineingepasst.

Würde es mit den heutigen Möglichkeiten der Kriminaltechnik auch ein Jahr dauern, bis die Mörder überführt werden?

Wilfling: Den Fall hätten wir innerhalb von 14 Tagen geklärt!

Eisenmenger: Es wurden Zigarettenkippen am Tatort gefunden. Aber damals steckte die DNA-Analyse noch in den Kinderschuhen. Wir schickten das Material sogar Scotland Yard, weil die damals auf dem neuesten Stand waren. Aber sie haben es auch nicht geschafft.

War der Sedlmayr-Mord der Fall Ihres Lebens?

Eisenmenger: Mich hat der Doppelmord des Polizisten Peter Roth fast noch mehr beeindruckt.

Wilfing: Der war heftig, das stimmt. Aber Sedlmayr war der größte und schwierigste Fall meines Lebens.

Er war ein Perfektionist

Rudi Färber (66, rechts) übernahm die Wirtschaft „Zum Sedlmayr“ vor 15 Jahren.

Touristen machen gelegentlich noch Fotos in der Westenriederstraße. Aber sonst sei der Mord kein Thema mehr: Rudi Färber (66) hat das Gasthaus „Zum Sedlmayr“ vor 15 Jahren als Pächter übernommen. „Ich kannte ihn vom Straubinger Hof, wo ich damals noch Wirt war. Meistens war er grantig und wollte, dass er das Essen umsonst bekommt. Aber das gab’s bei mir noch nie: Da müsste selbst ein Hollywood-Star seine Rechnung bezahlen.“

Über Sedlmayrs Launen berichteten ihm auch die Angestellten seines Gasthauses: „Jeden Tag kam er rein, hängte seinen Hut an die Garderobe, ging durch die Küche und probierte alles. Dann hockte er sich hin und hatte das ganze Lokal im Blick“, sagt Rudi Färber. Walter Sedlmayr sei auch als Wirt ein Perfektionist gewesen. Die Tischdecken, in dem Lokal, dem er seinen Namen gab, mussten immer sauber und akkurat sein.

Färber erinnert sich noch gut an den Tag des Mordes: „Ich habe kurze Zeit vorher noch einen Zeitungsartikel über ihn gelesen und dachte mir, dass da bestimmt bald was passiert.“

Hier wurde er ermordet

Vor dem Haus, in dem Walter Sedlmeyr gequält und ermordet wurde, tanzen am Sonntag bunte Luftballons im Wind. Sie sollen Besucher anlocken, eine Künstlerin im Haus lädt in ihr Atelier. Tag der offenen Tür im Mordhaus.

Drinnen ist es ruhig. Die 52 Stufen ächzen bei jedem Schritt. Im zweiten Stock sieht es aus wie damals. Dieselbe Lampe, derselbe Fußabstreifer, sogar die massive Holzbank steht noch da. Was fehlt, ist das Flatterband, die Fotografen, die Fernsehkameras.

tz-Reporter Tobias Scharnagl vor Sedlmayrs Wohnung in der Elisabethstraße.

Die Künstlerin aus dem Vierten hat die eine Frage oft gehört: Ob sie wisse, in was für einem Haus sie da lebt? „Ich weiß fast nichts über Sedlmayr. Haben die nicht seinen Hund erschossen?“ Ein Herr aus dem ersten Stock war am Wochenende des Mordes zuhause. „Gehört habe ich nichts.“ Trotzdem ließ ihn der Horror nicht los. Die Bewohner seien fortan nur „die aus dem Mordhaus“ gewesen. „Das hat uns zusammengeschweißt.“ Unheimlich war es dennoch im Haus.

In der Wohnung, in der Sedlmayr ermordet wurde, lebt heute ein Rechtsanwalt. Doch er bittet um Verständnis, dass er uns nicht reinlassen will.

Hier fand er seinen Frieden

Sedlmayrs Urne wurde im Familiengrab in Bogenhausen bestattet.

Der Grabhügel am Bogenhausener Friedhof liegt im Sonnenschein, Bienen summen um die bunten Eisbegonien, wilder Wein und Efeu bilden die Kulisse. Sedlmayr, der beliebte Volksschauspieler. Das schmiedeeiserne Kreuz liegt im Schatten, vom bemalten Blumenkranz aus Eisen blättert die Farbe ab. Auf dem verblassten Bild darunter lassen sich gerade eben noch zwei Details erkennen: Engelsflügel – und eine Sense.

Ein Ehepaar schlendert am Grab vorbei, bleibt andächtig stehen. Sie sagt: „Ah, der Sedlmayr. Das war eine Münchner Persönlichkeit. Ein ganz Großer!“ Ihr Gatte antwortet: „Schade, ja … Das Ende war etwas unrühmlich.“ Das Grab macht keinen verwahrlosten Eindruck, jemand kümmert sich darum. Es scheint eher so, als sei es über sehr lange Zeit in Würde gealtert. Ein Schicksal, das Walter Sedlmayr leider verwehrt blieb. Er wurde nur 64 Jahre alt.

Seine größten Rollen – unvergesslich

Mit der Serie Polizeiinspektion 1 schaffte Sedlmayr den Durchbruch als Schauspieler. Auch als Millionenbauer und bissiger Nockherberg-Redner liebten ihn seine Fans.

Sebastian Arbinger, Tobias Scharnagl

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