Fast 50 Jahre TV-Verbrecherjagd

500 Folgen Aktenzeichen XY ungelöst: Cerne erinnert sich

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Rudi Cerne moderiert im Moment die Sendung Aktenzeichen XY ungelöst.

München - Wenn die Polizei mit ihrem ­Latein am Ende ist, greifen sie ein: Seit fast 50 Jahren macht das Team von Aktenzeichen XY …ungelöst Jagd auf Verbrecher.

Und das mit größtem Erfolg. ­Nahezu jedes zweite Delikt wird nach der ZDF-Sendung aufgeklärt. Kein Wunder, denn durchschnittlich sitzen mehr als fünf Millionen potenzielle Zeugen vor dem Bildschirm. „Das bleibt hoffentlich so“, sagt Moderator Rudi Cerne, der am Mittwoch die 500. Folge von Aktenzeichen XY feiert und die Zuschauer wieder um Mithilfe bittet.

Am 20. Oktober 1967 war es Aktenzeichen-XY-Erfinder Eduard Zimmermann, der die enge Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei auf die Beine stellte und den deutschen Zuschauern das echte Grauen in die Wohnzimmer brachte. Das Erfolgskonzept mit der bundesweiten Öffentlichkeitsfahndung schlug ein.

Für den damals 9-jährigen Rudi Cerne eine Sendung, „die definitiv zu gruselig war“. „Meine Eltern wollten nicht, dass ich schlecht träume“, sagt Cerne. Heute ist der 57-Jährige stolz, dass so viele Verbrechen via Bildschirm geklärt werden konnten. So wie die vier Fälle ­unten, die auch unsere Zeitung beschäftigt haben. Danke!

Aktenzeichen XY ungelöst: Kinderschänder gesucht

Der Fall: Nachdem die Polizei 42 Videos eines einzelnen Kinderschänders 2009 im Netz sichergestellt hat, bittet sie die Bevölkerung um Mithilfe. Wer kann anhand einiger Details die Identität des Täters klären?

Die Auflösung: Keine 24 Stunden nach der Sendung kommt der Durchbruch: Der mit Hochdruck gesuchte ­Pädophile stellt sich den Behörden. Er hat zahlreiche Jungen im Alter zwischen fünf und sieben Jahren schwer missbraucht. Fündig wurde er im Sportverein, wo er als Übungsleiter in der Abteilung Turnen arbeitete. Im Rahmen der Fahndung waren zahlreiche wichtige Hinweise auf ihn eingegangen.

Aktenzeichen XY ungelöst: Das Opfer aus dem Netz

Der Fall: Wer kennt dieses Mädchen? Das BKA zeigt im Januar 2007 bei Aktenzeichen XY das Internetfoto eines Kindes, das mutmaßlich Opfer von sexuellem Missbrauch wurde, und fahndet nach ihm.

Die Auflösung: Schon einen Tag nach der Sendung kann das Mädchen identifiziert werden, das auf den gezeigten Bildern zu sehen war. Ein Zuschauer hatte den entscheidenden Hinweis gegeben. Wie sich herausstellte, hatte sich ein ­Pädophiler im Chatroom ihr Vertrauen erschlichen und die damals 11-Jährige dazu überredet, sich selbst zu fotografieren.

Aktenzeichen XY ungelöst: Die Schwangere von der Müllkippe

Der Fall: Nach 29 Jahren wird das mysteriöse Verschwinden der schwangeren Lolita Brieger in der Sendung noch einmal aufgerollt. Die 17-Jährige verschwand spurlos auf dem Weg zu ihrem Verlobten, mit dem es kriselte.

Die Auflösung: Nach der Sendung meldet sich ein Mann, der zugibt, Lolitas Verlobten 1982 bei der Beseitigung der Leiche geholfen zu haben. Die Polizei findet ihre sterblichen Überreste tatsächlich auf einer Müllkippe und nimmt den mittlerweile 50-jährigen Ex-Freund fest. Er kommt aber dennoch frei, weil die Straftat des Totschlags verjährt ist.

Aktenzeichen XY ungelöst: Die Folter-Eltern

Der Fall: Dieser Fall erschütterte die Redaktion: 2004 wurde die kleine ­Karolina gefoltert und auf einer Krankenhaustoilette bei Krumbach abgelegt, wo sie wenige Stunden später starb.

Die Auflösung: Mit Hilfe der Aktenzeichen-XY-Zuschauer konnten die Mutter der dreijährigen Karolina und ihr Lebensgefährte im italienischen Brindisi gefasst werden. Der Stiefvater räumte die zahlreichen Misshandlungen ein und wurde zu zehneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Die Mutter wurde wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt und erhielt ­eine Haftstrafe von fünf Jahren.

Aktenzeichen XY ungelöst: Er ist die Stimme hinter dem Grauen

Er hat die perfekte Märchenerzählerstimme: warm klingt sie, freundlich und tief. Doch die Geschichten, die Michael Brennicke seit 26 Jahren erzählt, sind knallharte Realität. Als Off-Sprecher leiht er seine Stimme den rekonstruierten Kriminalfällen in Aktenzeichen XY. Anfangs spielte der Münchner in den Einspielerfilmen noch mit: „Aber das war nicht so spaßig. Da kam es durchaus vor, dass dich die Leute im Supermarkt wiedererkannt und komisch angeguckt haben“, erinnert sich der 66-Jährige im tz-Gespräch.

Michael Brennicke.

Dass er nach 26 Jahren Mord, Überfall und Totschlag immer noch den richtigen Ton trifft, liegt vor allem daran, dass Brennicke die Fälle nicht zu sehr an sich heranlässt. „Natürlich weiß man, dass die Geschichten, die man erzählt, real sind. Aber wenn ich die professionelle Distanz verlieren würde, wäre das nicht gut für den Job.“ Und wenn ihn doch mal die Realität aufs Gemüt zu drücken droht, unternimmt ­Brennicke Ausflüge nach Hollywood – rein stimmlich, versteht sich. Ob Dustin Hoffman und Chevy Chase ahnen, dass sie in Deutschland wie der Erzähler von Aktenzeichen XY klingen?

Astrid Kistner

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