Albert rettete vielen Menschen das Leben

ARD-Dokudrama über den kleinen Bruder von Göring

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Albert Göring (Barnaby Metschurat, l.) und sein älterer Bruder und Menschenvernichter Hermann Göring (Francis Fulton-Smith)

München - Was kaum einer wusste: Hermann Göring hatte einen kleinen Bruder, der zahlreichen Menschen das Leben rettete. Am Sonntag zeigt die ARD ein Dokudrama über Albert, den guten Göring.

Zwei Brüder. Und zwei Leben, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Den älteren kennt jeder: Hermann Göring, einst Reichsfeldmarschall und der Mann hinter Adolf Hitler. Ein Menschenvernichter, ein Mörder. Seinen kleinen Bruder kennt fast keiner: Dabei rettete Albert im Dritten Reich zahlreichen Menschen das Leben. Die schier unglaubliche Geschichte des „guten Göring“ hat die ARD als Dokudrama verfilmt – produziert von Sandra Maischberger.

„Wieso haben wir ihn (also Albert) nicht gekannt?“, fragt Maischberger selbstkritisch in einem Vorwort zum Film. Sie und ihr Kollege Matthias Martens sind vor fast drei Jahren durch einen Artikel im Spiegel auf den „kleinen“ Göring aufmerksam geworden. Unter dem Titel Görings Liste hieß es da: „So ließe sich der ganze Wahnsinn dieser Zeit am Beispiel dieses Brüderpaars erzählen.“ In der Geschichte stecke „wunderbares Material“ für eine Doppelbiografie, schrieb der Autor. „Diese Zeilen waren der Anfang unseres Filmprojekts“, erinnert sich die Moderatorin. Es komme spät – 70 Jahre nach dem Ende der Nazidiktatur. „Und doch gerade zur rechten Zeit“, so Maischberger, „da wir mit einer neuen, jungen Generation über Nationalismus und Menschlichkeit wieder streiten wie lange schon nicht mehr“.

Der Film ist eine Mischung aus Spielszenen, Archivaufnahmen und Gesprächen mit Zeitzeugen beziehungsweise deren Nachfahren. Zu Wort kommen etwa Albert Görings Tochter Elisabeth und George Pilzer, dessen Vater sein Leben Albert Göring verdankt. Herzstück des 90-Minüters aber sind die Begegnungen der Brüder, dargestellt von Francis Fulton-Smith als Hermann und Barnaby Metschurat als Albert.

Schon rein körperlich könnten die Gegensätze größer nicht sein. Hermann, der wuchtige Mann, der Protz, der seinen (zusammengeraubten!) Reichtum schamlos zur Schau stellt. Und dann Albert, der zarte Jüngling, der Kulturliebhaber. Ein Kettenraucher, der das mondäne Leben schätzt. Anfang der 20er-Jahre leben die beiden in München. Doch bald trennen sich ihre Wege. Albert studiert zunächst Ingenieurswesen, verlässt Deutschland dann und sucht in Wien sein Glück als Filmproduzent. Hermann macht Karriere in der NSDAP.

Den Kontakt halten die beiden, wenn auch unregelmäßig und obwohl ihre politischen Ansichten weit auseinander liegen. Bei jedem Treffen kommt es zu Streitereien. „Er wollte mit der ganzen Sache nie etwas zu tun haben“, sagt Alberts Tochter Elisabeth im Film. Die Judenverachtung seines Bruders ist ihm zutiefst zuwider – und er widersetzt sich. Als Hitler in Wien einmarschiert, hilft Albert Juden bei der Emigration, später holt er einige aus dem KZ und besorgt Pässe, indem er einfach mit Göring unterschreibt. Mindestens 1000 Menschen hat Albert so gerettet – und dabei sein eigenes Leben oft aufs Spiel gesetzt.

Gewürdigt wurden diese Taten nie wirklich. Ganz im Gegenteil. Nach Kriegsende wird der Name Göring ihm zum Verhängnis. „Same name, same blood“ („Gleicher Name, gleiches Blut“) sagt ein US-Offizier zu ihm. Nach einer Zeit in Haft ist an ein „normales“ Leben nicht zu denken. 1966 stirbt Albert Göring in München, verarmt und vergessen.

Der gute Göring“, So., 21.45 Uhr, ARD

„Er hatte ein großes Herz“

Barnaby Metschurat spielt Albert Göring. Die tz sprach mit dem 41-jährigen Berliner.

Herr Metschurat, viele wissen nicht, dass es neben Hermann auch einen guten Göring gab. Wie ging es Ihnen?

Barnaby Metschurat: Ich war auch total überrascht. Ich wusste nicht einmal, dass Hermann Göring überhaupt Geschwister hatte. Und dass der Jüngste – erfreulicherweise – so anders war als sein Bruder, war mir tatsächlich neu. Es ist toll, dass seine Geschichte nun erzählt wird.

Sie meinen, gerade in dieser Zeit?

Metschurat: Ja, durchaus. Man muss doch immer wieder in Erinnerung rufen, dass es selbst in der Zeit des Dritten Reiches Menschen gab, die ihr Leben eingesetzt haben, um anderen zu helfen. Das darf nicht vergessen werden! Dabei war Albert Göring auch nicht nur ein Engel. Er war ein Lebemann, hatte viele Frauen, viele Kinder. Aber er hatte eben auch ein großes Herz und konnte es nicht mit­ansehen, wie Leute, ja, einfach draufgehen. Er hat das Richtige getan, und ich freue mich, dass ich diese Rolle spielen durfte. Ich habe übrigens noch nie so viel Text lernen müssen wie für diesen Film (lacht).

Wirklich?

Metschurat: Ja. Die Szenen, die Francis Fulton-Smith als Hermann und ich als Albert spielen, sind kammerspielartig inszeniert. Und wir reden unfassbar viel miteinander.

Wie würden Sie das Verhältnis der beiden Brüder ­beschreiben?

Metschurat: Das Interessante ist, dass sich diese beiden Brüder, obwohl sie so verschieden waren, immer wieder getroffen haben. Sie wollten den Kontakt zueinander halten. Auf eine Art sind sie nicht voneinander losgekommen. Albert brauchte Hermann, aber der hat ihn eben auch protegiert, hat ihm Arbeit verschafft, seine schützende Hand sogar einige ­Male über ihn gehalten. Das ist eine unangenehme Wahrheit, finde ich.

Inwiefern?

Metschurat: Weil es zeigt, dass Hermann Göring, der für mich ein krimineller, wahnsinniger Drogensüchtiger war, so etwas wie ein Bruderherz besaß. Das will man irgendwie nicht wissen. Aber so war es wohl. Da sieht man mal wieder, dass Geschwisterliebe eben doch eine ganz besondere ist.

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