Die Gefahr im Kinderzimmer

Ein München-Tatort, der berührt, schockiert und abstößt: Die Kritik und die Hintergründe

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Leuchtende Augen machen die Puppe im Film so unheimlich – die kleine Lena (Romy Seitz) liebt sie

Schlaues Spielzeug mit Internetanschluss - wie gefährlich kann das tatsächlich für die Kinder werden? Der Tatort vom Sonntag „Wir kriegen euch alle“ wirbelt Fragen auf, die nach einer Antwort verlangen.

München - Die „intelligente“ Puppe Senta aus dem München-Tatort von Sonntag Abend – sie wirkt wie ein gut erfundener Albtraum für Eltern. Doch solche sogenannten Smart Toys, also schlaues Spielzeug mit Internetanschluss, gibt es tatsächlich! Experten und ­Datenschützer warnen Eltern eindringlich davor, ihren Kindern solche brandgefährlichen Spione und Wanzen in Form von Puppen, Teddybären oder Robotern ins Zimmer zu stellen. Die Stiftung Warentest hat bereits 2017 derartiges Spielzeug untersucht und ist zu verheerenden Ergebnissen gekommen. Doch die Recherche unserer Zeitung hat ergeben: Sechs der sieben damals getesteten Spielzeug-Spione sind auch zu Weihnachten 2018 problemlos in Deutschland zu haben. Wir beantworten die wichtigsten ­Fragen.

Was macht das smarte Spielzeug so gefährlich?

Die Teddys oder Robos ­belauschen mit versteckten ­Mikrofonen die Gespräche der Kinder und schicken die Daten an die Hersteller weiter. Die Firmen lernen so die Wünsche der Kinder kennen – und ­versuchen, sie gleich zum nächsten Kauf zu ermuntern. Doch das ist beinahe noch das kleinste Problem.

Wie ein echter Freund fühlt sich die Smartpuppe für den kleinen Jonathan (Oskar Vogt) an

Viel schlimmer: Das smarte Spielzeug ist längst nicht so gut gegen Zugriffe Fremder abgesichert wie ein Handy oder ein Computer. Warentest warnt vor gefährlichen Sicherheitslücken: „Mitunter brauchen digitale Übeltäter weder Spezialausrüstung noch Hackerfähigkeiten oder physischen Zugriff auf Problembären und Trojanerteddys. Sie können einfach eine Bluetooth-Verbindung herstellen und mit den ­Kindern kommunizieren.“

Was kann passieren?

Beim Internet-Roboter i-Que hat der Hersteller beispielsweise die Funkverbindung zwischen Robo und Smartphone überhaupt nicht abgesichert. Per Bluetooth können Fremde mühelos Kontakt mit dem Roboter und damit mit dem Kind aufnehmen. Es genügt, maximal zehn Meter vom i-Que entfernt zu sein. Der „Liebe-Onkel-Trick“ funktioniert sogar durch Wände – oder beispielsweise, wenn jemand unerkannt vor dem Kinderzimmerfenster sitzt. Eine Horrorvision, wie sie auch Warentest beschreibt: Der Nachbar lockt das Kind über den Roboter in seine Wohnung. Etwa so: „Hallo Tim, soll ich dir ein Geheimnis verraten? Der Herr Maier nebenan hat total leckere Bonbons. Besuch ihn doch mal!“

Harmlos verpackt ist die Puppe Senta, die Gefahr ist nicht zu erkennen

Welche Smart Toys gibt es auf dem Markt?

Warentest hat sieben Produkte wie den „Toy-Fi Teddybär“, den Roboterhund „Wowwee Chip“, den „Fisher-Price Smart Toy Bear“ oder die „Hello Barbie“ von Mattel überprüft. Ergebnis: Drei Smart Toys sind als „sehr kritisch“ zu bewerten, vier als „kritisch“. Doch von den sieben Spielsachen sind sechs in Deutschland nach wie vor problemlos bei Ebay, Amazon oder anderen Händlern zu finden. Selbst die berüchtigte Neugier-Puppe „My Friend Cayla“, die die Bundesnetzagentur als „versteckte sendefähige Anlage“ verboten hat (und Eltern deren Vernichtung empfahl), ist bei Ebay weiterhin im Angebot.

Was sollten Eltern tun?

Kein Spielzeug, das möglichst billig sein soll, kann so gut abgesichert sein wie ein Smartphone von Spezialisten wie Apple oder Samsung. Deshalb rät Warentest ganz klar: „Ein nicht internetfähiger, ‚dummer‘ Teddy bleibt wohl auch in Zukunft die schlauere Wahl.“ Gutes Spielzeug braucht keinen Online-Anschluss.

Jörg Heinrich

Und so war der 80. Fall von Batic & Leitmayr

Es ist eine Szene, die kaum zu ertragen ist – obwohl man nichts sieht, sondern „nur“ mithört. Kommissar Leitmayr (richtig stark: Udo Wachtveitl) sitzt in einem Polizeibulli vor einer Wohnung. Es gibt Anzeichen, dass dort ein Kind von seinem Vater sexuell missbraucht wird. Tatsächlich wird der Ermittler – und mit ihm die Zuschauer – Ohrenzeuge der Tat. Leitmayr greift ein – und wie! In selten ­da gewesener Action rammt er die Wohnungstür auf, haut dem Vater ordentlich eine rein und kümmert sich um das Kind, einen verstörten ­Buben.

Mit Hilfe der Kinderpsychologin (Anne Werner) ermitteln Leitmayr (Udo Wachtveitl, links) und Batic (Miro Nemec)

Es ist die große Stärke dieses Tatorts, dass er beim Thema Kindesmissbrauch ohne explizite Bilder auskommt und doch eine Wucht entfaltet, die berührend, schockierend und abstoßend zugleich ist.

Nicht nur das: Der Film von Regisseur Sven Bohse (Buch: Michael Comtesse und Michael Proehl) verwebt auf kluge Art mehrere Ebenen: Da ist zum ­einen der Missbrauch an sich, den Männer, die einst selbst ­Opfer waren, mithilfe einer Smartpuppe (siehe dazu den Text oben) aufdecken und schließlich rächen ­wollen. Der Krimi erzählt, ohne päda­gogisch zu werden, von Opfern, die zu Tätern werden, von Selbstjustiz und stellt die Frage nach Recht und Gerechtigkeit. 80 Fälle haben Batic (Miro Nemec) und Leitmayr bisher gelöst. Von Ermüdung oder Altersmilde keine Spur. Gut so!

Stefanie Thyssen

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