Kommissare im Jubiläums-Interview

Ist der 80. Münchner Tatort zu hart für 20.15 Uhr? Das sagen Wachtveitl und Nemec

+
Interview auf der Alten Utting: Miroslav Nemec (li.) und Udo Wachtveitl mit Redakteurin Stefanie Thyssen.

Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec lösen am Sonntag ihren 80. Fall - einen Tatort zu den Themen künstliche Intelligenz und Missbrauch. tz traf die beiden TV-Kommissare zum Interview.

Sie sind zwar nicht die dienstältesten Kommissare in der großen Tatort-Familie (das ist Ulrike Folkerts alias Lena Odenthal), aber sie haben die meisten Folgen auf dem Buckel. Am Sonntag lösen Udo Wachtveitl (60) und Miroslav Nemec (64) ihren 80. Fall (siehe Kasten). Wir trafen die beiden zum Jubiläums-Interview über düstere Krimis, „Nanny-haftes Fernsehen“ (Wachtveitl) und Künstliche Intelligenz, das Thema der neuen Folge.

Herr Wachtveitl, Herr ­Nemec, „Wir kriegen euch ­alle“ ist der 80. „Tatort“ mit Ihnen. Bedeutet Ihnen diese Zahl irgendwas oder ist sie „nur“ ein Beleg für konstant gute Arbeit?

Udo Wachtveitl: Man merkt das ja nicht beim Drehen, dass es der 80. ist. Die Arbeit fühlt sich genauso an wie beim 79.…

Miroslav Nemec: … oder beim 82., den wir gerade fertig gedreht haben. Aber wir nehmen diese Zahl natürlich schon wahr und, ja, auch als Beleg für engagiertes Arbeiten. Es gab leider trotzdem ein paar Filme, die nicht so gelungen sind. Aber ein Großteil war gut, würde ich sagen.

Wachtveitl: Wobei sich nicht alles, was gut ist, beim Zuschauer auch durchsetzt. ­Einer meiner Lieblingsfilme, Fargo, lief neulich mal wieder im Fernsehen und hatte eine ganz schwache Einschaltquote. Gleichzeitig werden Sachen, die mich persönlich gar nicht interessieren, wahnsinnig erfolgreich ausgestrahlt – und das seit vielen Jahren. Was ich sagen will: Die Einschaltquote der Tatorte ist nur bedingt ein Indikator dafür, ob ein Film auch gut ist.

Nemec: Das stimmt natürlich, aber wir hören ja auch auf der Straße von den Leuten, dass sie uns mögen und unsere Filme gern anschauen. Was ich aber mittlerweile auch manchmal höre, ist: Die Zuschauer haben nicht mehr so gern düstere Themen.

„Natürlich schnürt es mir bei dem Thema die Kehle zu“

Damit sind wir beim Film. Er ist richtig klasse – aber hart. Es geht um Künstliche Intelligenz – und um Kindesmissbrauch. Können Sie verstehen, dass vor allem Eltern da im Vorfeld sagen: Das kann ich nicht anschauen!?

Nemec: Ja klar kann ich das verstehen, es geht mir ja selbst manchmal so (lacht). Unsere Jüngste ist in der ersten Klasse. Natürlich schnürt es mir bei dem Thema die Kehle zu. Das geht schon beim Drehbuchlesen los. Das ist in dem Moment dann kein technischer Vorgang mehr für mich.

Wachtveitl: Mir geht es ganz anders. Ich sitze nicht schweißgebadet vor dem Drehbuch und denke: „Wie geht das jetzt wohl weiter?!“ Das ist bei mir ein Arbeitsvorgang. Ich schaue darauf, ob die Dialoge gut sind, wie die Geschichte aufgebaut ist, und wir beide schauen auch immer darauf, dass keiner zu kurz kommt.

Aber können Sie das nachvollziehen, dass Zuschauer beim Thema Missbrauch an ihre Grenzen kommen?

Wachtveitl: Natürlich kann ich das verstehen. Aber dafür ist es ja gemacht! Genau das soll ein Kriminalfilm doch leisten!

Nemec: Was man auch sagen muss: Bei uns ist der Jugendschutz immer sehr involviert. Unsere Redaktion kommuniziert intensiv mit den Jugendschutzverantwortlichen.

Ihren ersten Tatort (­Animals) lösten Batic (Miro Nemec, li.) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) am 1. Januar 1991 vor 8,71 Millionen Zuschauern.

„Wir machen das ja nicht für den Kinderkanal!“

Was Ihnen nicht passt?

Nemec: Was ich zumindest manchmal schwierig finde. Aber es macht schon Sinn. Nur: Wir müssen die Geschichte so realistisch wie möglich rüberbringen, und spannend soll’s auch sein – ein Tatort eben, oder was sagst Du?

Wachtveitl: Ich bin da zwiegespalten. Ich denke, es sollte die pädagogische Aufgabe der Eltern bleiben zu beurteilen, was sie den Kindern zeigen und was nicht. Am Sonntagabend um 20.15 Uhr kann man davon ausgehen, dass Erwachsene zuschauen, und deswegen müssen wir, finde ich, kein weichgespültes, gestriegeltes Programm machen. Wir machen das ja nicht für den Kinderkanal! Ich beobachte aber tatsächlich eine Tendenz, dass ­vieles im Fernsehen so Nanny-haft wird.

Was heißt das?

Wachtveitl: Das heißt, dass mir vieles so pädagogisiert vorkommt. Dabei sind doch wir, also Batic und Leitmayr, dafür da, die Welt in Ordnung zu bringen. Dann muss man sie aber nicht von vornherein zurechtstriegeln.

Sie haben sich schon in ­Ihrem letzten Fall „KI“ mit Künstlicher Intelligenz beschäftigt. Zufall – oder treibt Sie das Thema besonders um?

Wachtveitl: Ich fand’s in der Häufung auch erst nicht glücklich und habe mich ­gefragt, ob das die Leute interessiert. Meine Agentin, die allerdings 90 Jahre ist, hat schon bei KI gesagt, sie möchte lieber Menschen sehen, die sich miteinander unterhalten und keine Computer. Diese Haltung gibt es. Aber die beiden Bücher sind sehr unterschiedlich, auch thematisch. Und es ist ja so: Das Digitale durchwirkt unser Leben immer mehr, es ist selbstverständlicher Bestandteil geworden. Das bildet auch der Tatort ab.

Nemec: Problematischer fand ich eher, dass außer uns noch weitere Tatort-Teams das Thema relativ zeitgleich aufgenommen haben. Das ­checken die Leute natürlich. Aber am Ende zählt, dass es ein guter Film ist.

Wie präsent ist das Thema bei Ihnen privat?

Nemec: Bei mir haben die Filme schon etwas bewirkt. Wenn ich jetzt auf mein Tablet schaue, frag ich mich schon manchmal, ob mich da vielleicht jemand beobachtet. So weit ist es gekommen (lacht). Ansonsten achte ich bei unserer Tochter sehr darauf, was sie sich anhört und ansieht und auch, was ich ihr vorlese. ­Kinder muss man schützen.

Wachtveitl: Ich habe zum Beispiel kein Facebook-Profil. Aber: Mich fasziniert die technische Seite, auch die von Künstlicher Intelligenz. Wir sind da erst am Anfang, und es muss noch ausgelotet werden, was diese Entwicklung für die Gesellschaft bedeutet. Da kann ein Tatort wie Wir kriegen euch alle schon eine Rolle spielen – in dem Sinne, dass sich der Zuschauer darüber Gedanken macht.

Darum geht’s im Film

Ein Ehepaar wird in seiner Villa brutalst ermordet, die kleine Tochter bleibt unversehrt. Batic ­(Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) fangen an zu ermitteln und wühlen sich durch ein ­Geflecht von Ungereimtheiten. Da ist zum ­Beispiel ein Weihnachtsmann auf der Überwachungskamera zu ­sehen, der in der Tatnacht offenbar mühelos ins Haus spaziert ist (unteres Bild). Da ist eine alte Frau, die sprechende ­Puppen verteilt (Bild oben) – und da sind Männer, die in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurden. Wie das alles miteinander zusammenhängt, ­dröselt der Krimi auf – und dann passiert der nächste Mord. Das Drehbuch zu Wir ­kriegen euch alle schrieben Michael Comtesse und Michael Proehl, die Regie führte Sven Bohse (Ku’damm 56). thy

„Tatort“, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Lesen Sie auch: Nach Tatort “Freies Land”: Experte erklärt, wie Reichsbürger ticken

Und: Die Debatte: Darf ein solcher Tatort um 20.15 Uhr laufen?

Ein München-Tatort, der berührt, schockiert und abstößt: Die Kritik und die Hintergründe

Auch interessant

Meistgelesen

Sarah Lombardi schreibt TV-Geschichte - doch Fans machen sich über Sängerin lustig
Sarah Lombardi schreibt TV-Geschichte - doch Fans machen sich über Sängerin lustig
Dschungelcamp 2019 trotz Knast? Bastian Yotta dreht Trailer für RTL
Dschungelcamp 2019 trotz Knast? Bastian Yotta dreht Trailer für RTL
„Ausgelutscht“: Evelyn Burdeckis Freundinnen raten RTL von der Dschungelcamp-Kandidatin ab
„Ausgelutscht“: Evelyn Burdeckis Freundinnen raten RTL von der Dschungelcamp-Kandidatin ab
Netflix: Einst wurde der Film verboten - jetzt läuft ein Remake als Stream und ist ab 18
Netflix: Einst wurde der Film verboten - jetzt läuft ein Remake als Stream und ist ab 18

Kommentare