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Aufgedeckt: Fünf Mythen über die Tracht

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Auf dem Oktoberfest sieht man fast nur noch Besucher in Tracht - ob typisch oder neumodisch. © dpa

München - Wie authentisch ist die Tracht der Bayern wirklich? Dieser Frage geht der BR in einer zweiteiligen Dokumentation nach.

Wie sieht der typische Bayer aus? Er trägt Dirndl oder Lederhosn! Zur Wiesn­zeit besteht heutzutage ja scheinbar ganz München aus

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Historikerin Katarina Schickling. © Privat

Trachtlern, und es gibt auch kaum ein Mädel oder einen Burschen mehr in Bayern, die keine Tracht daheim im Schrank haben. Aber wie authentisch ist das wirklich? Dieser Frage ist die Historikerin und Filmautorin Katarina Schickling (47) in der BR-Dokumentation Unsere Tracht und die Macht auf den Grund gegangen. In der tz deckt sie fünf Mythen zur Tracht auf:
Mythos 1: Die Tracht ist das typische Gewand, das in Bayern auf dem Land früher alle trugen. Wahrheit: Eine für jede Region typische Tracht, die dort alle anhatten, gab es nie, sagt Katarina Schickling: „Die Landbevölkerung wollte gar nicht besonders ausschauen und schon gar nicht alle gleich. Schon immer wollten Frauen was anderes anhaben als ihre Nachbarin – und zwar das, was gerade schick war.“ So trug man am Land (zeitversetzt) auch immer das, was gerade höfische Mode war.
Mythos 2: Die heutige Tracht ist das, was Brauchtumspfleger aus frühester Zeit überliefert haben. „Die Tracht ist in Wahrheit ein Phänomen des 19. Jahrhunderts.“ Als das Königreich Bayern gegründet wurde, bestand es aus lauter Teilen, die nichts miteinander zu tun hatten. Die Wittelsbacher wollten dem Volk eine Identität geben. Die Könige Max Josef und Ludwig I. feierten mit Umzügen die Hochzeiten der Kronprinzen Ludwig und Maximilian – und zeigten dabei die angeblichen Trachten jedes Landesteils. Doch das war das, was die Leute „zufällig halt damals anhatten“, so die Historikern. Aber die Wittelsbacher propagierten: „So sieht der Oberbayer aus. So sieht der Franke aus.“ Maler malten idyllische Trachtenbilder vom Lande, die sich Städter in ihre Wohnungen hängten. So festigte sich das Bild: Die schauen dort alle so aus!

Mythos 3: Die Lederhosn war die Alltagshose der Bauern. In Wahrheit trugen nur Jäger Lederhosn, Bauern Stoffhosen. Ein normaler

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Solche Hosen trugen Bauern vor 100 Jahren - keine Krachlederne! © Katarina Schickling/BR

Landwirt durfte meist keinen Hirschen jagen, das Leder zu gerben, war aufwendig, das Besticken zu teuer und fein. Aber: König Max II. zeigte sich gerne volkstümlich in Jagdkleidung, gegen Ende des 19. Jahrhunderts pflegten die neu gegründeten Trachtenvereine die Lederhose.
Mythos 4: Dirndl ist das typische Gewand einer Magd. „Wie hätte eine Magd in so einem engen Mieder arbeiten sollen?“ fragt Schickling. Stattdessen trugen sie weite, praktische Stoffe, mit Schürzen drüber. Aber die Städterinnen, die in die Sommerfrische aufs Land fuhren, orientierten sich an der modern gewordenen ländlichen Kleidung. Sie kombinierten schicke Kleider (mit engem Mieder und weitem Rock) mit Schürzen.

Mythos 5: Heute ist Tracht wieder in, weil man sich an der guten alten Zeit orientiert. Gute alte Zeit? Noch in den 1920er -Jahren trugen selbst Blaskapellen am Tegernsee keine Tracht, sondern

„Unsere Tracht und die Macht“,

Donnerstag und am 15. Januar, 20.15 Uhr, BR

schwarze Anzüge! Erst mit dem in den 1930ern stärker werdenden Fremdenverkehr kleidete man sich dort so, wie es die Touristen erwarteten: in Tracht. Doch die Nazis missbrauchten das Gewand für ihre Ideologie, wodurch es lange noch als konservativ, rückständig, miefig galt. Heute aber gibt es eine neue Generation, die nicht mehr gegen konservative Eltern rebelliert. „Die Tracht ist wieder entideologisiert“, so Schickling. „Heimat ist Trend.“ Und das ist etwas Schönes: „Der Siegeszug des Dirndls hängt ja auch damit zusammen, dass es jeder Frau einfach gut steht!“

Andrea Stinglwagner

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