Sehenswerte Doku auf Arte

Cornelius Gurlitt: Zwischen Recht und Moral

+
Ende November: Cornelius Gurlitt in ­München.

München - Filmemacher Maurice Philip Remy nähert sich in seiner Dokumentation "Der seltsame Herr Gurlitt" (heute auf Arte, 21.50 Uhr) dem komplizierten Fall um den Münchner Kunsthändler.

Filmemacher Maurice Remy.

Nicht weniger als 1280 wertvolle Bilder wurden im Februar 2012 in der Schwabinger Wohnung des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt beschlagnahmt. In den Medien ist von einem spektakulären Kunstfund die Rede, von Nazi-Raubkunst. Der 81-jährige Nachkomme des Museumsdirektors und Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt wehrt sich. Er fühlt sich vom Staat „beraubt“. Maurice Philip Remy (Hitler – eine Bilanz, Mogadischu) nähert sich in seiner Dokumentation Der seltsame Herr Gurlitt (Arte, 21.50 Uhr) dem komplizierten Fall. In Interviews mit Experten und Beteiligten und anhand von unveröffentlichtem Material erzählt er eine Geschichte, die die Grenzen von Recht und Moral aufzeigt.

Herr Remy, mit welcher Erwartung sind Sie an die Recherchen zum Film rangegangen?

Maurice Philip Remy: Ich war völlig ergebnisoffen. Ich hab weder gedacht, dass der Mann ein Werkzeug des Teufels noch dass er unschuldig ist. Ich wollte herausfinden, was wirklich hinter der Sammlung steckt. Und ich war sehr überrascht über die Erkenntnis, dass man Hildebrand Gurlitt Unrecht tut.

Warum?

Remy: Weil ihn das Leben dazu gezwungen hat, Kunsthändler zu werden. Er hatte 1935 überhaupt keine andere Wahl mehr, als in dieses Geschäft einzusteigen. Außerdem wurden in seiner Sammlung bis jetzt gerade mal ein halbes Dutzend Raubkunstfälle festgestellt. Selbst wenn es noch mehr werden – wovon ich ausgehe – bleibt das bei einer so umfangreichen Sammlung erstaunlich wenig. Das haben Sie bei nahezu jeder Sammlung aus dieser Zeit.

Ihre Dokumentation beschäftigt sich sehr ausführlich mit den Umständen, die damals herrschten …

Remy: Ja, der Markt war geradezu überschwemmt von Raubkunst. Sobald ein Bild von einem Händler zum nächsten ging, verlor es seine Geschichte. Es ist ja nicht so, dass auf den Bildern hinten drauf stand: Ich wurde gestern von einem Juden unter Druck verkauft oder geraubt. Der Handel mit Kunst war also sehr undurchsichtig, das bestätigen auch die Experten.

Aber war einem Kenner wie Hildebrand Gurlitt nicht zuzutrauen, dass er wusste, mit was für Bildern er es zu tun hatte?

Remy: Ich neige da zur Vorsicht. Es gab damals keine Datenbank für verlorene Kunstwerke, kein Internet. Und es spielte auch überhaupt keine Rolle, woher ein Bild kam.

Aber Gurlitt hat ja auch direkt bei Juden gekauft, die verkaufen mussten, oder?

Remy: Sie müssen beide Seiten sehen. Im Film zeige ich den Fall Hinrichsen, der Geld für ein Visum nach Belgien brauchte. Das war damals ein perfides System. Die Juden mussten hohe Zwangssteuern zahlen, um aus dem Land zu kommen. Hinrichsen brauchte dringend jemanden, der die Bilder kaufte. Die Frage ist doch, profitierte Gurlitt von der Not oder half er in der Not?

Was denken Sie? War er großzügiger Helfer oder gewiefter Händler?

Remy: Das ist schwer zu sagen, aber ich glaube nicht, dass er einer war, der aktiv die Not von Juden ausgenutzt hat. In diesem Urteil unterscheide ich mich von 90 Prozent der Kollegen, die sich sicher sind, dass er ein Verbrecher war. Aber das ist wissenschaftlich nicht belegt. Und was wir an Unterlagen gefunden haben, lässt kein eindeutiges Urteil zu. Niemand von uns will wie Gurlitt in der Lage sein, als Vierteljude sein Überleben in Nazideutschland zu sichern. Ich finde unser heutiges Urteil manchmal von einer moralischen Überheblichkeit, die nur schwer erträglich ist.

Mit dem Tod der Mutter hat Cornelius Gurlitt das Kunsterbe des Vaters angetreten und sich zum einsamen Hüter der Sammlung gemacht. Konnten Sie mit ihm sprechen?

Remy:  Leider nein. Kurz nach seiner Operation war er einfach nicht in der Lage, in Kontakt mit uns zu treten.

Sie haben aber mit seinem Betreuer Christoph Edel geredet …

Remy: … der ein richtiger Glücksfall für Gurlitt ist. Er funktioniert wie ein Herzschrittmacher für ihn, weil er ihn nicht bevormundet, sondern ihn in seinen Interessen vertritt, mit ihm dafür kämpft, dass alle Bilder, die kritisch sind, zurückgegeben werden. Das finde ich sehr fair, weil es kein Recht gibt, auf dessen Basis man Cornelius Gurlitt zwingen könnte, Bilder zurückzugeben. Aber er will Werke, die kritisch sind, nicht behalten.

Was glauben Sie ist Cornelius Gurlitt für ein Mensch?

Remy: Niemand kennt ihn richtig, deswegen ist das schwer zu beantworten. Ich glaube, dass er ein sehr bescheidener und gebildeter Mann ist, der aus einer anderen Zeit kommt und extrem isoliert lebt. Ein Mensch, der emotional eng mit der Kunst, mit der er aufgewachsen ist, verbunden ist. Aber ich halte es für ausgeschlossen, dass er aktiv mit Raubkunst gehandelt oder sie versteckt hat.

Interview: Astrid Kistner

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Eindeutige Schnacksel-Szenen im Free-TV dürften viele gewundert haben - Auch online gibt es diese noch zu sehen
Eindeutige Schnacksel-Szenen im Free-TV dürften viele gewundert haben - Auch online gibt es diese noch zu sehen
„Die Höhle der Löwen“: Münchner Unternehmen sichert sich den Deal - 100.000 Euro für die süße Idee
„Die Höhle der Löwen“: Münchner Unternehmen sichert sich den Deal - 100.000 Euro für die süße Idee
TV-Eklat bei "The Taste": Frank Rosin beschimpft Roland Trettl als A***loch - erste Kandidaten raus
TV-Eklat bei "The Taste": Frank Rosin beschimpft Roland Trettl als A***loch - erste Kandidaten raus
„Goodbye Deutschland“: So wehrt sich Auswanderin Caro gegen fiese Kommentare
„Goodbye Deutschland“: So wehrt sich Auswanderin Caro gegen fiese Kommentare

Kommentare