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Die Party ist vorbei: München-„Tatort“ „Kehraus“

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Tatort: Kehraus
Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, M) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) zeigen Anna Pollinger (Monika Gruber) ein Bild. © Peter Nix/BR/Lieblingsfilm GmbH/dpa

Der Münchner Fasching ist aus Kölner oder Düsseldorfer Karnevals-Perspektive eine eher bemitleidenswerte Veranstaltung. Wie traurig er tatsächlich sein kann, zeigt am Vorabend des Rosenmontags der neue „Tatort“ aus der bayerischen Landeshauptstadt.

München - Mit dem Kehraus ist alles vorbei. Wenn die zerrissenen, ausgeblichenen Luftschlangen, die zerbrochenen Gläser und die verlorenen Habseligkeiten längst heimgegangener Gäste zusammengekehrt werden, spätestens dann ist die Party zu Ende.

Das kann im neuen Münchner „Tatort“ mit eben diesem Titel „Kehraus“ auch Silke (Nina Proll, „Nordrand“) nicht mehr leugnen. Die alternde Schönheit, die mal als Rotkäppchen, mal als Diva, mal als Prinzessin verkleidet in „Irmis (nur kurz, aber gut: Johanna Bittenbinder) Stüberl“ sitzt an der Bar und wartet, dass ein Prinz vorbeikommt. Keiner, der mit ihr in den Sonnenuntergang reitet, nein. Diese Illusion hatte sie nie („Ich wollte mich nie von einem Mann retten lassen“). Nur einer, der ihr einen Sekt kauft oder sieben - und sie dann mitnimmt in sein Zuhause. Denn sie selbst hat keins mehr.

Mitten in die traurige Version des Karnevals, den Münchner Fasching, entführt ihr Fall die Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) am Vorabend des Rosenmontags (Sonntag, 20.15 Uhr im Ersten). Sie müssen herausfinden, wer verantwortlich dafür ist, dass ein 70 Jahre alter Goldhändler tot am Isarufar liegt, während alle (außer Faschings-Verweigerer Leitmayr) feiern.

Welche Rolle spielt die offensichtlich lügende junge Frau, die das Tattoo-Studio führt, das dem Laden des Opfers gegenüber liegt? Und welche die alte Frau mit Hund, die seine Leiche fand und die Polizei informierte? Und haben womöglich Geldwäscher ihre Finger im Spiel?

All diese Fragen geraten aber hinter der schillernden Figur von Rotkäppchen/Diva/Prinzessin Silke in den Hintergrund. Sie ist eine Frau, die zu lange nicht gemerkt hat, dass die Party vorbei und es längst Zeit ist, nach Hause zu gehen. Eine ehemalige Faschingsprinzessin, die ihren Prinzen sitzen ließ, weil sie glaubte, das Leben müsse doch noch so viel mehr für sie bereithalten.

„Schau I aus wie wenn I aus Fürstenfeldbruck kemma dat“, fragt sie in der Ausnüchterungszelle, in die Leitmayr und Batic sie schleppten, weil sie eine der letzten war, die das Opfer lebend gesehen hat.

Silke ist eine Frau, die auf der Jagd nach dem großen Geld von einer blöden Geschäftsidee in die nächste stolperte und schließlich alles auf ein Produkt namens „Wurst Star“ setzte, das sie (kleiner Seitenhieb auf die Kollegen vom Privatfernsehen) gerne in der „Höhle der Löwen“ an den Investor gebracht hätte.

Ihre fiese Vermieterin (Monika Gruber) hat sie wegen zu vieler ausstehender Mieten aus ihrer Wohnung in Münchner Bestlage am Platzl geworfen, ihr Ex-Mann droht, ihr das Sorgerecht für den Sohn, den sie ohnehin kaum sieht, zu entziehen. Und eben jener 14 Jahre alte Sohn setzt all seine Hoffnungen auf eine Karriere als Street-Art-Künstler à la Banksy in seine Mutter, ihren nahenden Reichtum und ein von diesem Reichtum finanziertes Kunst-Studium in London.

Vor allem Batic ist auffallend fasziniert von der undurchsichtigen, gescheiterten Frau. Einen der beiden Kommissare trifft es ja immer im München-„Tatort“. Dabei hilft es auch nicht, dass er selbst zu Beginn der Ermittlungen nach einer durchzechten Nacht mit zwei Bienen nicht ganz auf dem Damm ist. Leitmayrs tief enttäuschter Blick, als der Kollege betrunken im Pilotenkostüm mit zwei als Insekten verkleideten Frauen in der Nacht bei ihm vor der Tür steht, spricht Bände: „Ivo...? Seit wann gehst denn Du in den Fasching?“ Auch Du, Ivo?

„Kehraus“ von der „Tatort“- und „Polizeiruf“-erprobten Regisseurin Christine Hartmann („Hanni und Nanni“) ist ein fast poetischer Film mit vor allem gegen Ende zwar plakativen, aber eben auch ganz starken Bildern geworden, der mit der gleichnamigen Satire von Gerhard Polt aus dem Jahr 1983 selbstverständlich nicht viel gemein hat.

Fast ist der neue Münchner Krimi eine Parabel, die die zentrale Frage stellt, wann es Zeit ist, die Party zu verlassen und sich schweren Herzens und schmerzenden Kopfes in den konfettilosen, ernüchternden Alltag ohne Discokugel zu begeben - nicht nur im Fasching. Denn nicht nur da gilt bekanntlich: Am Aschermittwoch ist eh alles vorbei. dpa

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