„Entkolonisieren“, Arte

Rassismus ist eine europäische Erfindung: Ein anderer Blick auf zwei Jahrhunderte Weltgeschichte

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Gefangenenlager in Kenia für Mau-Maus, die von den Briten gefangen genommen wurden.

Arte bietet einen dreiteiligen Themenabend über die kolonialistischen Verbrechen der Europäer.

Über sich selbst sagt dieser Film vorab, er sei nicht geeignet für junge Menschen und empfindsame Gemüter. Das ist richtig, obwohl es sich nicht um einen Horrorfilm handelt. „Entkolonisieren“ ist eine dreiteilige Dokumentation, deren hauptsächlicher Inhalt aus Grausamkeit und Ungerechtigkeit übelsten Ausmaßes besteht: Grausamkeiten, die von Europäern an Afrikanern, Indern, Chinesen, Vietnamesen und anderen Völkern begangen wurden. 

Diese Sequenz von unglaublichen, aber historisch verbürgten Verbrechen, motiviert von Gier nach Reichtum, begangen von Privatpersonen und Militärs, gestützt von einem zunehmend blutigen Rassismus, trägt den Namen „Kolonialismus“. Frankreich, Belgien, England, Deutschland sind die Nationen, um deren nationale Brutalitäten sich der Film in erster Linie kümmert.

„Entkolonisieren“ erzählt die Geschichte der vergangenen zwei Jahrhunderte neu

Einige der übelsten Dinge, jedenfalls in Hinblick auf kolonialistische Verbrechen, gehen auf das Konto Englands – in Indien, in Afrika, in Ostasien. Das kleine Belgien und besonders dessen König Leopold II. (übrigens ein Abkömmling des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha) mit seinen massenhaft in die Tat umgesetzten Splatter-Fantasien besetzt ebenfalls einen der vorderen Grausamkeits-Ränge, und der preußische Infanterie-General Lothar von Trotha war mit seinem Vernichtungsbefehl gegen Herero und Nama der erste Völkermörder des 20. Jahrhunderts. 

Aber eine Verbrechens-Rangliste ist sinnlos und unnötig. Es geht dem Film von Karim Miské und Marc Ball nicht vordergründig um individuelle Grausamkeit. Er verfolgt eine andere Perspektive: Er erzählt die Geschichte der vergangenen zwei Jahrhunderte neu – neu zumindest für Mitteleuropäer mit normalem Bildungsdurchschnitt und landläufigen Kenntnissen der Geschichte. 

Was weiß so ein halbwegs gebildeter Mitteleuropäer denn schon von Indien, vom Sepoyaufstand und der britischen Ostindien-Compagie, einem Privatunternehmen mit eigener Armee? Vom Sieg einer barfüßigen bengalischen Fußballmannschaft am 29. Juli 1911 in Kalkutta gegen eine englische Mannschaft mit Fußballschuhen? Von der Teilung Indiens? Der Geschichte Vietnams oder des Kongo oder Kenias, von der Rif-Republik und dem algerischen Befreiungskampf? Von der Ausbeutung, Versklavung, Ermordung ganzer sogenannter eingeborener Bevölkerungen? Was von der Herkunft und Bildung eines Lamine Senghor, Patrice Lumumba, eines Ho Chi Minh, einer Frau wie Sarojin Naidu? 

„Entkolonisieren“: Die Weltkriege werden nicht europazentriert behandelt

Entkolonisieren, Arte, Dreiteilige Dokumentation, Arte, Dienstag, 7. Januar, ab 21.10 Uhr. Im Netz: Arte +7

Die beiden von europäischem Boden ausgehenden Weltkriege werden nicht europazentriert behandelt. Hier zählt der Aspekt, dass für die Kolonialmächte* ihre Kolonien vor allem eine wichtige Quelle für massenhaft rekrutiertes Kanonenfutter und das achtlose Entsorgen der menschlichen Reste nach den Kriegen waren. 

Zwischendurch sieht man weiße Männer mit ehrwürdigen Bärten und gedankenvoll gefurchter Stirn, die sich mit Maßbändern und Vorrichtungen zum Messen von Volumina über menschliche Schädel beugen, um die Überlegenheit der weißen Rasse gegenüber dem Rest der Weltbevölkerung wissenschaftlich nachzuweisen. Ja, Rassismus ist eine europäische Erfindung. 

„Entkolonisieren“ ist nichts für zarte Gemüter

In der Tat ist der Film nichts für zarte Gemüter. Ins Auge sehen aber sollte jeder Europäer diesen Fakten und historischen Erzählungen. Immerhin sind sie unauslöschlicher Teil unserer Geschichte. Und wenn man sich von dem Film erholt hat, hat man immerhin die Chance, einige Dinge neu und anders zu verstehen.

Von Hans-Jürgen Linke

Eine amerikanische TV-Doku auf Arte zeigt die Hintergrunde im Fall Khashoggi: Die TV-Kritik zum Zweiteiler „Mord im Konsulat – Mohammed bin Salman und der Fall Khashoggi“ - am 18.02.2020 im TV. 

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