Der echte Fall ist bis heute ungeklärt

Flüchtlings-"Tatort": Kommt die Wahrheit je ans Licht?

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Petra Schmidt-Schaller und Wotan Wilke Möhring ermittelten im "Tatort" nicht in Dessau, sondern in Salzgitter.

München - Ein Mensch verbrennt, während er in Polizeigewahrsam ist. Die unfassbar brutale Geschichte, die am Sonntagabend im NDR-Tatort erzählt wurde, beruht auf einer wahren Begebenheit.

Vor gut zehn Jahren, am 7. Januar 2005, verbrannte der Asylbewerber Oury Jalloh aus Sierra Leone in der Gewahrsamszelle des Dessauer Polizeireviers. Er war festgenommen worden, nachdem er alkoholisiert Frauen auf der Straße um ein Handy gebeten hatte, um seine Freundin anzurufen. Die Frauen fühlten sich belästigt.

Während die Tatort-Kommissare (Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller) den Fall im TV nach 90 Minuten aufgeklärt hatten, ist die Frage, unter welchen Umständen und warum Oury Jalloh sterben musste, bis heute (!) nicht beantwortet. Der Journalist Pagonis Pagonakis hat zusammen mit Marcel Kolvenbach eine preisgekrönte ARD-Dokumentation über den Fall gedreht (Tod in der Zelle. Warum starb Oury Jalloh?) und auch die Produktion zum Tatort als Fachberater begleitet. Die tz sprach mit dem 42-Jährigen.

Herr Pagonakis, wie kam es, dass Sie sich mit dem Fall Oury Jalloh so intensiv beschäftigt haben?

Pagonis Pagonakis: Einige Wochen nach dem Tod von Oury Jalloh wurde bekannt, dass er in der Zelle an Händen und Füßen fixiert gewesen war. Das hatten Polizei und Staatsanwaltschaft anfangs nicht mitgeteilt. Herausgekommen war es erst auf Nachfragen von Freunden und Unterstützern von Oury Jalloh. Ja, und dann stellte sich natürlich die Frage: Wenn er fixiert war – wie soll er sich selbst angezündet haben?

Diese Selbsttötungs-These war von den Behörden sehr früh verbreitet worden.

Pagonakis: Eben, und nun ergab sich dieser große Widerspruch, der uns zu den Recherchen veranlasst hat.

Es sollte nicht der einzige Widerspruch bleiben. Was haben Sie alles herausgefunden?

Pagonakis: Je mehr wir uns mit dem Fall beschäftigten, desto mehr Ungereimtheiten taten sich auf. Die größte offene Frage war: Wie kam das Feuerzeug, mit dem er sich selbst angezündet haben soll, in die Zelle? Er war vorschriftsmäßig durchsucht worden, man hatte ihm Gegenstände wie einen Schlüssel abgenommen. Ausgerechnet ein Feuerzeug soll übersehen worden sein …

Der „Tatort“ von gestern Abend sagt: Polizisten haben das Feuerzeug im Nachhinein in die Zelle geworfen. Ist das eine denkbare Version auch für die wahre Geschichte?

Pagonakis: Die wahre Geschichte kennt man bis heute nicht. Es gibt aber verschiedene Indizien, die man interpretieren kann. Zum Beispiel ist bei den realen Ermittlungen tatsächlich ein Feuerzeug im Brandschutt gefunden worden. Das tauchte aber in der ersten Asservatenliste nicht auf, sondern erst drei Tage später. Es ist bis heute unklar, ob das Feuerzeug zunächst übersehen wurde. Oder ob es womöglich nachträglich untergeschoben wurde. Sicher ist hingegen, dass an dem Feuerzeug keine DNA von Oury Jalloh gefunden wurde. Stattdessen eine fremde Textilfaser, die in dem Feuerzeug eingeschmolzen war. Für die Nebenklage ein klares Indiz, dass das Feuerzeug nicht in der Zelle war, als das Feuer ausbrach.

Dagegen kann man eigentlich schwer argumentieren, oder?

Pagonakis: Die Staatsanwaltschaft schließt nicht aus, dass es anders gewesen sein kann – kann es aber auch nicht belegen. Und so geht es seit Jahren … Es werden Thesen aufgestellt, die nicht eindeutig bewiesen werden können. In zwei aufwendigen Landgerichtsprozessen ist es nicht gelungen, diese Geschichte vollständig aufzuklären. Am Ende stand im Dezember 2012 zwar die Verurteilung eines Polizisten zu 10 800 Euro Geldstrafe wegen fahrlässiger Tötung. Die zentrale Frage aber, wie und warum Jalloh verbrennen konnte, ist noch nicht beantwortet.

Die Ermittlungen wurden im vergangenen Jahr wieder aufgenommen … 

Pagonakis: Ja, die Initiative Oury Jalloh hat ein eigenes Brandgutachten eingeholt. Der Gutachter hat die Situation in der Zelle mit einem Tierkadaver nachgestellt und, kurz gesagt, folgendes herausgefunden: So, wie Oury Jalloh nach dem Brand ausgesehen hat – davon gibt es Aufnahmen – muss ein massiver Brandbeschleuniger im Einsatz gewesen sein. Seitdem ­ermittelt die Staatsanwaltschaft wieder in einem ­sogenannten Todesermittlungsverfahren.

Ergebnisse gibt es wiederum noch keine?

Pagonakis: Nein, man argumentiert, dass solche Ermittlungen Zeit bräuchten.

Haben Sie den Eindruck, dass die Wahrheit überhaupt ans Licht kommen soll?

Pagonakis: Statistiken zeigen, dass Polizisten in Deutschland ganz selten angeklagt werden. Noch seltener müssen sie sich ­einem Verfahren stellen. Mein persönlicher Eindruck ist auch, dass am Anfang zu zaghaft ermittelt wurde und man sich schnell mit der Selbstanzündungsthese zufrieden gab. Und: Je länger die Ermittlungen dauerten, desto öfter beriefen sich Beamte in Dessau auf Erinnerungslücken, Aussagen wurden zurückgenommen und so weiter. Hinzu kommt die in Deutschland traditionelle Nähe zwischen Staatsanwaltschaft und Polizei. Beeindruckend war, dass der Richter im ersten Prozess am Ende des Verfahrens sagte, dass Polizeizeugen systematisch gelogen und eine Aufklärung verunmöglicht hätten. Er sagte auch, dass jene Beamten nicht würdig seien, die Polizeiuniform von Sachsen-Anhalt zu tragen.

Im ARD-„Tatort“ wird der Tod des Asylbewerbers am Ende aufgeklärt. Glauben Sie, dass jemals aufgeklärt wird, wie Oury Jalloh starb? 

Pagonakis: Die Hoffnung ist auf jeden Fall da. Allein: Konkrete Anzeichen dafür gibt es nicht.

Was müsste passieren, damit die Wahrheit ans Licht kommt?

Pagonakis: Meine größte Hoffnung wäre natürlich, dass sich irgendwann ein Polizeibeamter meldet, der möglicherweise mehr weiß. Diese Geschichte darf nicht vergessen werden! Ein Beitrag dazu leistet dieser Tatort. Und wir recherchieren auf jeden Fall auch weiter.

Interview: Stefanie Thyssen

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