Interview mit Tierfilmer Goetzl

"Wir tricksen nur im absoluten Notfall"

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Reist für seinen Job an die entlegensten Orte der Erde: Oliver Goetzl ist als Tierfilmer viel unterwegs.

München - Ab ins Eis oder die Wüste! Oliver Goetzl bereist für seinen Beruf die verschiedensten Orte der Welt. Der Hamburger Tierfilmer spricht im Interview über seine spannende Arbeit.

Der Hamburger Oliver Goetzl (47) ist Tierfilmer. Ein Ritterschlag, für die BBC-Produktion "eisige welten" mit von der Partie sein zu dürfen. Wie faszinierend Goetzls Beruf ist, mit welchen Extremsituationen er zurechtkommen muss, wie es ist, monatelang seine Kinder und seine Frau nicht zu sehen – das erzählt er im tz-Interview. Die größte Film-Expedition aller Zeiten kommt am 5.2.2016 in die Olympiahalle.

Faszination Natur pur – oder fast: Denn um so eine richtige Show draus zu machen, gibt’s auch noch Live-Musik mit der Philharmonie Prag. Und nun: Film ab für Oliver Goetzl!

Herr Goetzl, wie kann man sich den Dreh vorstellen?

Oliver Goetzl: Wir sollten an einem Elch-Kadaver auf einen Aasfresser warten. Der wiederum sollte sich auf die Suche nach einem „Dosenöffner“ machen – dem Vielfraß. Allerdings hatte die Natur wie so oft was dagegen, und so kam der Vielfraß vor dem Raben.

Und was macht man dann? 

Goetzl: Wir lassen die Natur meistens erzählen und verwerfen eine Idee, sobald wir merken, dass sich der Dreh in eine ganz andere, viel spannendere Richtung entwickelt. Aber wenn man für jemanden wie TV-Produzent Alastair Fothergill für die BBC arbeitet, sieht das anders aus. Der möchte jede Szene genau so haben, wie er sie recherchiert hat.

Und was passiert dann?

Goetzl: Man braucht Geduld und eine Prise Glück. Im Falle des Elch-Kadavers hat uns ein Schneesturm den Arsch gerettet. Denn der hat alles noch einmal auf Anfang gedreht. Und dann kam tatsächlich der Rabe zuerst, ist wieder abgeflogen und nach einiger Zeit mit einem Vielfraß im Schlepptau zurückgekehrt.

Greifen Sie auch manchmal in die Trickkiste?

Goetzl: Manchmal legt man ein Stück Fleisch aus. Allerdings tricksen wir nur im absoluten Notfall. Wir möchten nichts erschaffen, was nicht dem natürlichen Verhalten eines Tieres entspricht und versuchen, viel über Beobachtung zu erreichen.

Möchten Sie trotzdem manchmal eingreifen?

Goetzl: Ich habe wegen meines Biologiestudiums erst einmal einen Abstand. Aber manchmal heule ich wie ein Schlosshund, wenn was Dramatisches passiert. Ich komme grad erst wieder von einer Heulreise zurück.

Was ist passiert?

Goetzl: Ich war im nördlichsten Kanada und entdeckte zwei milchgebende Wölfinnen. Eine war rangniedrig und hat sich aufgeopfert, indem sie sich drei Wochen lang in 20-Stunden-Schichten um die drei Welpen der anderen gekümmert hat. Irgendwann stand sie zitternd da, mit den drei Jungen an ihren Zitzen, und ist vor unseren Augen verhungert.

Wie gehen Sie damit um?

Goetzl: Weinen funktioniert ganz gut. Aber man muss das akzeptieren. Die Natur ist grausam, aber faszinierend. Ich meine, da steht eine verhungernde Mutter nur 50 Meter entfernt von zwei unbewaffneten Tierfilmern, und trotzdem verhungert sie lieber, als uns an die Wampe zu gehen.

Sie sind teils monatelang mit Ihrem Kollegen unterwegs. Geht man sich da nicht mal an die Gurgel?

Goetzl: Das kommt vor. Ivo Nörenberg und ich kennen uns seit über 35 Jahren – da weiß man genau, wie man in die Schwächen schön reinbohren kann. Wenn man dann noch in derart kleinen Hütten zusammenlebt, in denen immer nur einer Platz zum Liegen hat, kann man sich vorstellen, dass man sich manchmal ganz schön auf den Zeiger geht.

Was sagen Ihre zwei Kinder (10, 12) dazu, dass ihr Papa ständig herumreist?

Goetzl: Die finden meinen Beruf zum Glück ziemlich cool, doch die Trennungen sind für uns alle sehr heftig. Ab und zu sind sie mit meiner Frau auf Drehreisen mit dabei oder mit bei Tierfilm-Festivals, wenn’s geht. Ich glaube, sie haben eine Art Schalter im Kopf gefunden, der bei der Abreise umgelegt und erst bei der Rückkehr wieder betätigt wird. Mir geht es in der Ferne wahrscheinlich schlimmer als meiner Familie daheim.

Wie gehen Sie mit Heimweh um?

Goetzl: Zum Glück drehen wir im Feld quasi 24 Stunden pro Tag und fallen dann todmüde in den Schlafsack. Doch manchmal überkommt es mich schon arg. Dann versuche ich, wenigstens ein paar Minuten mit Satelliten-Telefon durchzukommen. Das tut gut und kann zwei Wochen vorhalten.

Was ist noch heftig?

Goetzl: Vor allem Stürme und extreme Temperaturen. Wenn das Thermometer innerhalb von ein, zwei Stunden um 20 Grad fällt, fangen die Bäume um einen herum an zu platzen. Klingt ein bisschen wie Silvester. Dann kann man nicht mal zum Bieseln rausgehen. Und Durchfall bei minus 35 Grad ist auch kein Spaß …

Gibt da die Technik nicht ihren Geist auf?

Goetzl: Es gibt auch heute noch Ausfälle. Und Situationen, in denen man tagelang auf eine bestimmte Aufnahme wartet. Schließlich hat man das Bild. Aber nur theoretisch, weil die Kamera nicht mitspielt – das sind richtige Selbstmordmomente.

Zweifeln Sie in solchen Situationen an Ihrer Berufswahl?

Goetzl: Immer häufiger. Aber vor allem in den Heimweh-Momenten. Die Mädels wachsen so wahnsinnig schnell heran, und ich bin ja meistens über ein halbes Jahr pro Jahr nicht zu Hause. Ansonsten habe ich den schönsten Beruf der Welt.

Interview: Sarah Brenner

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