Das sagt Regisseur Dietrich Brüggemann

Interview zum Murmeltier-„Tatort“: Wenn die Zeit einen Sprung hat

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LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) im Sonntags-Tatort  „Murot und das Murmeltier.

München - Banküberfall mit Geiselnahme! Routine, denkt der Wiesbadener LKA-Ermittler Felix Murot, den der Anruf aus dem Schlaf reißt. Doch beim Versuch, die Täter zur Aufgabe zu bewegen, fallen Schüsse. Und es beginnt der wohl irrste „Tatort“ des Jahres. 

Denn Murot  erlebt dieselbe Situation immer und immer wieder. Der Filmklassiker „Und ewig grüßt das Murmeltier“ von 1993 stand Pate für die Episode „Murot und das Murmeltier“. Wir sprachen mit Autor und Regisseur Dietrich Brüggemann (42).

Ein Telefonanruf schreckt den Wiesbadener LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) aus seinen Träumen. Seine Assistentin Magda Wächter (Barbara Philipp) bittet ihn, zum Schauplatz eines Banküberfalls mit Geiselnahme zu kommen. Routine, denkt Murot – doch dann fallen plötzlich Schüsse. Und es beginnt der wohl verrückteste „Tatort“ des Jahres. Denn Murot erwacht wie aus einem Traum, als das Telefon klingelt. Seine Assistentin bittet ihn, zum Schauplatz eines Banküberfalls mit Geiselnahme zu kommen... . Der Klassiker „Und ewig grüßt das Murmeltier“ (USA/1993) über einen Mann, der dazu verdammt ist, immer wieder denselben Tag zu erleben, stand Pate für die Episode mit dem anspielungsreichen Titel „Murot und das Murmeltier“, die das Erste an diesem Sonntag um 20.15 Uhr zeigte. Wir sprachen mit Autor und Regisseur Dietrich Brüggemann (42), einem gebürtigen Münchner, der bereits die außergewöhnlichen Stuttgarter „Tatort“-Folge „Stau“ (2017) drehte.

Es gibt sonst immer nur Verhöre

Wie kommt man auf eine solche Idee?

Die Idee kam aus dem Nichts, wie die meisten guten Ideen. Im Ernst: Der erste Impuls war meine Beobachtung, dass es im „Tatort“ immer nur Verhöre gibt. Es gibt zu viele Krimis mit zu vielen Verhören, überhaupt mit den immer gleichen Ritualen. Ich habe mich gefragt: Wie wäre es, wenn wir das einfach mal thematisieren?

Das war die Grundidee?

Ja. Ich dachte: Lass’ uns mal einen Krimi machen, in dem immer wieder dasselbe passiert.

Das allein macht aber noch keinen guten Film. Was war die größte Herausforderung bei der Konzeption des Drehbuchs?

Klar war, dass wir uns sowohl thematisch als auch dramaturgisch von „Und ewig grüßt das Murmeltier“ absetzen müssen. Es ging uns nicht darum, den Protagonisten zu einem besseren Menschen zu machen, wie das bei der Figur des von Bill Murray gespielten Phil Connors der Fall ist. Und in unserem Krimi gibt es ja neben dem Kommissar noch eine zweite Person, deren Leben sich im Kreis dreht.

Was war die größte Schwierigkeit beim Drehen? Wenn ich richtig gezählt habe, gibt es zwölf Versionen derselben Geschichte...

Die Schwierigkeit, wenn man das so bezeichnen will, bestand darin, dass es sich immer um dieselben Figuren handelt, die sich immer sehr ähnlich verhalten. Trotzdem hat jede Version ihre eigene Temperatur, zumindest, was die Empfindungen Murots betrifft – Routine, Verwunderung, Wut, Verzweiflung, Resignation. Ich hoffe, dass wir das den Zuschauern vermitteln können.

„Meine Hochachtung vor Ulrich Tukur!“

Für die Schauspieler war das sicher ein nicht alltäglicher Dreh.

Na ja, es fühlt sich sicher sehr seltsam an, hintereinander weg immer wieder eine fast identische Version zu drehen. Meine Hochachtung vor Ulrich Tukur! Wir waren vier Tage in der Wohnung des Kommissars und haben zwölf Mal gedreht, wie er aufwacht, telefoniert, sich anzieht, die Wohnung verlässt...

Und dasselbe dann auf der Straße, im Auto, auf dem Weg zum Tatort...

Genau. Die Straße, die Situation vor der Bank und in der Bank, alle Autofahrten. Und in der verbleibenden Zeit haben wir alle Szenen gedreht, die es nur einmal gibt.

Gab es bei dieser Kleinteiligkeit auch mal einen Punkt, an dem Sie dachten: Ich schaffe das nicht?

Nein. Es war natürlich viel Arbeit, und es es wurde nicht einfacher dadurch, dass unser Hauptmotiv, die Bankfiliale, in der Einflugschneise des Flughafens liegt, wie sich herausgestellt hat. Das war stressig. Aber ich habe keine Sekunde daran gezweifelt, dass das am Ende hinhaut.

Haben die Schauspieler, die immer wieder dasselbe zu sagen hatten, nicht revoltiert?

Nö, die hatten jede Menge Spaß. Der Geist im Ensemble war großartig, das waren Leute, die einander sehr gemocht haben. Wir hatten eine sehr gute Zeit.

Lesen Sie auch unsere Tatort-Kritik: Krimi mit Variationen – wenn der Ermittler in eine Zeitschleife gerät

Sie haben auch die Musik für diesen „Tatort“ geschrieben. Wie das?

Musik ist mir am allerwichtigsten, ich komme von der Musik, bin sozusagen am Klavier groß geworden. Ich hatte eine genau Vorstellung, wie das in diesem „Tatort“ klingen muss. Und da dachte ich mir: Machst du es doch gleich selbst! Es war eine unglaublich schöne Erfahrung, mit einem großen Orchester wie dem Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks eine Filmmusik einzuspielen.

Mit welchen Reaktionen auf Ihren Film rechnen Sie?

Ich habe ja schon einmal testen dürfen, wie er ankommt, beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen (wo „Murot und das Murmeltier“ mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde, Red.). Das war kein Fach-, sondern ein ganz normales Publikum, ein ziemlich genauer Querschnitt der Leute, die normalerweise den „Tatort“ einschalten. Und die Reaktionen waren großartig, es wurde viel gelacht. Aber natürlich wird es wie bei allem, das vom normalen „Tatort“-Schema abweicht, Gemecker geben, werden Leute Hassmails schreiben. Aber das darf man nicht überbewerten.

Hat der Film eine Moral?

Es steckt schon eine Art Moral drin, wobei ich finde, dass man die fein dosieren muss, damit man den Film nicht überfrachtet.

Und wie sieht diese Moral aus?

Sagen wir so: Der Film hat eine ziemlich humanistische Message: Es darf keine Toten geben. Das ist für einen „Tatort“ schon reichlich ungewöhnlich. Aber ich mag den Schluss des Krimis. Murot muss sich, um ein unblutiges Ende zu erreichen, die Hände schmutzig machen. Er begeht, wenn man so will, Verrat.

Und sonst? Ein Appell, die Routine zu bekämpfen?

Ja. Mach’ nie Dienst nach Vorschrift, bekämpfe den Drang, deine Arbeit so zu machen, wie du sie immer machst. Das gilt für Kommissar Murot in diesem Film, das gilt für die Krimimacher im Allgemeinen, das gilt aber auch für uns alle.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann

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