Dieser Film geht ans Herz

"Kleine große Stimme": Vom Traum, ein Sängerknabe zu sein

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Benedikt Thaler (Wainde Wane, links) und Kapellmeister Max Goldberg.

München - Wie wird man eigentlich ein Sängerknabe? Und das noch als Besatzungskind in Wien im Jahre 1955? Das zeigt ein Familienfilm am Mittwoch in der ARD. Eine Kritik.

Jerry Delgado (Tyron Ricketts) verabschiedet sich von Großvater Thaler.

Wien, im Jahr 1955. Der zehnjährige Benedikt Thaler ist ein Besatzungskind. Seine Mutter, eine Österreicherin, ist gestorben. Seinen Vater, einen afroamerikanischen Soldaten, hat er nie kennengelernt. Er wächst bei den Großeltern in einem heruntergekommenen österreichischen Landgasthaus auf und hat alles andere als ein leichtes Leben. Wegen seiner Hautfarbe wird er von den Klassenkameraden gehänselt, Anfeindungen gehören zu seinem trostlosen Alltag, selbst von seinem eigenen Opa wird er schikaniert. Als er es nicht mehr aushält, packt er Speck und Schnaps als Tauschration in einen Rucksack und flüchtet auf eigene Faust, mutterseelenallein nach Wien. Dort will der Bub seinen Traum verwirklichen: Sängerknabe werden – und auf der großen Tournee durch die USA nach seinem Vater suchen.

Das ist die Geschichte des Films Kleine große Stimme, den die ARD morgen Abend ausstrahlt. Eigentlich sollte es ein Musical werden, doch dann entschieden sich der ORF, der BR und die ARD Degeto zur Produktion fürs Fernsehen. Als Regisseur konnte Wolfgang Murnberger gewonnen werden, der zuletzt Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit sehr überzeugend inszeniert hat und auch hier mit viel Liebe zum Detail arbeitet. Vor allem wird das Wien der 50er-Jahre aufwendig zum Leben erweckt.

Wainde Wande eine große Entdeckung

Nachdem er aus der Chorprobe geflüchtet ist, sucht Benedikt Thaler (Wainde Wane, rechts) Trost bei Siegfried Goldberg (Karl Merkatz).

Eine richtige Entdeckung ist Wainde Wane in der Hauptrolle als Benedikt. Der Zwölfjährige, Sohn einer Wiener Bühnenbildnerin und eines Eventmanagers, der aus dem westafrikanischen Senegal stammt, stand zum ersten Mal für einen Film vor der Kamera, sein Spiel geht einem wirklich ans Herz. Allein: Singen wollte und durfte er nicht selbst. Diesen Part hat ein „echter“ Sängerknabe übernommen – und das mit Erfolg.

Der kleine Benedikt mogelt sich nämlich nicht nur in das Auswahlverfahren des berühmten Wiener Chores, zu dem er sich eigentlich hätte anmelden müssen. Er überzeugt beim Vorsingen mit glockenheller Stimme und einem Lied, das er früher schon im Dorfgasthof der Großeltern zum Besten gegeben hat. Der junge jüdische Chorleiter Max Goldberg (David Rott) ist beeindruckt vom Mut und Können des Kleinen, er will ohnehin frischen Wind in die altehrwürdigen Hallen des 500 Jahre alten Traditionschores bringen und nimmt Benedikt schließlich auf. Doch damit sind die Probleme nicht vorbei.

"Kleine große Stimme" ein gelungener Familienfilm

Max Goldberg (David Rott) und Elsa Brandl (Miriam Stein) tanzen während der Chorprobe zu einem Rock 'n' Roll Song.

Der Konkurrenzdruck unter den Sängerknaben ist enorm, der „Neger“, wie einige Kollegen den Neuen nennen, muss sich einmal mehr durchkämpfen. Gut nur, dass der Junge in Siegfried Goldberg (Karl Merkatz) einen Freund und Unterstützer gefunden hat. Der alte Mann, Vater des Chorleiters, baut ihn nicht nur immer wieder auf, sondern hilft ihm auch bei der Suche nach seinem Vater. Doch den beiden läuft die Zeit davon: Die letzten Amerikaner ziehen aus Wien ab...

Kleine große Stimme ist ein gelungener Familienfilm, sehr passend programmiert in den Tagen zwischen den Jahren, getragen durch die Musik, berührend durch die Darsteller.

„Kleine große Stimme", Mi., 20.15 Uhr, ARD

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