Wieder ein Debakel

Kommentar zum ESC 2017: Die Pleite von Levina war absehbar

+
Levina weint im Finale des ESC 2017.

Kiew - Levinas Pleite beim ESC 2017 war absehbar, meint Redakteur Franz Rohleder in seinem Kommentar. Und fragt: Wann lernt Deutschland endlich aus seinen Fehlern?

Beinahe wäre es der Hattrick gewesen: Dreimal in Folge Letzter beim Eurovision Song Contest. Knapp, ganz knapp hat es Levina am Samstag beim ESC 2017 noch auf den vorletzten Platz geschafft. Die Rote Laterne ging in diesem Jahr an Manel Navarro aus Spanien, den Mann mit langer, roter Mähne und Hawaii-Hemd, der im eigenen Land als Gockel verspottet wird. Aber egal ob Letzter oder Vorletzter: Wieder mal erlebte Deutschland ein ESC-Debakel.

Und nein: Es lag nicht daran, dass bestimmte Länder etwas gegen uns haben, oder dass sich irgendwelche Länder gegenseitig die Punkte zuschoben. Gewonnen hat bekanntlich Salvador Sobral aus Portugal, der aus allen Teilen Europas jede Menge Punkte bekam. Was Deutschland beim ESC 2017 erlebte, war eine Bruchlandung mit Ansage. Levinas Pleite war genauso vorhersehbar wie die beiden letzten Plätze in den Vorjahren. 

Machen wir doch einmal den Test: Wer kann sich noch an die deutsche Kandidatin des vergangenen Jahres erinnern? Und hat noch irgendwer ihren Song im Ohr? Lösen wir das Rätsel auf: 2016 trat jene Dame an, von der wohl nur ihr albernes Manga-Outfit in Erinnerung bleibt: Jamie-Lee Kriewitz hieß sie. Und der Titel ihres Pleite-Songs war „Ghosts“. Kennt keiner mehr. Ebenso unsere Null-Punkte-Kandidatin des Jahres 2015: Damals schickten wir eine Sängerin namens Ann Sophie mit dem Song „Black Smoke“ ins Rennen. Sie reiste bekanntlich nur deswegen zum ESC nach Wien, weil Andreas Kümmert, der Sieger der nationalen Vorwahl, überraschend zurücktrat.

Somit lautete unsere Misserfolgs-Formel für den ESC zwei Mal hintereinander: Man nehme eine unbekannte, uncharismatische Künstlerin und gebe ihr ein belangloses Liedchen ohne Wiedererkennungswert.  Und was machte der NDR 2017? Die deutschen TV-Zuschauer bekamen im ESC-Vorentscheid gleich vier unbekannte und uncharismatische Kandidaten zur Auswahl. Am Ende setzte sich ein Dame namens Levina durch, von der vorher keiner was gehört hatte. Ihr Siegerlied wurde von einem Songschreiber namens Dave Bassett zusammengeschustert, der - so hebt es die offizielle deutsche ESC-Seite hervor - zuvor Melodien für Spots von Toyota, T-Mobile, Nissan, Victoria's Secret, Google und Microsoft produzierte. Also von einem Komponisten, der wohl keinen Bezug zum europäischen Musikmarkt hat. Unser diesjähriger ESC-Titel geriet vor allem dadurch ins Gespräch, dass er wie eine schlechte Kopie von David Guettas „Titanium“ klang. In den deutschen Single-Charts schmierte „Perfect Life“ hingegen ab. Levina kam in ihrem eigenen Land nicht über Platz 28 hinaus. Die „Hits“ unserer anderen Pleite-Kandidatinnen erreichten maximal die Chart-Platzierungen 11 (Jamie-Lee) und 26 (Ann Sophie). Wie sollen wir Europa für ein Lied begeistern, das schon in Deutschland abstinkt?

Auch bei Levinas Auftritt am Samstag haben ihre ESC-Betreuer so ziemlich alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann. Levina ist eine gutaussehende Frau mit Topmodel-Figur. In Kiew wurde sie barfuß, mit Brigitte-Nielsen-Gedächtnisfrisur und in einem komischen, grauen Brautkleid auf die Bühne geschickt. Dafür ist sie wahrlich zu bemitleiden.

Nach der Pleite beim ESC 2017: Welche Konsequenzen kann Deutschland ziehen?

Lernt Deutschland im kommenden Jahr endlich aus seinen Fehlern beim ESC? Oder schicken wir dann wieder eine Kandidatin, die keiner kennt, mit einem auf dem Reißbrett zusammenkomponierten Liedchen nach Portugal?

Sollte die Kandidaten-Auswahl 2018 wieder so mau sein wie in diesem Jahr, dann müssen die deutschen Eurovision-Fans ein Zeichen setzen und den Vorentscheid boykottieren. Wenn keiner mehr einschaltet und anruft, sollte der NDR merken, dass es so nicht mehr geht.

Aber wer könnte für Deutschland 2018 beim ESC in Portugal antreten? Auf Twitter forderten viele Fans noch am Samstagabend: Schickt Helene Fischer! Die wäre natürlich eine sichere Bank. Sollte unsere Schlagerkönigin aber nicht auf einem der vorderen Plätze landen, dann würde das ihre Karriere nachhaltig beschädigen. Genau das ist der Grund, warum man beim ESC kaum internationale Top-Acts sieht. Die großen Namen im Musikgeschäft haben beim Eurovision Song Contest viel mehr zu verlieren als zu gewinnen. Aber anklopfen könnte der NDR ja mal bei Helene Fischer. Sei es auch nur, damit den Verantwortlichen hinterher keiner vorwerfen kann, sie hätten nicht alles für einen ESC-Erfolg getan.

Und sonst? Bushido wäre in Sachen Unterhaltungswert sicher eine Ansage an ganz Europa. Er weiß, wie man eine Halle zum Kochen bringt, hat ein Händchen für eingängige Beats und verfügt vor allem über das, was den deutschen Kandidaten ansonsten immer fehlt: Ecken und Kanten! Allerdings ist Deutschlands Rapper Nummer 1 dem NDR aufgrund seines Sündenregisters wohl nicht vermittelbar. Wer dieses nicht kennt: Geben Sie bei Google mal die Kombination „Bushido“ und „Skandal“ ein. Trotzdem hat der deutsche Rap-Superstar möglicherweise schon am Sonntag eine Art Bewerbungsschreiben abgegeben: Auf seinem Twitter-Account pestete er gegen unsere ESC-Kandidatin: „Gratuliere Levina zum vorletzten Platz. Starke Leistung du Null!“ Meint da jemand, dass er es besser könnte?

Nachdem Deutschlands Top-Acts eine Blamage beim ESC wohl nicht riskieren, scheint auch eine Teilnahme von Sasha, Cro oder Rammstein eher unwahrscheinlich. Allerdings gäbe es ja in Deutschland noch einen, der weiß, wie man beim ESC abräumt. Leider hat sich Stefan Raab in die TV-Frührente verabschiedet. Ob er sich für ein Eurovision-Comeback erbarmt?

Sollte Raab keine Lust mehr auf ESC haben, müsste der NDR 2018 endlich mal Mut beweisen. Und einen Künstler mit Profil und großer Fanbase nach Portugal schicken. Mit Xavier Naidoo, Sido, Kool Savas oder Bushido wären Kontroversen vorprogrammiert. Die bisherige Kandidaten-Auswahl kann man nach Levinas Pleite aber als endgültig gescheitert betrachten. Jetzt ist eine harte Kurskorrektur nötig. Sonst steht Deutschland beim ESC 2018 das nächste Debakel ins Haus.

fro

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Dschungelcamp 2018: Die ersten Kandidaten für die neue Staffel stehen fest
Dschungelcamp 2018: Die ersten Kandidaten für die neue Staffel stehen fest
„Babylon Berlin“: So sehen Sie die Krimi-Serie heute im TV und im Stream
„Babylon Berlin“: So sehen Sie die Krimi-Serie heute im TV und im Stream
Danke, ZDF! Am Samstag zeigst du sechsten Fall von „München Mord“
Danke, ZDF! Am Samstag zeigst du sechsten Fall von „München Mord“
Jo Groebel: „Die Zuschauer erleben doppelten Nervenkitzel“ bei Aktenzeichen XY
Jo Groebel: „Die Zuschauer erleben doppelten Nervenkitzel“ bei Aktenzeichen XY

Kommentare