Ein Reporter berichtet ausführlich über das Verbrechen

Mordfall Peggy: Sat.1 zeigt Dokumentation - hat Deutschland versagt?

Ein Gedenkstein mit dem Porträt des Mädchens Peggy auf dem Friedhof.
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Im Fall Peggy zeigte Sat.1 den Dokumentarfilm „Mordfall Peggy - der Täter ist noch unter uns“.

Ermittlungen nach 19 Jahren eingestellt. So lautete die Nachricht vergangene Woche im Fall der ermordeten Peggy. Der Sender Sat.1 strahlte kurzerhand einen Dokumentarfilm über das ungelöste Verbrechen aus.

  • Vor knapp 20 Jahren verschwindet die neunjährige Peggy aus ihrem Heimatort in Oberfranken.
  • Der Fall sorgte deutschlandweit immer wieder für Aufsehen. Vergangene Woche wurden die Ermittlungen eingestellt.
  • Der Sender Sat.1 zeigte daraufhin im Abendprogramm die Dokumentation Mordfall Peggy - Der Täter ist noch unter uns“.

München - Vor mehr als 19 Jahren verschwindet die neunjährige Peggy Knobloch aus Oberfranken. Die Ermittlungen der zuständigen Staatsanwaltschaft Bayreuth wurden vergangenen Donnerstag, 22. Oktober, eingestellt. Der Tatverdacht gegen einen Mann aus dem Landkreis Wunsiedel ließ sich nicht erhärten. Die Informationen würden laut Staatsanwaltschaft nicht für eine Mordanklage ausreichen.

In fast 20 Jahren Ermittlungen im Fall Peggy gab es immer wieder Tatverdächtige, die nicht weiter verfolgt werden konnten oder einen verurteilten Mörder, der zu unrecht bestraft wurde. Zwischenzeitlich gab es Vorwürfe gegen die Ermittler.

Mordfall Peggy - hat Deutschland versagt? - Sat.1 zeigt Dokumentaion über ein ungeklärtes Verbrechen

Nach der Meldung über die eingestellten Ermittlungen zog der Sender Sat.1 einen geplanten Dokumentarfilm im Programm vor, wie presseportal.de berichtet. Die Sendung sei eigentlich für den 9. November geplant gewesen. Am vergangenen Montagabend (25. Oktober) sahen die Zuschauer die 97-minütige Doku „Mordfall Peggy - der Täter ist noch unter uns“.

In dem Dokumentarfilm wird das Verschwinden der neunjährigen Peggy nachgestellt und, wie es im Film heißt, die „Schattenseiten beleuchtet“. Er beruht vor allem auf den Recherchen des Investigativ-Journalisten Christoph Lemmer, der die Fakten in dem mysteriösen Fall wie kein anderer kenne. Seit über zehn Jahren befragt der Reporter Zeugen in dem Verbrecherfall, hat Zugang zu Verhörprotokollen und Archivmaterial. Die Recherche-Ergebnisse ließen viele Fragen hinsichtlich der Ermittlungen offen.

Mordfall Peggy - hat Deutschland versagt? Dokumentation stellt das Leben Peggys vor ihrem Verschwinden dar

Der Dokumentarfilm spielt ein Rückblende bis ein Jahr vor dem Verschwinden der kleinen Peggy nach. Am 7. Mai 2001 wurde sie gegen Nachmittag das letzte Mal in ihrem Heimatort Lichtenberg (Landkreis Hof) gesehen. Das Verhalten der Neunjährigen habe sich laut den Recherchen des Sat.1-Teams bereits ein Jahr vor dem Verschwinden verändert.

Das Mädchen war im Ort sehr bekannt, berichtet Elke Graßer-Reitzner in dem Film. Die Redakteurin der Nürnberger Nachrichten hat sich ebenfalls intensiv mit dem Fall Peggy auseinandergesetzt. Anwohner berichten, dass Peggy oft alleine war, auch mal abends. Die Mutter habe als Altenpflegerin viel gearbeitet.

Mordfall Peggy - hat Deutschland versagt? Recherchierender Journalist findet Widersprüche in Akten

Dann verschwindet Peggy. Laut Reporter Christoph Lemmer, dem die Akten vorliegen und der, wie es im Film heißt, jedes Detail kennt, sind darin viele Widersprüche enthalten.

Christoph Lemmer erklärt, dass es zum Verschwinden zwei Varianten gäbe. Einmal sei laut den Ermittlungen, Peggy nie nach der Schule Zuhause angekommen, der Zeitpunkt des Verschwindens am Nachmittag nach der Schule. Nur diese Variante hätten die Ermittler all die Jahre lang verfolgt. Sie führt zur „Verurteilung eines Unschuldigen“ und mehreren „Ermittlungspannen“.

Investigativ-Reporter Christoph Lemmer kennt den Fall Peggy wie kein Zweiter.

In einer zweiten Variante schildert Lemmer, dass es mehrere Zeugen gäbe, die Peggy bis mindestens 19 Uhr am Tag des Verschwindens in dem Ort Lichtenberg gesehen hätten. In der Doku heißt es, dass diese Variante zu neuen Erkenntnissen und Verdächtigen führen würde.

Mordfall Peggy - hat Deutschland versagt? Der Stiefvater im Visier der Ermittler

Einige Monate nach dem Verschwinden Peggys rückt ihr Stiefvater in das Feld der Ermittlungen. Laut Christoph Lemmer wurde versucht Motive für den Stiefvater herauszufinden, wie beispielsweise verletzter Stolz, weil Peggys Mutter sich habe trennen wollen. Ermittlungen auch in die Heimat des türkischen Stiefvaters ergeben nichts. Nach einem Jahr wird das Ermittler-Team in Oberfranken ausgetauscht. Die Ermittlungen gegen Peggys Stiefvater werden eingestellt.

Mordfall Peggy - hat Deutschland versagt? Journalist Lemmer: „Ermittler haben folgenschweren Fehler gemacht“

Journalist Christoph Lemmer ist sich sicher, dass die Ermittler von Tag eins einen „folgenschweren Fehler“ gemacht haben in Bezug auf einen Mann namens Thorsten E. Am Tag des Verschwindens wurde dessen Nummer auf einem Zettel in Peggys Schulheft gefunden. Er ist ein Verwandter von Peggys Nachbarn - wohnhaft in Sachsen-Anhalt. Als Kripobeamte den jungen Mann aufsuchen, finden sie ihn in seinem verwahrlosten Zuhause.

Laut dem Dokumentarfilm fällt den Ermittlern sofort auf, dass der Mann eine selbst gebastelte Kette trägt, mit einem Foto von Peggy. Auf einer CD, die im Zimmer von E. gefunden wird, ist ein Porträt Peggys und Kinderpornographie. Der junge Mann verstrickt sich in Widersprüche - sein Alibi lässt die Ermittler zweifeln. Sie können es widerlegen.

Mordfall Peggy - hat Deutschland versagt? Ermittler lassen laut Doku heiße Spur fallen

Doch die Spur zu Thorsten E. sehen die Beamten als erledigt, da er kein Auto zur Verfügung habe und keinen Führerschein besitze. Reporter Lemmer gibt an, er wisse, dass dem nicht so sei und der junge Mann damals ein Auto besessen habe. Dies stünde in den Akten. Thorsten E. wird Jahre später in einer, wie es im Film heißt „zweiten Phase“ des Falls Peggy, verurteilt, weil er die eigene Tochter und Peggys Freundin missbraucht hat.

Mordfall Peggy - hat Deutschland versagt? Geistig behinderter Mann wird verurteil - Freispruch nach zehn Jahren

Dann rückt ein Bewohner aus Lichtenberg in den Kreis der Ermittlungen. Ein junger, geistig zurückgebliebener Mann namens Ulvi K., der sich des Öfteren vor Menschen entblößt hatte. Er ist in einer Psychiatrie untergebracht. Dort behauptet ein anderer Insasse, dass Ulvi K. ihm den Mord an Peggy gestanden hätte. Einem Polizisten gesteht der junge Mann die Tat, ohne einen anwesenden Anwalt. Er wird wegen Mordes verurteilt, ohne Leiche und ohne Zeugen. Der Insasse widerruft später seine Aussage. Nach Recherchen Lemmers, eines Anwalts und einer Bürgerinitiative wird das Verfahren nach zehn Jahren Haft wieder aufgenommen und Ulvi K. 2014 freigesprochen.

Mordfall Peggy - hat Deutschland versagt? Spuren eines NSU-Terroristen an Peggys Leiche gefunden

Im Juli 2016 findet ein Pilzsammler etwa 15 Kilometer von Lichtenberg entfernt die menschlichen Überreste Peggys. Plötzlich nimmt der Fall eine Wendung als dort DNA-Spuren des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden wurden. Es stellt sich aber heraus, dass die Spur versehentlich von Ermittlern zum Fundort der Leiche gebracht wurde.

Mordfall Peggy - hat Deutschland versagt? Familienvater verdächtigt - dann werden Ermittlungen eingestellt

Im Dezember 2018 verkündet Herbert Potzel (l.), leitender Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Bayreuth, und Jürgen Stadter, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberfranken, in einer Presseerklärung die Festnahme eines Verdächtigen.

2018 rückt dann der letzte Verdächtige Manuel S. in das Visier der Ermittler. Uliv K. hatte ihn nach seinem Freispruch belastet. Laut dem Dokumentarfilm erzählt S. eine Geschichte, in der er sich selbst belastet, nur um das Verhör zu beenden. Die Ermittlungen gegen den Familienvater enden mit dem eingestellten Verfahren, das die Staatsanwaltschaft Bayreuth letzte Woche verkündete.

Mordfall Peggy - hat Deutschland versagt? Lichtenberger Stadtrat: „Scheitern des Rechtsstaats“

Der Stadtrat aus Lichtenberg, Norbert Rank, sagt in dem Sat.1-Film über das ungeklärte Verbrechen: „Der Fall Peggy dokumentiert das Scheitern des Rechtsstaats.“ Nachdem der Dokumentarfilm „Irrungen und Wirrungen“ aufgezeigt hat, bleibt eine Frage weiterhin ungeklärt, mit der der Film schließlich endet: „Wer hat Peggy Knobloch umgebracht?“

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