TV-Kritik: „Borowski und das Glück der Anderen“

Mordmotiv Neid – Tatort punktet dank einer starken Frauenfigur

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Ermittlungen an der Kasse: Axel Milberg, Katrin Wichmann.

Da ist so viel Wut in ihrem Gesicht. Ach was, in ihrem ganzen Körper. So viel Hass. Und vor allem: So viel Neid. 

Gleich in den ersten Minuten des gestrigen „Tatorts“ aus Kiel mit dem schönen Titel „Borowski und das Glück der Anderen“ ist klar: Diese Frau, die da gerade mit ihrem Rasenmäher (!) durch ihr Wohnzimmer (!) pflügt und Teppich und Sofatischchen und alles Mögliche sonst noch niedermetzelt, dreht einfach mal komplett durch. Was Peggy Stresemann dazu gebracht hat, erzählt dieser Film, der weniger Krimi als mehr eine gut beobachtete Sozialstudie ist, in 90 Minuten und einer Rückblende, die direkt nach der eingangs zitierten Szene einsetzt.

Alles wäre okay  – wenn es nicht die Nachbarn gäbe

Durchschnitt. Das ist wohl der Begriff, der am ehesten auf Peggy zutrifft. Wie Millionen anderer Menschen führt sie ein stinknormales Leben. Sie arbeitet als Kassiererin in einem Supermarkt, bewohnt mit ihrem Ehemann (Aljoscha Stadelmann) ein Häuschen in einer Wohngegend mit sauberen Straßen und gepflegten Vorgärten, schaut am Abend Quizsendungen mit Jörg Pilawa und tanzt mit ihrer Kollegin zu Musik von Helene Fischer. Eine von 80 Millionen. Durchschnitt. Und ein Leben, das Regisseur Andreas Kleinert mit viel Liebe zum Detail inszeniert. Für Peggy wäre dieses Leben wohl auch total okay – wenn es nicht die Nachbarn gäbe.

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Die haben nämlich viel mehr Geld, viel fettere Autos, viel teurere Klamotten, Designer-Möbel im durchgestylten Haus und zu allem Überfluss (das denkt Peggy jedenfalls) jetzt noch den Lotto-Jackpot geknackt. Wie ungerecht ist das denn! Wieso die und nicht wir?! Was macht Peggy? Bricht kurzerhand bei den Nachbarn ein und will den Tippschein klauen. Als der Hausherr heimkommt, eskaliert die Situation. Peggy erschießt ihn. Sieben Schüsse feuert sie ab. Voller Wut. Hass. Voller Neid.

Es ist der Peggy-Darstellerin Katrin Wichmann zu verdanken, dass diese Frauenfigur nicht ins Lächerliche abfällt, sondern bis zum Schluss ihre Würde behält. Man schaut ihr einfach gerne zu, kann sie vielleicht sogar verstehen, ihre Lust, aus diesem ja nicht schlechten, aber eben nur stinknormalen Leben, dieser Spießigkeit, auszubrechen. Und so ist es am Ende ausgerechnet sie, diese Durchschnitts-Frau, die aus einem insgesamt eher durchschnittlichen „Tatort“ doch noch einen besonderen macht.

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