1. tz
  2. TV

"München 72": Psychologe sagte Attentat voraus

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

null
© ZDF, Heike Ulrich

München - Millionen von Zuschauern fieberten am Montagabend beim Geiseldrama "München 72" vor den Bildschirmen mit. Den Polizeipyschologen, der im Film vor dem Attentat warnt, gab es wirklich!

Millionen Zuschauer verfolgten Montagabend im ZDF den Film München 72 - Das Attentat. Der 90-Minüter erzählte eindringlich, schonungslos und zum ersten Mal aus deutscher Perspektive die Geiselnahme israelischer Sportler durch palästinensische Terroristen während der Olympischen Spiele vor 40 Jahren nach.

Gleich zu Beginn des Films gab es eine bemerkenswerte Szene, die noch vor dem Start des sportlichen Großereignisses spielt: Darin diskutierte der damalige Polizeipräsident gemeinsam mit seinen Einsatzkräften verschiedene Gefahrensituationen, die theoretisch eintreten könnten.

Bilder aus dem ZDF-Film "München 72 - Das Attentat"

Irgendwann war ein Polizeipsychologe, gespielt von Kai Lentrodt, an der Reihe. Und der, man konnte es kaum fassen, zeichnete mit gespenstischer Genauigkeit exakt jenes Horror-Szenario nach, das kurze Zeit später die Welt erschüttern würde. „Eine Gruppe palästinensischer Attentäter“, so der Psychologe, „dringt gegen 4.30 Uhr in die Quartiere der israelischen Mannschaft ein. Sie sind mit Handgranaten und halbautomatischen Waffen bewaffnet. Es fallen Schüsse, die Israelis werden als Geiseln genommen ...“ Diese Szene ist keine Erfindung eines Drehbuchautors. Sie hat sich genauso zugetragen, wie im Film dargestellt.

Abu Daud und das Olympia-Attentat von 1972

„Das ist sehr authentisch dargestellt“, erklärt Uli Weidenbach im Gespräch mit der tz. Der Autor und Dokumentarfilmer hat den Film München 72 - Das Attentat als Fachberater begleitet und weiß: „Es gab diese Konferenz, in der über eine Geiselnahme im Olympischen Dorf gesprochen wurde.“ Genau wie im Film habe der Psychologe auch in Wirklichkeit blanke Häme für seine Ausführungen geerntet. Er wurde belächelt, nicht für voll genommen. „Es tut mir leid, Herr Brauckmann“, sagt der Polizeipräsident im Film. „Das ist mir alles zu realitätsfremd.“ Wie falsch der Polizeipräsident mit dieser Einschätzung lag, ist Geschichte.

Und der „echte“ Psychologe? In einem Interview mit dem Münchner Merkur bestätigte Georg Sieber, so sein Name, vor ein paar Jahren,

null
Polizeipsychologe Georg Sieber © Kurzendörfer

dass seine Gedanken zum Thema Geiselnahme einfach beiseite gelegt wurden. Stattdessen sei er, Sieber, später selbst beobachtet worden. „Ein Kriminaloberrat, so erzählt es der heute 77-Jährige, „hatte den tollen Einfall: Wenn der alles schon vorher gewusst hat, dann war er möglicherweise beteiligt.“ Zehn ganze Jahre hätte man ihn im Blick gehabt. Plötzlich, sagt Sieber, der sich zuletzt viel mit dem Thema Polizeieinsätze bei Demonstrationen beschäftigt hat, sei er „der Böse“ gewesen.

Der tz-Faktencheck: So realistisch war der ZDF-Film über das Olympia-Attentat

Gab es Anna Gerbers wirklich?

Ja. Es gab eine junge Polizeibeamtin, die erste Gespräche mit den

null
Anna Gerbers (Bernadette Heerwagen) hieß in Wirklichkeit Anneliese Grae © ZDF, Heike Ulrich

Geiselnehmern führte. Sie hieß in Wahrheit Anneliese Graes. Viel bekannt ist nicht über sie. Es gibt nur einen Artikel, in dem sie berichtet, dass Issa, der Anführer des Kommandos, höflich und korrekt zu ihr gewesen sei. Graes ist inzwischen verstorben.
Stimmt es, dass kurzfristig die (Falsch-)Meldung kursierte, alle Geiseln seien gerettet worden?
„Das ist weitestgehend richtig dargestellt“, sagt Fachberater Uli Weidenbach. „Es gab noch ein paar weitere Schritte, die zwischen der falschen Information und ihrer Verkündung lagen, aber das sind nur Nuancen.“
Hatten die Entführer wirklich Fernseher in ihren Zimmern, sodass sie genau mitverfolgen konnten, wie die Polizei ihre Wohnungen stürmen wollte?

„Ja, das stimmt auch“, so Weidenbach. „Die Geiselnehmer konnten die Befreiungsversuche durch die Polizei sozusagen live mitverfolgen.“

Ankie Spitzer, die Frau des israelischen Fechttrainers, sagt im Film: „Ich möchte, dass jemand Verantwortung übernimmt.“ Hat jemand Verantwortung übernommen?
Rund 30 Jahre nach dem Attentat erklärten sich die Stadt München,

null
Ankie Spitzer verlor ihren Mann, den israelischen Fechttrainer André Spitzer. © ZDF, Heike Ulrich

das Land Bayern und die Bundesregierung in einer außergerichtlichen Einigung bereit, den Angehörigen der getöteten Geiseln ein Schmerzensgeld von drei Millionen Euro zu zahlen. Zwei Millionen davon hatten die Gerichtskosten allerdings bereits verschlungen. Die Auszahlung erfolgte unter der Maßgabe, dass die Angehörigen nicht vor den Bundesgerichtshof ziehen.
Sprach Issa wirklich so gut Deutsch?

Ja. Issa konnte sich auf Deutsch verständigen, er hatte einige Zeit in Berlin gelebt und sogar studiert.

Stefanie Thyssen

Auch interessant

Kommentare