Vorab-Kritik zur Folge „Freies Land“

Darum wird der heutige München-Tatort viele Zuschauer enttäuschen

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Batic und Leitmayr müssen sich in Traitach zum Abendessen mit Würstchen aus dem Tankstellen-Automaten begnügen.

Eigentlich ist ein München-Tatort ein Grund, am Sonntagabend einzuschalten. Doch mit dem Fall „Freies Land“ stimmt etwas nicht. Lesen Sie die Vorab-Kritik. 

Das passiert im neuen Tatort aus München, den Das Erste am Sonntagabend, 3. Juni, ausstrahlen wird: Kriminalhauptkommissar Ivo Batic zögert. Soll er ernsthaft für einen neuen Fall in ein heruntergekommenes niederbayerisches Dorf an der Grenze zu Tschechien fahren – sechs Stunden Autofahrt, drei hin und drei zurück? Kollege Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) überredet ihn: „Wir zwei jenseits der S-Bahn. Wann war’n mir des schon mal?“ Überredet.

Der Grund, warum die Zwei nach Traitach fahren (den Namen hat Drehbuchautor Holger Joos erfunden), ist ein Toter in München. Der junge Mann wurde von seiner Mutter gefunden, mit aufgeschlitzten Pulsadern lag er in der Badewanne. Selbstmord war es nicht, auch wenn es  als solcher inszeniert sein sollte. Das Messer ist verschwunden. In dem Blut des Mannes werden später Spuren eines Beruhigungsmittels gefunden, jedoch ist in der Wohnung kein solches Mittel zu finden. Er war „Freiländer“ – gleiches Prinzip wie bei den sogenannten Reichsbürgern. Er lebte aber nicht mit den Gleichgesinnten in Traitach, sondern bei seiner Mama in München. Die Mutter des Toten ist überzeugt: Ludwig hat ihn umgebracht. Ludwig ist der „Anführer“ der „Freiländer“– „Spinner san des“, schimpft die trauernde Mutter. 

München-Tatort: Batic und Leitmayr treffen auf seltsame, verschwiegene Dorfgemeinschaft

Wenn Ludwig oben in dem Saal des Gasthofs „Zum alten Eber“ redet und gegen den „Propagandaapparat“ hetzt, applaudieren die unzufriedenen Dorfbewohner. Währenddessen hocken im Erdgeschoss zwei Klischee-Dorfpolizisten und essen Schweinshaxe. Sie haben an die Tür der Polizeistation einen Zettel geklebt, dass sie hier zu finden sind. Die Kommissare Leitmayr und Batic wollen von der Dorfpolizei mehr über die „Freiländer“ im Allgemeinen und über Ludwig im Besonderen erfahren. Schwierig. Eine seltsame, verschwiegene Dorfgemeinschaft ist das hier. Und es gibt nicht mal was zu essen. Die Kommissare müssen sich abends aus einem dubiosen Automaten zwei Würste mit dünnflüssiger Soße ziehen – in der Hoffnung, sich nicht zu vergiften. 

Leitmayr (links) und Batic stehen vor dem verschlossenen Eingangstor zum „Freiland“-Hof.

Ludwig und die anderen „Freiländer“ blocken Fragen der Münchner Kommissare ab. Eine krasse Situation für die Ermittler aus München. Dazu sagt Schauspieler Nemec: „Die besondere Herausforderung ist, dass wir als Institution, als Personen der Exekutive nicht anerkannt werden von den Menschen, denen wir dort begegnen. Wir laufen gegen eine Mauer der Ignoranz.“

Die „Freiländer“ erkennen die Bundesrepublik Deutschland nicht als Staat an. Stattdessen wollen sie einen eigenen Staat – zwölf Hektar besitzen sie schon – mit eigener Währung, eigenen Werten und eigenem Sozialsystem. Als Zuschauer ist es schwer erträglich, sich den Unsinn anzuhören. Ob Ludwig am Ende tatsächlich der Mörder ist, wie die Mutter des Toten behauptet, wird am Ende des Falls „Freies Land“ aufgelöst. 

Viele Zuschauer werden nach dem Tatort „Reichsbürger“ in der Google-Suche eingeben. Um das Wichtigste zusammenzufassen: Die Verfassungsschutzbehörden von Bund und Ländern kämen bereits auf 18.000 Menschen, die der Szene zuzurechnen seien, sagte ein Sprecher des Bundesamtes für Verfassungsschutz dem Berliner Tagesspiegel. Ungefähr 950 würden als rechtsextrem eingestuft. „Reichsbürger“ sprechen dem Grundgesetz, Behörden und Gerichten die Legitimität ab und akzeptieren keine amtlichen Bescheide. Die gesamte Bewegung gilt als sicherheitsgefährdend, der Verfassungsschutz beobachtet sie seit Herbst 2016. Immer noch hätten ungefähr 1200 Reichsbürger waffenrechtliche Erlaubnisse, wie ein Sprecher des Bundesamtes für Verfassungsschutz sagte. 

Der neue München-Tatort hat alles, verliert aber an Spannung

Der neue Tatort aus München hat eigentlich alles, was ein Krimi im Fernsehen braucht: 

  • ein starkes, brandaktuelles Thema
  • ein Milieu
  • eine realistische Handlung
  • ein etabliertes Ermittlerduo
  • einen kleinen Ort, in dem sich alles abspielt.

Aber trotzdem schafft es der Film von Regisseur Andreas Kleinert („Polizeiruf 110: Rosis Baby“) und Drehbuchautor Holger Joos (Tatort-Fälle „Der Tod ist unser ganzes Leben“ und „Das verkaufte Lächeln“) nicht, die Spannung hoch zu halten. Der am 13. Mai ausgestrahlte Schwarzwald-Tatort „Sonnenwende“ (Ermittlerduo Eva Löbau und Hans-Jochen Wagner, den wir aus der ZDF-Krimi-Reihe „Kommissarin Hella“ an der Seite von Lisa Wagner kennen) bestand aus den gleichen Zutaten, hielt die Spannung aber bis zum Schluss hoch.

Schauspieler Wachtveitl lobt den Regisseur: „Obwohl kein Bayer, hat sich Andreas mit großer Sensibilität und Neugier auf die Wunderlichkeiten Bayerns – und auch unsere – eingelassen. Und so kommt es, dass im Film sogar „firi, ummi, auffi“ (etwa: „… da vor, dann ums Eck und dann hoch“) als Wegbeschreibung vorkommen darf. “

So sehen Sie den Tatort aus München im Fernsehen und in der ARD-Mediathek

Das Erste sendet den neuen Tatort des Bayerischen Rundfunks (BR) am Sonntag, 3. Juni 2018, um 20.15 Uhr. Nach der Erstausstrahlung ist der Tatort 30 Tage lang in der ARD-Mediathek zu sehen.

Frühere TV-Kritiken zu Fällen der Tatort- und Polizeiruf-110-Reihe

„Ich töte niemand“ (Franken-Tatort aus Nürnberg), „Sturm“ (Tatort aus Dortmund), „Fangschuss“ (Tatort aus Münster), „Borowski und das dunkle Netz“ (Tatort aus Kiel), „Nachtsicht“ (Tatort aus Bremen), „Tanzmariechen“ (Köln-Tatort), „Dünnes Eis“ (Polizeiruf aus Magdeburg), „Der scheidende Schupo“ (Tatort aus Weimar), „Schock“ (Tatort aus Wien), „Wacht am Rhein“ (Köln-Tatort) „Klingelingeling“ (München-Tatort), „Dunkelfeld“ (Berlin-Tatort), „Sumpfgebiete“ (Polizeiruf München), „Es lebe der Tod“ (Wiesbaden-Tatort), „Taxi nach Leipzig“ (Jubiläumstatort, die 1000. Tatort-Folge), „Borowski und das verlorene Mädchen“ (Kiel-Tatort), „Echolot“ (Bremen-Tatort), „Die Wahrheit“ (München-Tatort), „Zahltag“ (Dortmund-Tatort), „Der König der Gosse“ (Dresden-Tatort).

sah

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