Die Talkrunde aus Baden-Baden

Nachtcafé: Alle Infos zu der beliebten SWR-Sendung

Michael Steinbrecher - "Nachtcafe"-Moderator
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Moderator Michael Steinbrecher in einem SWR-Fernsehstudio

Auf nur zwei Moderatoren, dafür aber auf jede Menge Gäste kann die bekannte SWR-Talkshow Nachtcafé in ihrer über 30-jährigen Geschichte zurückblicken. Anspruchsvolle Gesprächsrunden mit interessanten, meist nicht prominenten Gästen – das zeichnet die Talkshow aus Baden-Baden aus.

Baden-Baden – Seit dem Jahr 2015 wird im alten E-Werk in Baden-Baden jeden Donnerstag das Nachtcafé aufgezeichnet. Moderiert wird die Talkshow heute von Michael Steinbrecher. Über 25 Jahre geprägt hat sie jedoch der bekannte Talkmaster Wieland Backes, der von Anfang an mit dabei war.

Talkshow Nachtcafé – anspruchsvoller Talk am Freitagabend

Das Nachtcafé gehört zu den beliebtesten Talkshows im deutschen Fernsehen. Seit 1987 geht die vom südwestdeutschen Rundfunk (SWR) produzierte Gesprächsrunde jeden Freitag um 22 Uhr auf SWR 3 auf Sendung. Dieser Sendeplatz wird seit dem 28. April 2020 um einen weiteren ergänzt: Im Wechsel mit den Talkshows „3 nach 9“, „NDR Talk Show“, „Kölner Treff“ und „Club 1“ wird das Nachtcafé nun auch am Dienstagabend um 22.50 Uhr im Rahmen der Reihe „TALK am Dienstag“ im Ersten ausgestrahlt. Das Nachtcafé hat ein treues Stammpublikum und erreicht bis zu einer Million Zuschauern.

Zur ersten Gesprächsrunde lud der SWR am 14. Februar 1987. Zunächst wurde nur ein Mal im Monat aufgezeichnet. Doch der große Erfolg des Talks überzeugte die Verantwortlichen schnell, jede Woche auf Sendung zu gehen. Das ist bis heute so geblieben.

Das Nachtcafé und sein Konzept

Das Konzept der Talkshow ist eng mit dem langjährigen Moderator der Sendung verbunden: Wieland Backes drückte der Show insgesamt 27 Jahre seinen ganz persönlichen Stempel auf. Anders als viele andere deutsche Gesprächsrunden im Fernsehen zeichnet sich das Nachtcafé durch einen thematischen Schwerpunkt aus. Die Themen kommen weitestgehend aus dem gesellschaftlichen Bereich und sprechen ein breites Publikum an. Im Nachtcafé behandelte Themenschwerpunkte sind beispielsweise:

  • Von Aufstiegen und Abstürzen
  • Die heilende Kraft der Natur
  • Wiedergeburt – oder alles vorbei?
  • Liebe in Zeiten von Krisen
  • Freundschaft – wenn nichts unmöglich ist
  • Mein Körper – mein Kapital?
  • Familie – was uns eint, was uns entzweit
  • Pulverfass Erbe
  • Von Schuld und Verzeihen
  • Die tägliche Dosis – wenn Sucht das Leben beherrscht

In jeder Ausgabe werden die Gäste einzeln befragt und durch den Moderator zu einer Diskussion angeregt. Manchmal werden auch kurze Videos gezeigt.

Bis zum Jahresende 2014 wurde die Gesprächsrunde zunächst mit einem sogenannten Bargespräch eingeleitet. Bei diesem Tête-à-Tête befragte der Moderator einen Gast, der später nicht an der Runde teilnahm. So wurden die Zuschauer in das Thema der Sendung eingeführt.

Nachtcafé – die Drehorte im Südwesten

Lange Zeit residierte das Nachtcafé in einem Schloss: Aufgezeichnet wurde die Talkshow von 1987 bis 2014 im Barockschloss Favorite in Ludwigsburg. Das kleine Lust- und Jagdschloss aus dem 18. Jahrhundert erlangte dadurch bundesweite Berühmtheit. Im Jahr 2015 zog das Nachtcafé aber nach Baden-Baden um: Bis heute wird es dort wöchentlich im alten E-Werk aufgezeichnet. Das Elektrizitätswerk wurde 1899 errichtet und lieferte der Stadt bis 1966 zuverlässig Strom. Nach Jahrzehnten im Abseits wurde es Ende der 1990er-Jahre renoviert und zu einem Veranstaltungsraum sowie einem Fernsehstudio ausgebaut. Neben dem Nachtcafé wurde hier auch 15 Jahre lang die Sendung „Menschen der Woche“ mit Frank Elsner produziert. Wer einmal als Zuschauer dabei sein möchte, wenn das Nachtcafé aufgezeichnet wird, kann sich per E-Mail bewerben. Die Tickets sind nicht käuflich, sondern werden für jede Sendung verlost.

Das Nachtcafé und seine Moderatoren

Zwei Persönlichkeiten prägen das Nachtcafé: Von 1987 bis zum Dezember 2014 hieß Wieland Backes die Gäste der Talkshow willkommen. Im Januar 2015 trat Michael Steinbrecher das Erbe Wielands an. Seinen Abschied von der Sendung verkündete Wieland in einem exklusiven Interview mit der Stuttgarter Zeitung: In diesem betonte er, dass er die Sendung auf der Höhe seines Erfolges verlassen wolle und der Zeitpunkt von ihm selbst gewählt sei. Das letzte Nachtcafé mit Wieland Backes wurde am 12. Dezember 2014 ausgestrahlt. Das Thema der Sendung hieß „Happy End“. Eingeladen waren so prominente Gäste wie Winfried Kretschmann, Ute Lemper und Harald Schmidt. Nach dem Abschied vom Nachtcafé moderierte Backes noch bis zum Jahr 2019 die SWR-Rateshow „Ich trage einen großen Namen“.

Michael Steinbrecher konnte bereits auf eine lange Erfahrung als Moderator zurückblicken, als er das Nachtcafé übernahm: Er moderierte fünf Jahre lang die Talkshow „Jugendtalk“ und mehr als 20 Jahre das „Aktuelle Sportstudio“ im ZDF. Bei Fernsehevents wie Fußball-Weltmeister- und -Europameisterschaften sowie den Olympischen Spielen war er ebenfalls als Moderator vor Ort. Steinbrecher verpasste dem Nachtcafé einige Neuerungen, ohne das Grundkonzept der Sendung infrage zu stellen.

Die Talkshow Nachtcafé und ihre Gäste

Zu jedem Nachtcafé werden sechs bis acht Gäste eingeladen. Die prominenten und unbekannten Menschen werden von Michael Steinbrecher in Einzelinterviews zum aktuellen Thema der Sendung befragt. Daraus entwickelt sich dann in der Regel ein gemeinsames Gespräch, an dem mehrere Gäste teilnehmen. Ab und zu werden Gesprächspartner auch erst später in die Runde geholt. Neben bekannten Persönlichkeiten ist fast immer ein Experte vor Ort, z. B. ein Wissenschaftler, der die neuesten Erkenntnisse aus der Forschung zum Besten gibt. Zu den prominenten Gästen des Nachtcafés gehören Schauspieler, Autoren und Politiker wie:

  • Joschka Fischer
  • Henryk M. Broder
  • Iris Berben
  • Hellmuth Karasek
  • Ruth Maria Kubitschek
  • Heinz Hoenig
  • Wolfgang Bosbach
  • Claudia Wenzel

Doch prominent zu sein, ist keineswegs die Voraussetzung, um als Gast im Nachtcafé zu sitzen. Die Geladenen sind meist ganz normale Menschen, die das Publikum mit ihrer Geschichte in ihren Bann ziehen. Einfühlsam entlockt Michael Steinbrecher seinen Gästen Details aus ihrem Leben: Erinnerungen, Erlebnisse und Erfahrungen, die sie und oft auch ihr Umfeld geprägt haben.

Das Nachtcafé – ein einziger handfester TV-Skandal

In 34 Jahren Nachtcafé wurde viel diskutiert, erzählt, gelacht und manchmal auch geweint – vor Rührung oder aus Trauer. Aufsehenerregende Skandale hingegen, wie bei anderen Talkshows, gab es nur ganz selten. Für richtig große Schlagzeilen sorgte eigentlich nur der deutsche Regisseur Dieter Wedel: 1999 war er bei Wieland Backes im Nachtcafé zu Gast. Das Thema der Sendung lautete damals: „Seitensprünge – wie viel Freiheit verkraftet die Liebe?“ Als die geladene Fotografin Heike Schiller Wedel vorwarf, seine „hormonellen Geschichten nicht unter Kontrolle zu haben“, verließ dieser wutentbrannt das Studio. Backes, wie immer gelassen und humorvoll, rief ihm noch „Gruß an die Familie!“ hinterher. In der letzten Sendung mit Backes dem Thema „Happy End“ kam Dieter Wedel noch einmal, um sich zu versöhnen und sich für seinen Auftritt zu entschuldigen.

Nachtcafé – Auszeichnungen und Bemerkenswertes

Insgesamt mit drei Preisen wurde die Talkshow Nachtcafé bis heute ausgezeichnet:

  • Löwen-Journalistenpreis für das Nachtcafé zum Thema „Spieler“ (1987)
  • Diakonie Journalistenpreis für das Nachtcafé mit dem Thema „Leben mit dem Tod“ (2005)
  • Deutscher Medienpreis Depressionshilfe (2013)

Zu den Ritualen der Sendung unter Wieland Backes Moderation gehörte seine Angewohnheit, jedes Nachtcafé mit einem zum Thema passenden Zitat abzuschließen. Diese wurden im Jahr 2009 in einem Buch mit dem Titel „Das Nachtcafé-Zitatebuch“ veröffentlicht. Persönliches und Anekdoten aus seiner Zeit als Moderator des Nachtcafés schildert Backes auch in seinem Werk „Geschichten aus dem Nachtcafé“, das im Jahr 2003 erschienen ist.

Das Nachtcafé ist ein Stück Fernsehgeschichte, das seit Jahrzehnten mit bewegenden Geschichten und spannenden Gästen für anspruchsvolle Fernsehunterhaltung sorgt. Und die Talkshow aus Baden-Baden beweist: Man muss nicht berühmt sein, um etwas zu erzählen zu haben.

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