„Ein kleines Glück“

Nockherberg-Singspiel: Duselbruder Markus Söder

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Stephan Zinner (l) in der Rolle des bayerischen Ministerpräsidenten Söder und Gerd Lohmeyer als "Das Dusel" treten beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg beim Singspiel auf.

Wie hat Markus Söder es in einem Jahr vom Wackelkandidaten zum Landesvater geschafft? Die Singspiel-Autoren vom Nockherberg haben darauf eine Antwort: Dusel.

München – Vielleicht ist auch alles ganz anders. Vielleicht hat Markus Söder seine Karriere doch dem Mann zu verdanken, der ihn seit nunmehr 15 Jahren auf dem Nockherberg verkörpert. Weil seit 2004 alle Bayern denken, er sei so, wie Stephan Zinner ihn spielt. Ausgschamt, hinterfotzig und selbstverliebt – aber halt doch „a Hund“, ein ziemlich cooler. Der Gedanke ist beileibe nicht neu, aber am Ende des Singspiels „Ein kleines Glück“, in dem Zinner wieder alle Register gezogen hat, drängt er sich förmlich auf.

Den Ticker zum Nockerberg 2019 können Sie hier nachlesen

Markus Söder - ein Landesvater mit Dusel 

Die Autoren Stefan Betz und Richard Oehmann freilich haben eine andere und sehr pfiffige Erklärung für Söders Erfolg: Der Mann, der im Vorjahr ins Umfragetief rauschte und ein historisch schlechtes Wahlergebnis für die CSU erzielte, kann heute nur als Landesvater strahlen, weil er unfassbares Dusel hat. Und dieses Dusel – einen kauzigen kleinen Kerl im Woll-Kostüm, gespielt von Gerd Lohmeyer – hat er in einen Spind im Wellness-Bereich unter der Staatskanzlei eingesperrt. Um ab und zu an ihm zu schnuppern.

Natürlich gibt Söder das nicht zu: „Die Zeit der One-Man-Show is over, vorbei“, schmalzt er im ersten Song des Abends in bester Las-Vegas-Manier und lila Jogginganzug. Hubert Aiwanger (mit Knieschonern: Florian Fischer) lügt er sogar vor, er habe sich das Ego verkleinern lassen, weshalb er nun nicht mehr „ich“ sagen könne. „War a ziemlich großer obberadiver Eingriff.“, fränkelt er. „Maggus Söder ist offener geworden, lässiger, jünger, weiblicher, schöner. Und er is a Bienenfreund.“

Von wegen Wellness: Wir sehen einen ziemlich ranzigen Keller (Bühne: Evi Stiebler). Gekachelte Tristesse, eine Bar, eine grindige Badewanne und eine gefährlich qualmende Heizungsanlage. Seitlich geht’s in die Saunen – und rechts ins „Stahlbad“ der AfD, aus dem immer mal wieder Artilleriefeuer und Wagners Walkürenritt dröhnen. „Da müsste mal was gemacht werden“, lautet nicht von ungefähr der Untertitel des Stücks.

Natürlich trifft das insbesondere auf die Volksvertreter zu, die nach und nach in die zwielichtige Räumlichkeit stolpern. Betz und Oehmann legen den Fokus diesmal auf die Bundespolitik: SPD-Chefin Andrea Nahles (Nikola Norgauer) tritt mit einem lauten „Meine Fresse, ey!“ die Tür ein, CSU-Verkehrsminister Andreas Scheuer kriecht verkatert von einem Discobesuch mit den Auto-Bossen hinter der Bar hervor.

Double Stefan Murr spielt Scheuer zum ersten Mal und ähnlich großartig wie einst Karl-Theodor zu Guttenberg. Sein Scheuer ist ein großspuriger, dabei ziemlich einfältiger Polit-Parvenü. „Party, Party, Party!“, skandiert der „Autoschmuser-Andi“ im festen Glauben, den Bossen bei Erdbeersekt und Nüsschen weitreichende Zugeständnisse abgeluchst zu haben. „Die bauen jetzt nur noch schadstoffarme Kleinwägen, betrieben mit Strom, Wasserstoff oder Eigenurin.“ Doch die bayerische Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze weist ihm nach: Die schriftliche Übereinkunft ist nur der Bewirtungsbeleg vom P1. Scheuer ist auf der Zeche sitzengeblieben.

Nockherberg-Debüt von Sina Reiß als Katharina Schulze

Überhaupt Schulze: Sina Reiß debütiert schlicht umwerfend als überdrehter Smartphone-Junkie. Alles will sie zu einer Instagram-Story verwursten – und nervt damit nicht nur Scheuer („Sie können ja froh sein, dass sie schon so alt sind – ich kann erst mit 40 Ministerpräsidentin werden, da muss ich noch ewig warten“). Auch OB Dieter Reiter (Gerhard Wittmann) muss sich von Schulze aufs Brot schmieren lassen, dass die Grünen bald München übernehmen. Der Song heißt „Sorry SPD“ und ist ziemlich böse.

Wieder einmal sind die Lieder von Tobi Weber und den Musikern vom Café Unterzucker ein Pfund, mit dem das Singspiel wuchert – egal, ob Radiopop, Reggae, Hip-Hop oder Gospel in Perfektion. Als Überraschung des Abends treten gar Marianne und Michael auf, die eine lupenreine Selbstpersiflage abliefern – und eine Satire auf das glückliche Bayern, das seine Konsumgüter billig im Ausland fertigen lässt. Anderer Höhepunkt: das Rap-Gefecht der großartigen Antonia von Romatowski als Angela Merkel mit Christoph Zrenner als Horst Seehofer – gegen die Kanzlerin im „Aggro-Berlin“-T-Shirt zieht er den Kürzeren.

Auch sonst springen die Singspiel-Macher mit dem vormaligen Ministerpräsidenten wenig zimperlich um. Seehofer geistert im Bademantel durch die Kulisse, er hat seinen Turnbeutel vergessen. Doch keiner beachtet ihn – so lange, bis der Ignorierte glaubt, er sei unsichtbar, und sich im Superheldenkostüm Allmachtsfantasien hingibt. Der Turnbeutel findet sich später im AfD-Stahlbad.

Nockherberg Singspiel: Einige Figuren waren eher schwach

Manch andere Figur zündet weniger – trotz einer schauspielerischen Energieleistung wie im Falle von Norgauer. Bei ihrer Nahles beschränkt sich die Satire doch hauptsächlich auf die schrillen Manierismen des Vulkans aus der Eifel. Und Hubert Aiwanger ist trotz guter Gags nur Steigbügelhalter des Ministerpräsidenten – der ihn permanent mit dem falschen Vornamen anredet.

Ach ja, und das Dusel? Das kann irgendwann vor Söder fliehen – nur damit sich die anderen über es hermachen. Irgendwann hat jeder mal an ihm geschnuppert, das Dusel wird davon immer matter und fällt tot um. Die Politiker sind derweil so mit ihrem Glücksgefühl berauscht, dass sie die Gefahr, die vom langsam überhitzenden Boiler ausgeht, auf die leichte Schulter nehmen.

An der langen Leine: Ministerpräsident Markus Söder (Stephan Zinner) mit dem personifizierten Dusel (Gerd Lohmeyer).

So ein Kessel ist ein simples Symbol und kann für vieles stehen: Klimakatastrophe, soziale Schieflage, Erstarken der Rechtsradikalen. Söder findet, er steht für Alarmismus. Als dann die Explosion kurz bevorsteht, tritt der Landesvater als Heilsbringer auf. Zinner röhrt den Gospel des Weiterwurstelns – und spätestens jetzt krümmt sich das Publikum vor Lachen: „Wir haben einen bewährten Masterplan: Schritt eins: Ich ernennen das Problem zur Chefsache. Schritt zwei: Wir bilden einen runden Tisch. Schritt drei: Wir machen ein Foto. Schritt vier: Wir warten bis ein neues Problem auftaucht, das vom alten ablenkt.“ Dann singen alle: „Des geht scho no, da werd scho nix passiern.“

Am Ende bleibt dreierlei: Das Nockherberg-Team kann stolz sein auf ein witziges Singspiel. Die Zuschauer können sich darin bestätigt fühlen, ja schon immer gewusst zu haben, wie Politik funktioniert. Und der Landesvater, der hat einfach a Massl. Er hat Stephan Zinner.

Extreme Reaktionen kassierte Maxi Schafroth beim Nockherberg 2019 - aber die Politiker fanden es toll.

Höhepunkt des Singspiels

Hubert Aiwanger: Wir sollten öfter miteinander singen.
Markus Söder: Sicher, jederzeit, Herbert.
Aiwanger: Hubert.
Söder: Ein schöner Name. 

Stephan Zinner in der Rolle des bayerischen Ministerpräsidenten Söder und Florian Fischer in der Rolle des stellvertretenden Ministerpräsidenten von Bayern, Hubert Aiwanger.

Aiwanger: Eine Ego-Transplantation hat mir meine Partei auch schon nahegelegt. Die haben mir sogar ein Spender-Ego besorgt. Ein recht dürres. Von einem sozialdemokratischen Sechzgerfan aus Furth im Wald. 

(die Heizung zischt)
Andrea Nahles: Das Ding is ganz schön heiß!
Dieter Reiter: Des hat halt alles noch der Strauß geplant, und seitdem hat die CSU des ganz schön runtergerockt. Der Streibl mit Amigoparties und der Stoiber mit seine Mineralwasserorgien.

Bätschi! Andrea Nahles (Nikola Norgauer).

 

Katharina Schulze: Ach, Herr Scheuer. Sie hier?
Andreas Scheuer: Eigentlich Dr. Scheuer, aber Katha, wir können uns doch duzen.
Schulze: Ich duze keine alten Leute. 

Scheuer: Also, wenn mir da einer von den Auto-Bossen K.O.-Tropfen ins Glas geschüttet hätte, hätten die anderen das ja gesehen. Und mich gewarnt. Die sprechen sich doch nicht ab.
Schulze: Läuft wohl nicht so bei ihnen, Herr Scheuer? Ja, ja, unsere CSU-Verkehrsminister: Ein Leben auf der Standspur. Ist ja auch ne Art Tempolimit. 

Nahles: Ja, verdammt! Wir sind in der Regierung echt die Fleißigen, Guten und Seriösen. Leck mich am Arsch, und keiner merkt’s! Ich hab’ mich manchmal schon gefragt: Liegt’s an mir?

Sina Reiß in der Rolle der Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im bayerischen Landtag.

Schulze: 2020 trete ich gegen sie im Wahlkampf an. Und gewinne! Dann zapfe ich o.
Reiter: Da müssen’s abermal das Smartphone aus der Hand legen, sonst brauchen’s 25 Schläge.
Schulze: Ich brauch’ gar keinen. Das wird das erste gewaltfreie Anzapfen. 

Angela Merkel: (am Handy) Ach, Annegret, du kannst doch Kanzlerin. Na und? Ich hab doch auch kein Charisma. Aber ich bin weltweit beliebt, und das liegt sicher nicht an mir. Soll ich dir mal meinen Trick verraten? Innenpolitisch mach ich nix. Und außenpolitisch umgeb ich mich mit Arschgeigen. 

Seehofer und Merkel: kamen persönlich nicht.

Merkel: Herr Scheuer, wo sehen sie sich eigentlich nach der nächsten Wahl?
Scheuer: Hauptsach’ nix mit Autos. Oder Zügen.
Merkel: Und nichts mit dem Berliner Flughafen, was?
Scheuer: Wieso? Bin i da aa no zuständig?
Merkel: Ja, und für schnelles Internet.
Scheuer: (schaut entsetzt, grinst dann) Frau Merkel, sie verarschen mich, gell?! Fast wär ich drauf reingefallen. Die Ander! Internet ... 

Schulze: Herr Söder, sie haben sich nur durch das Dusel oben halten können, oder?
Söder: Nein! Das war eine geschlossene Mannschaftsleistung. Wir ham’ ja mit Kreutzer, Blume und Herrmann einige charismatische Kampfschweine. Und so Dinger, Frauen, ham’ wir auch, für die Fotos.

Nockherberg 2019: Fotos vom Starkbieranstich

Starkbieranstich auf dem Nockherberg
Höhepunkt beim Singspiel am Nockherberg 2019: Angela Merkel (Antonia von Romatowski) rappt mit „Aggro-Berlin“- T-Shirt. © dpa / Tobias Hase
„Party, Party, Party!“ der „Autoschmuser-Andi“ Scheuer gespielt von Stefan Murr. 
„Party, Party, Party!“ der „Autoschmuser-Andi“ Scheuer gespielt von Stefan Murr.  © dpa / Tobias Hase
Starkbieranstich auf dem Nockherberg
„Ja, verdammt! Wir sind in der Regierung echt die Fleißigen, Guten und Seriösen. Leck mich am Arsch, und keiner merkt’s! Ich hab’ mich manchmal schon gefragt: Liegt’s an mir?“ - Andrea Nahles  beim Singspiel auf dem Nockherberg 2019. © dpa / Tobias Hase
Starkbieranstich auf dem Nockherberg
Keiner beachtet ihn. Seehofer glaubt bald, er sei unsichtbar. © dpa / Tobias Hase
Starkbieranstich auf dem Nockherberg
„Sorry SPD“ - singt Katharina Schulze (Sina Reiß)beim Singspiel auf dem Nockherberg 2019. © dpa / Tobias Hase
Im Bademantel - Christoph Zrenner in der Rolle des Bundesinnenministers Seehofer und Antonia von Romatowski in der Rolle der Bundeskanzlerin Merkel.
Im Bademantel - Christoph Zrenner in der Rolle des Bundesinnenministers Seehofer und Antonia von Romatowski in der Rolle der Bundeskanzlerin Merkel. © dpa / Tobias Hase
Stephan Zinner (l) in der Rolle des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder und Gerd Lohmeyer als "Das Dusel"
Stephan Zinner (l) in der Rolle des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder und Gerd Lohmeyer als "Das Dusel". © dpa / Tobias Hase
Andreas Scheuer (CSU, l), Bundesverkehrsminister, und sein Double Stephan Murr
Andreas Scheuer (CSU, l), Bundesverkehrsminister, und sein Double Stephan Murr. © dpa / Tobias Hase
Starkbieranstich auf dem Nockherberg
Dieter Reiter (SPD, l), Münchner Oberbürgermeister und sein Double Gerhard Wittmann. © dpa / Tobias Hase
Starkbieranstich auf dem Nockherberg
Stephan Murr in der Rolle des Bundesverkehrsministers Scheuer und Sina Reiß in der Rolle der Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im bayerischen Landtag, Katharina Schulze.  © dpa / Tobias Hase
Starkbieranstich auf dem Nockherberg
Singspiel beim Nockherberg 2019.  © dpa / Tobias Hase

Johannes Löhr

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